Andre­as Küm­mert: dan­cing with the Demons in his Mind

Ein gutes hal­bes Jahr liegt er zurück, jener legen­dä­re Moment, da der Sie­ger des deut­schen Euro­vi­si­ons­vor­ent­scheids 2015, Andre­as Küm­mert, vor lau­fen­den Kame­ras ver­kün­de­te, er kön­ne die Wahl nicht anneh­men und gebe sein Ticket an die Zweit­plat­zier­te, Ann Sophie. Es war der dra­ma­ti­sche Abschluss einer ins­ge­samt eher lang­wei­li­gen Show, und die Wel­len der öffent­li­chen Erre­gung schlu­gen hoch am nächs­ten Tag. Küm­mert tauch­te unter, von gele­gent­li­chen ver­ba­len Aus­fäl­len gegen stän­kern­de Fans auf Face­book unter­bro­chen. In einem heu­te in der Süd­deut­schen ver­öf­fent­lich­ten, sehr lesens­wer­ten Por­trät gibt er nun erst­mals Ein­blick in sei­ne See­len­la­ge rund um die dama­li­gen Gescheh­nis­se. Und ent­hüllt, dass es nicht der Gedan­ke an den Auf­tritt vor poten­ti­ell 200 Mil­lio­nen TV-Zuschau­ern gewe­sen sei, der ihn in Panik ver­setz­te, son­dern der an die in Wien auf ihn ein­stür­zen­den Schwur­na­lis­ten: „Jeder will da Ant­wor­ten auf hirn­ris­si­ge Fra­gen, für die ich kei­nen Nerv hät­te. Das hat mir plötz­lich eine Rie­sen­angst gemacht,” so der Sän­ger gegen­über der SZ. Und, ganz ehr­lich: wer schon mal so eine Pres­se­kon­fe­renz bei einem ESC mit­er­lebt hat, wird den Mann  ver­ste­hen.

Legen­där: Küm­mert zieht die Not­brem­se

Wie bereits in den Tagen nach sei­nem Rück­zie­her spe­ku­liert wur­de, litt Andre­as Küm­mert tat­säch­lich vor dem deut­schen Vor­ent­scheid unter mas­si­ven Panik-Atta­cken. Dass er den­noch nicht im Vor­feld absag­te, begrün­det er damit, ein­ge­schüch­tert gewe­sen zu sein von dem gro­ßen öffent­lich-recht­li­chen Appa­rat. Außer­dem sei es sei­ne eige­ne Idee gewe­sen, beim Wett­be­werb mit­zu­ma­chen, nun habe er das Gefühl gehabt, da nicht mehr raus zu kön­nen. Wer Küm­merts Per­for­mance sei­ner bei­den Vor­ent­scheid-Titel gese­hen hat, wäh­rend der er jeweils völ­lig in sich ruh­te und dar­in auf­ging, glaubt ihm sicher­lich, dass er auch den Auf­tritt auf der gro­ßen Büh­ne in Wien über­stan­den hät­te. Es scheint das öffent­li­che Inter­es­se an sei­ner Per­son (man den­ke nur an sei­ne Wor­te “Ich bin ein klei­ner Sän­ger”), die den Fran­ken ver­schreckt. Ein Schre­cken, der durch die Reak­tio­nen auf sei­nen Rück­tritt nicht gemil­dert wur­de. Dass einer der Zuschau­er in Han­no­ver “Idi­ot!” schrie, habe sich tief in sein Gedächt­nis gebrannt, eben­so wie die Titu­lie­run­gen als “Feig­ling”, “Abschaum” und Schlim­me­res auf Face­book oder in den Medi­en. “Ich habe geblu­tet,” sagt Küm­mert der SZ, und das wun­dert nach den dama­li­gen Aus­fäl­len in den sozia­len Netz­wer­ken nicht.

Einer der bei­den Küm­mert-Titel, ‘Home is in my Hands’

Dass er nun über die Vor­fäl­le rund um den Vor­ent­scheid erst­mals spricht, scheint Teil des Hei­lungs­pro­zes­ses zu sein. Er befin­de sich in Behand­lung gegen sei­ne Angst­stö­rung und sei­ne Depres­si­on, und zum Lern­pro­zess gehört auch, so beschreibt es das Por­trät, der gelas­se­ne­re Umgang mit Kri­tik, die der emp­find­sa­me Sän­ger lan­ge Zeit aus­schließ­lich als ver­nich­ten­den Angriff ver­stand, wes­we­gen es dann zu sol­chen Gegen­re­ak­tio­nen sei­ner­seits kam wie der (nicht ganz unzu­tref­fen­den) Umschrei­bung des Face­book-Lynch­mobs als “dege­ne­rier­te Arsch­lö­cher”. Auf eine Wei­se emp­fin­de ich es ja als Iro­nie des Schick­sals, dass es eine Panik­re­ak­ti­on war, die Andre­as Küm­mert den Mut ver­lieh, trotz sei­nes Sie­ges beim Vor­ent­scheid die für ihn rich­ti­ge Ent­schei­dung zu tref­fen, sich der gigan­ti­schen Glit­zer­ma­schi­ne Grand Prix zu ver­wei­gern und ein­fach mal “nein” zu sagen zu den über­zo­ge­nen Erwar­tun­gen des Publi­kums und zu der absur­den Vor­stel­lung, er sei so etwas wie öffent­li­cher Besitz. Und der uns einen der unter­halt­sams­ten Euro­vi­si­ons­mo­men­te der letz­ten Jah­re bescher­te. Gut gemacht!

