Pro­fi­tiert Schwe­den von der eige­nen Regel­än­de­rung?

Kann Frans Jepps­son-Wall die Kro­ne erneut nach Stock­holm holen? Vie­le Fans sind sich des­sen abso­lut sicher, und wäh­rend die eher mise­ra­ble Live-Per­for­mance des 17jährigen im gest­ri­gen Fina­le des Melo­di­fes­ti­va­len mich über­haupt nicht ansprach, muss ich geste­hen, dass mich nach dem Anhö­ren der Stu­dio­fas­sung von ‘If I were sor­ry’ lei­der auch der Ver­dacht beschleicht, Schwe­den kön­ne das neue Euro­vi­si­ons-Irland wer­den und die Grand-Prix-Kro­ne 2016 bereits zum drit­ten Mal in die­sem Jahr­zehnt errin­gen. Dage­gen spricht aller­dings, dass das Fränz­chen selbst zuhau­se nicht gera­de auf über­bor­den­de Lie­be trifft: er gewann mit ledig­lich 14,9% der Zuschau­er­stim­men, die nied­rigs­te Zustim­mungs­ra­te seit der Ein­füh­rung des der­zei­ti­gen Aus­zäh­lungs­ver­fah­rens im Mel­lo im Jah­re 2011. Zum Ver­gleich: Jury­fa­vo­rit Oscar Zia errang für sei­ne wirk­lich schlim­me, super­prä­ten­tiö­se Bom­bast­bal­la­de ‘Human’ 10% der Stim­men aus dem Tele- und App-Voting. A pro­pos Jury: eini­ge der zehn auf­ge­ru­fe­nen inter­na­tio­na­len Jurys sag­ten “Sor­ry” zum Frans und gaben ihm Zero Points. Und auch, wenn das Abstim­mungs­ver­hal­ten von jeweils fünf will­kür­lich aus­ge­wähl­ten Men­schen kei­ner­lei sta­tis­ti­sche Rele­vanz besitzt: man mag es als Hin­weis lesen, dass der schwe­di­sche Bei­trag stark spal­tet und auf eben­so viel erbit­ter­te Ableh­nung stößt wie auf Fan-Zunei­gung. Das mani­fes­tiert sich auch im You­tube-Kanal von eurovision.tv, wo der Video­clip der­zeit knapp dop­pelt so vie­le Dis­li­kes auf sich ver­eint als Likes.

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Was natür­lich eben­so wenig über das poten­ti­el­le Abschnei­den der schwe­di­schen Tran­tü­te auf inter­na­tio­na­ler Büh­ne aus­sagt. Denn beim Tel­e­vo­ting zäh­len die Hass-Stim­men nicht, nur die Anru­fe für den Song. Und die (nach län­ger­fris­ti­gem Rin­gen) just die­ses Jahr von Sve­ri­ges Tele­vi­si­on bei der EBU durch­ge­setz­ten Ände­run­gen im Aus­zäh­lungs­ver­fah­ren brem­sen zudem die Mög­lich­kei­ten der Jury aus, einen miss­lie­bi­gen Titel gezielt her­un­ter­vo­ten. Die Gast­ge­ber könn­ten somit die Ers­ten sein, die von ihrer eige­nen Regel­än­de­rung pro­fi­tie­ren. Und doch wün­sche ich mir, dass der Pokal nicht an Ort und Stel­le ste­hen bleibt, denn so lang­sam geht es mir auf den Zei­ger, wie sehr das IKEA-Land den Wett­be­werb domi­niert. Wo wir aber gera­de bei null Punk­ten waren: ins­ge­samt Zero Points von den “Pro­fes­sio­nel­len” erran­gen ges­tern bekannt­lich – wenig über­ra­schend – die bei­den Proll-Häs­chen Samir & Vik­tor für ihre lied­ge­wor­de­ne Strip­show ‘Bada nak­na’. Selbst beim Publi­kum reich­te es nur für den vor­letz­ten Platz, wenn auch mit immer­hin fast halb so vie­len Stim­men (7,2%) wie Sie­ger Frans. Einen höhe­ren Wert hät­te hin­ge­gen sicher­lich die vom schwe­di­schen Fern­se­hen auf einem Digi­tal­ka­nal gezeig­te Gehör­lo­sen-Vari­an­te erzielt. Nicht nur, dass der dor­ti­ge Gebär­den­sprach­dol­met­scher über deut­lich mehr Charme und Aus­strah­lung ver­füg­te als die bei­den Proll­bu­ben zusam­men und man ihre Show wäh­rend sei­ner Dar­bie­tung kei­nes Bli­ckes mehr wür­dig­te. Nein, er tat es den Bei­den sogar nach und zog zeit­gleich mit ihnen sein Shirt aus, um einen deut­lich appe­tit­li­che­ren Kör­per zu prä­sen­tie­ren als Samir und / oder Vik­tor. Sogar Euro­vi­si­on-Apo­ca­lyp­se-Blog­ger Roy Del­a­ney, dem ich die­sen Fund ver­dank­te, muss­te ein­ge­ste­hen: “das mach­te selbst mich, einen in der Wol­le gefärb­ten Hete­ro­se­xu­el­len, ein klei­nes biss­chen wuschig”.

