ESC Hall of Shame, Raum 1: 1962

1. Nil­poin­ter: Bel­gi­en (1) Fud Leclerc Ton Nom

Viel Schwarz­weiß begeg­net Ihnen in den nächs­ten Minu­ten, denn die frü­hen Sech­zi­ger­jah­re, als das Farb­fern­se­hen noch in der fer­nen Zukunft lag, waren die hohe Zeit der Nul­poin­ter beim Grand Prix. Was vor allem mit den damals ver­wen­de­ten, öfters wech­seln­den Wer­tungs­sys­te­men zusam­men­hing, bei denen die Juro­ren ins­ge­samt nur sehr weni­ge Punk­te ver­tei­len durf­ten. So traf es den seit Anbe­ginn des Wett­be­werbs anno 1956 regel­mä­ßig alle zwei Jah­re für die fran­zö­sisch­spra­chi­ge Wal­lo­nie star­ten­den Bel­gi­er Fud Leclerc beson­ders hart: bei sei­nem vier­ten und letz­ten Euro­vi­si­ons­auf­tritt ging er nicht nur als aller­ers­ter Nul­poin­ter über­haupt in die Anna­len ein, son­dern muss­te sich den letz­ten Platz auch noch mit drei wei­te­ren Mitstreiter:innen tei­len. Näm­lich mit…

2. Nil­poin­ter: Spa­ni­en (1) Vic­tor Bala­guer Llá­ma­me

Direkt nach Mon­sieur Leclerc auf­ge­tre­ten, riss es auch den beson­ders dra­ma­tisch ges­ti­ku­lie­ren­den und into­nie­ren­den Spa­ni­er Vic­tor Bala­guer, sei­ner­zeit einer der hei­ßes­ten neu­en Stars des Lan­des. Zu mei­nem völ­li­gen Unver­ständ­nis übri­gens, denn sol­cher­ma­ßen aus tiefs­ter See­le kom­men­den, in ihrer expres­sio­nis­ti­schen Aus­drucks­kraft schon ans Par­odis­ti­sche gren­zen­de Dar­bie­tun­gen bil­den für mei­nen Geschmack das Herz und die See­le des Grand Prix. Die dama­li­gen, über­wie­gend aus den stei­fe­ren nor­di­schen Län­dern stam­men­den Juro­ren brach­ten für sol­cher­lei Gefühls­aus­brü­che jedoch kei­ner­lei Ver­ständ­nis auf und straf­ten Vic­tor mit völ­li­ger Nicht­ach­tung. Buh!

3. Nil­poin­ter: Öster­reich (1) Eleo­no­re Schwarz Nur in der Wie­ner Luft

Als drei­mi­nü­ti­ge Tou­ris­mus­re­kla­me ent­pupp­te sich der intern aus­ge­wähl­te öster­rei­chi­sche Bei­trag von 1962, als so nerv­tö­ten­de wie lang­wei­len­de Anein­an­der­rei­hung der abge­dro­schens­ten Kli­schees über die Haupt­stadt des Alpen­lan­des, wel­che sich das Frem­den­ver­kehrs­bü­ro aus den Fin­gern sau­gen konn­te. Und dann noch, ganz dem gewünsch­ten Bild der Metro­po­le klas­si­scher Musik ent­spre­chend, als Ope­ret­ten­num­mer dar­ge­bo­ten; einem Musik­stil also, der sich beim Grand Prix Euro­vi­si­on de la Chan­son einer ähn­li­chen (Un-)Beliebheit wie Rap. Die null Punk­te hat­te sich Frau Schwarz red­lich ver­dient. Die besun­ge­ne, tat­säch­lich fabel­haf­te Stadt aller­dings nicht: Rain­hard Fend­rich bewies 1985 mit ‘Haben Sie Wien schon bei Nacht gesehn’, wie es wirk­lich geht, aller­dings lei­der außer­halb des Song Contests.

4. Nil­poin­ter: Nie­der­lan­de (1) Spelbrekers Kat­in­ka

Ach ja, die heu­te so ger­ne als unschul­dig ver­klär­ten Sech­zi­ger (und Sieb­zi­ger), als die Welt noch in Ord­nung war *hüs­tel* und Pädo­phi­lie nicht allei­ne der katho­li­schen Kir­che vor­be­hal­ten blieb. Son­dern ver­harm­lo­send-augen­zwin­kern­de Lob­prei­sung eben­falls im Schla­ger erfuhr, wie bei­spiels­wei­se bei Hei­no (‘Polen­mäd­chen’, ‘Die schwar­ze Bar­ba­ra’), Bernd Clü­ver (‘Mexi­can Girl’) oder beim Kai­ser, dem Roland (‘Joana’, ‘San­ta Maria’). Auch das ziem­lich cree­py drein­bli­cken­de nie­der­län­di­sche Duo De Spelbrekers (Die Spiel­ver­der­ber), das sich bei der Kriegs­ge­fan­ge­nen-Zwangs­ar­beit in Bre­men ken­nen gelernt hat­te, besang hier die lieb­li­chen Rei­ze einer koket­ten Drei­zehn­jäh­ri­gen, wel­che die bei­den Her­ren gemein­schaft­lich auf dem Schul­weg stalk­ten. Dass wäh­rend ihres Auf­tritts stän­dig das Licht aus­fiel, müs­sen die Juro­ren wohl als Wink ver­stan­den haben…

Puh, ganz schön viel Stoff gleich im ers­ten Aus­stel­lungs­raum! Im nächs­ten wird es lei­der nicht weni­ger. Ich hof­fe, Sie fol­gen mir trotzdem.

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