(Der voll­stän­di­ge SZ-Arti­kel ist beim neu­en Online­dienst Blend­le kos­ten­pflich­tig ver­füg­bar – lohnt sich!)

10 Gedanken zu “Andre­as Küm­mert: dan­cing with the Demons in his Mind”

  1. Er hät­te die Angrif­fe ganz leicht ver­mei­den kön­nen, in dem er ein­fach nicht an der VE teil­ge­nom­men hät­te. Bil­li­ge Aus­re­den hel­fen jetzt nicht mehr. Er hät­te ja vor­her absa­gen kön­nen. Selbst schuld, wenn er es selbst nicht tut. Mit ihm in Wien hät­ten wir aller­dings auch nicht bes­ser abge­schnit­ten, und dar­über hin­aus, so wie er sich in den letz­ten Mona­ten gegen­über Fans ver­hal­ten hat, hät­te er den Ruf Deutsch­lands mas­siv geschä­digt. Auch wenn Ann Sophie unver­dient 0 Punk­te bekom­men hat, sie weiß sich näm­lich zu beneh­men.

  2. Noch was zur Ergän­zung: Auch das mit ein­ge­schüch­tert sein, ist eine gera­de­zu lächer­lich Aus­re­de. Hät­te er dem NDR gesagt, das er nicht auf­tre­ten kann, weil er unter Panik­at­ta­cken lei­det, hät­te wohl jeder Ver­ständ­nis gehabt und den Rück­zug akzep­tiert. Aber auf­tre­ten, sich wäh­len las­sen und dann zurück­zie­hen, das geht gar nicht, das war und ist unfair gegen­über den Anru­fern und den ande­ren Künst­lern. Er ist und bleibt für mich ein Typ mit schä­bi­gem Cha­rak­ter. Da kann er noch so sehr auf die Trä­nen­drü­se drü­cken.

  3. Ich hab den Arti­kel am Sams­tag auch gele­sen und bin in die­ser gan­zen Sache nach wie vor zwie­ge­spal­ten. Man soll­te sich hüten, über jeman­den zu urtei­len, in des­sen Schu­hen man noch nicht gelau­fen ist. Nach­voll­zie­hen kann ich vie­les von dem, was er getan hat und vor allem, wie er damit umge­gan­gen ist, den­noch nicht. Aber es steht uns eigent­lich allen nicht zu, uns ein Urteil dar­über zu bil­den. Tra­gisch bleibt das gan­ze auf jeden Fall, und es bleibt abzu­war­ten, wie es mit ihm wei­ter­geht.

    Irgend­wie habe ich bei der gan­zen Küm­mert-Geschich­te von Anfang an sehr viel Ähn­lich­keit mit dem Fall Sebas­ti­an Deis­ler gese­hen. Der woll­te auch “nur” Fuß­ball spie­len und ist an der gan­zen Maschi­ne­rie drum­her­um zer­bro­chen. Sehe da nur ich Par­al­le­len?

  4. Und ob ich mir ein Urteil erlau­ben darf. Wenn man unter Panik­at­ta­cken lei­det und schon vor der VE weiß, das man beim ESC nicht antre­ten wird, dann hat man gefäl­ligst so viel Eier in der Hose zu haben und dem NDR mit­zu­tei­len, das es nicht geht. Aber erst nach dem Gewinn sagen, ich kann nicht, das geht nicht. Das ist unfair gegen­über den ande­ren Kan­di­da­ten. Wer weiß, wie die­ser Wett­be­werb aus­ge­gan­gen wäre, hät­te er nicht teil­ge­nom­men. Sein Ver­hal­ten gegen­über sei­nen Fans in den letz­ten Mona­ten, war ein­fach Müll. Für mich bleibt er eine zwie­späl­ti­ge Per­sön­lich­keit, und ob sein Ver­hal­ten nur mit psy­chi­schen Pro­ble­me zu erklä­ren ist, bezweif­le ich doch sehr stark.

  5. Ich per­sön­lich glau­be ja, dass wir in einer für uns alle viel bes­se­ren Gesell­schaft leben könn­ten, wenn wir das Prin­zip des Ver­zei­hens mehr ver­in­ner­li­chen und anwen­den wür­den. Man kann aus Feh­lern nur ler­nen, wenn man sie machen und zuge­ben kann, ohne dass man öffent­lich dafür für alle Zei­ten gevier­teilt wird.