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4 Gedanken zu “Pro­fi­tiert Schwe­den von der eige­nen Regel­än­de­rung?

  1. So schlimm fand ich Frans Gesang nicht. Aber das Lied ist halt nur nett, nicht mehr und nicht weni­ger.

  2. Ein Dis­li­ke unter dem Video stammt von mir. Weil es wie Heroes wie­der nur eine ver­än­der­te Kopie eines ande­ren Songs ist (Matt Simons – Catch & Release). Wenn aus Schwe­den nur noch Songs kom­men, die kei­ne Ori­gi­na­le mehr sind und dann noch damit inner­halb des Song Con­tests Erfolg haben, ist der LIE­DER­WETT­BE­WERB voll­ends zum Platz­hal­ter gewor­den. Scha­de.

  3. @Eric Gro: Ich habe mir bei­de Lie­der jetzt ange­hört. Ich wür­de zwar bei­de Lie­der in das Gen­re “Song­wri­ter-Pop” ein­ord­nen, aber die bei­den Songs unter­schei­den sich doch erheb­lich. If i were sor­ry ist deut­lich schnel­ler und melo­di­scher als Catch & Release. In sofern ist der Bei­trag aus Schwe­den sehr wohl ein Ori­gi­nal. Wenn man schon bei einem Bei­trag eine Pla­gi­ats­dis­kus­si­on los­tre­ten will, dann soll­te man sich eher den däni­schen Bei­trag anhö­ren und ihn mit Atem­los durch die Nacht ver­glei­chen. Aber der Schwe­di­sche Bei­trag hat nix mit Catch & Release zu tun.

  4. Die EBU hat den schwe­di­schen Bei­trag ja bereits vom Pla­gi­ats­vor­wurf frei­ge­spro­chen. Und ich fin­de, auch zu Recht: eine ein­deu­ti­ge Eins-zu-Eins-Kopie ist das nicht. Ich kann aber auch Eric Gros Ver­är­ge­rung ver­ste­hen, denn eine gewis­se Ähn­lich­keit ist unüber­hör­bar. Ich wür­de ‘Catch & Release’ viel­leicht als den unfer­ti­gen Roh­ent­wurf von ‘If I were sor­ry’ bezeich­nen, oder als des­sen Inspi­ra­ti­ons­quel­le. Fränz­chens Fas­sung fügt dem Gan­zen einen ordent­li­chen Refrain hin­zu, der bei ‘Catch & Release’ voll­stän­dig fehlt, und inso­fern muss man den Schwe­den schon eine eigen­stän­di­ge krea­ti­ve Leis­tung beschei­ni­gen. Wenn auch ein kom­plett von vor­ne bis hin­ten neu­es Lied natür­lich schö­ner wäre als so etwas Auf­be­rei­te­tes.

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