Belgien 2014: Viva la Mamma

Ein Niederländer war es, der in meinem Geburtsjahr 1967 die maßgeblichste Mütterschnulze aller Zeiten auf den Markt brachte: der seinerzeit zwölfjährige Heintje und sein wohl für jeden, der damals Ohrenzeuge wurde, für alle Zeiten traumatisierendes ‚Mama‘. Die Grand-Prix-Variante besorgte zwei Jahre später der ebenfalls zwölfjährige Franzose Jean-Jaques Bertolai, der für Monaco die ‚Maman, Maman‘ anschmachtete. Nun ist es der deutlich über dreißigjährige Wallone Axel Hirsoux, der die heutige dritte Vorrunde des belgischen Eurosong im flämischen Teil des zweisprachigen Landes haushoch gewann, der mit einem auf Englisch gesungenen Lied für seine ‚Mother‘ die Nation spaltet – und womöglich im Mai auch ganz Europa. Denn der Beitrag vereint alles, was jeden Menschen mit einem Rest an Geschmack zum Vomitieren bringt: da steht ein fetter, schwuler Mann im schwarzen Abendanzug bewegungslos auf der Bühne und singt mit enervierend hoher Tenorstimme eine rein auf vokale Showeffekte angelegte Ode an seine – auch noch im Sendestudio anwesende! – holde Frau Mutter. Und die vierköpfige belgische Jury rastet komplett aus und zückt unisono die Maximalwertung, damit der schlimme Song auch noch sicher ins Finale kommt. Gute Güte!


Hat er seine Mama gerade aufgefuttert? Axel Hirsoux

Das Erschütterndste an der Sache aber ist: es funktioniert! Ich schäme mich nicht, es zuzugeben: ich hatte während Axels Auftritt sowohl Gänsehaut als auch Pipi in den Augen – kann ich mich als ebenfalls nicht gerade gertenschlanker, ebenfalls tragisch veranlagter Mann mit Mutterkomplex doch bestens in Herrn Hirsoux (wie wir im Einspieler erfuhren, natürlich ebenfalls ein flammender Grand-Prix-Fan, dessen größter Traum mit seiner Teilnahme in Erfüllung ginge) hineinversetzen. Die nicht von ihm komponierte Nummer mag zynisches Kalkül sein (wie auch der Jury-Hinweis, jeder einzelne europäische Voter habe doch eine Mutter): auf mich wirkt sie – und vor allem er – voll und ganz authentisch. Nach seiner Top-Bewertung durch die Jury bedankte er sich mit zitternder Stimme und Tränchen im Auge, dass er ausnahmsweise mal nicht als fetter Mann beurteilt worden sei, sondern als Sänger: einen größeren Disney-Moment gab es beim Grand Prix seit 1998 nicht mehr!


Haben ihnen ihre Mütter schon Ausgang gegeben? The Bandits

Platz zwei im Gesamtranking belegten die Bandits: vier Jungs im Alter von 16 bis 18 Jahren, so heißt es jedenfalls offiziell. Glaube ich kein Wort von: rein optisch dürften die Milchgesichter eher in die Kernzielgruppe des wohl berühmtesten Belgiers aller Zeiten, Marc Dutroux, fallen. Unnötig, die Horden laut kreischender, präpubertärer Mädchen im Studio zu erwähnen, die ihnen trotz eines grottenschlechten Songs den Einzug ins Finale sicherten. Und dort wohl auch den klaren Sieg besorgen würden, falls ihnen die belgische Jury nicht mit einer weiteren glatten 100-%-Wertung für das Mamasöhnchen Axel einen erneuten Strich durch die Rechnung macht. Wovon man ausgehen kann, denn dass die Vier keinerlei Skrupel kennen, sich ihr Wunschergebnis zurecht zu manipulieren, ließen sie in den zurückliegenden Sendungen bereits mehr als deutlich erkennnen. Und auch, wenn ich das niemals öffentlich zugeben könnte: in diesem Fall fände ich es sogar gut, denn erstens verhinderten sie so die furchtbaren singenden Kinder und zweitens wäre ‚Mother‘ beim Grand Prix ein echter Aufreger und sorgte sicherlich für erhitzte Debatten – was dem in seiner musikalischen Konsenzsoße langsam dahindämmernden Wettbewerb nur gut tun kann!


Auch beim deutschen Vorentscheid huldigte man schon der Mama

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6 Gedanken zu “Belgien 2014: Viva la Mamma

  1. Aufreger gerne, Axels Stimmgewalt von mir aus auch gerne, aber bitte nicht mit dieser Schnulze. Dass es das Publikum pubertierender Mädchen nicht geschafft hat, Bandits an Axel vorbeizuwerten, macht mir jetzt schon Angst vor dem Finale. Scheinbar gibt es in Belgien mehr „geschmacksgestörte Hausfrauen“ als Teenies.

  2. Dazu hatten die pubertierenden Mädchen ja gar keine Gelegenheit. Die Jury hat ihm ja extra 99 von 100 erreichbaren Punkten gegeben – er hätte schon eine dicke fette Null vom Publikum kriegen müssen, damit die Bandits überhaupt die Chance gehabt hätten, an ihm vorbei zu ziehen. Anscheinend haben aber genug Mütter zugeschaut und angerufen…

  3. Ich blicke bei dem Berechnungssystem sowieso nicht durch. Aber wenn die Jury tatsächlich so viel Macht hat, kann eh nichts Gutes mehr bei Belgien herauskommen.

  4. Bitte, worin liegt hier der Aufreger? Dass jemand über seine Mama singt ist doch von vorgestern! Das holt keinen Hund hinter’m Ofen vor.

  5. Wenn ihr euch alle besser informiert hättet, dann wüsstet ihr dass die Jury im Finale gar nichts bestimmen darf sondern nur beratende Funktion hat. Also lasst mal die Kirche im Dorf

  6. Danke für die Information! Ich befürchte nur, dass das Ergebnis trotzdem nicht besser ausfallen wird.

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