    Ja, Andre­as’ Vor­ge­hens­wei­se hat Ande­ren die Chan­ce genom­men, zu gewin­nen, auch mei­nen per­sön­li­chen Favo­ri­tin­nen Laing. Ich glau­be, er weiß selbst am bes­ten, dass das nicht klug war. Ich glau­be aber auch, dass er auf­grund sei­ner Per­sön­lich­keits­struk­tur zu dem Zeit­punkt gar nicht anders han­deln konn­te.

    Ich fand es aber hoch­gra­dig inter­es­sant und lehr­reich, zu sehen, was pas­siert, wenn mal jemand aus der Maschi­ne­rie aus­bricht und nicht das tut, was alle von ihm erwar­ten. Und dass sowas über­haupt geht. Da konn­ten wir von ihm ler­nen, wenn wir woll­ten. Ich bin ihm dafür dank­bar.

    Was ich damit sagen will, ist: klar, er hat einen Feh­ler gemacht, und das kann man ihm auch vor­hal­ten. For­mu­lie­run­gen jedoch wie “dann hat man gefäl­ligst so viel Eier in der Hose zu haben…” fin­de ich per­sön­lich ein klein wenig anma­ßend. Der Küm­mert ist ein Mensch, wie Du und ich, und jeder Mensch hat ande­re Eigen­schaf­ten, ande­re Stär­ken und Schwä­chen. Ich kann doch nie­man­dem vor­schrei­ben, wie er zu sein und sich in einer bestimm­ten Situa­ti­on zu ver­hal­ten hat.

    Ich fin­de, jeder darf auch mal ver­ka­cken. Dann kann man sagen “das war aber Kacke”, aber danach soll­te man dem­je­ni­gen auch wenigs­tens die Chan­ce geben, wie­der auf­zu­ste­hen, sich die Kro­ne zu rich­ten und wei­ter­zu­ma­chen (und viel­leicht bes­ser zu wer­den). Fin­de ich. Ich neh­me Andre­as Küm­mert ab, dass er in einer für ihn schwie­ri­gen Situa­ti­on war. Und ich fin­de, jetzt ist es auch mal gut. Zumal er ja nichts wirk­lich Böses getan hat, es geht nur um eine Unter­hal­tungs­sen­dung (oder, um die gro­ße Lin­da Mar­tin zu zitie­ren: “It’s only a Song Con­test”).

  6. Das find ich ein sehr schö­nes und ver­söhn­li­ches Schluss­wort zum The­ma, Oli­ver! Dan­ke!

    Eine Sache ist mir dabei aber den­noch wich­tig fest­zu­hal­ten: Man soll­te ihn für sein, wie Du es oben genannt hast, Aus­bre­chen aus der Maschi­ne­rie weder fei­ern (fin­de ich in die­sem Fall und vor allem mit der Hin­ter­grund­ge­schich­te total unan­ge­mes­sen) noch in Bausch und Bogen ver­dam­men (dito), son­dern es schlicht und ein­fach akzep­tie­ren. Und wie gesagt, wir wer­den alle sehen, wie es mit Andre­as Küm­mert wei­ter­geht.

  7. Dan­ke für die­se Wor­te… auch ich bin nach wie vor sehr zwie­ge­spal­ten in der Sache. Der Arti­kel in der SZ, das State­ment hier auf auf­recht­gehn und auch Oli­vers per­sön­li­che Stel­lung­nah­me dazu spre­chen mir sehr aus der See­le.

    Gene­rell hal­te ich Andre­as Küm­mert nach wie vor für einen begna­de­ten Sän­ger und auch Tama­ras Ver­gleich zu Bas­ti Deis­ler passt ganz gut.

    Andre­as woll­te nur sin­gen – aber ab einem gewis­sen Bekannt­heits­grad – und gera­de im Hype um den ESC – ist ein­fach so ein­fach unmög­lich…

    The tra­ge­dy wit­hin.

  8. Ich fin­de nicht, das man ihn für sein Ver­hal­ten auch noch abfei­ern soll­te. Sein Ver­hal­ten nach dem Vor­fall gegen­über sei­nen Fans oder Ver­an­stal­tern, wo er sogar kör­per­lich aggres­siv gegen Fans wur­de, zeigt doch, das es gut war, das er nicht in Wien auf­ge­tre­ten ist, Ann Sophie mag zwar mit 0 Punk­ten abge­straft wor­den sein, aber sie kann sich wenigs­tens gut beneh­men und hat das Land, in die­ser Hin­sicht wenigs­tens gut ver­tre­ten. Ob das bei Küm­mert auch der Fall gewe­sen wäre, möch­te ich daher doch sehr bezwei­feln.

  9. Dann soll er halt unter der Dusche sin­gen, da stört ihn das blö­de Publi­kum nicht und er muß dann auch kei­ne dum­men Fra­gen von der Pres­se ant­wor­ten. Wenn man in der Öffent­lich­keit auf­tritt und Erfolg hat, dann gehört das halt dazu. Und wenn er das nicht will, dann soll er halt wie­der das machen, was er vor The Voice gemacht hat. Es gibt bestimmt schlim­me­res im Leben, als pro­fes­sio­nel­ler Künst­ler zu sein.

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