Her­res: “Tho­mas Schrei­ber genießt mein vol­les Ver­trau­en”

Wie der Medi­en­dienst DWDL berich­tet, war das Xavier-Nai­doo-Desas­ter heu­te The­ma beim rou­ti­ne­mä­ßi­gen Tref­fen der ARD-Inten­dan­ten. Bei der anschlie­ßen­den Pres­se­kon­fe­renz sag­te der Ham­bur­ger Anstalts­lei­ter Lutz Mar­mor: “Wir brau­chen nicht drum her­um­re­den: Der NDR hat mit der Nomi­nie­rung von Xavier Nai­doo einen Feh­ler gemacht.” Der ARD-Pro­gramm­di­rek­tor Vol­ker Her­res, der am Sonn­tag nach dem Rück­zug noch har­sche öffent­li­che Kri­tik am NDR-Unter­hal­tungs­chef und ESC-Ver­ant­wort­li­chen Tho­mas Schrei­ber übte und sich weit­mög­lichst distan­zier­te, stell­te sich heu­te demons­tra­tiv hin­ter ihn und sag­te: “Wo lei­den­schaft­lich gear­bei­tet wird, geht auch mal was schief.” Schrei­ber genie­ße wei­ter­hin sei­ne Wert­schät­zung und sein vol­les Ver­trau­en – wol­len wir mal hof­fen, dass das nicht auf Kanz­le­rin­nen-Art gemeint ist! In Sachen Vor­ent­schei­dung gehe laut Mar­mor die “Ten­denz” nun dazu, “wie­der zum Wett­be­werb zurück­zu­keh­ren und das Publi­kum ent­schei­den zu las­sen”, aller­dings wol­le man das zunächst inner­halb der ARD abspre­chen, um wei­te­ren Ärger zu ver­mei­den.

Teilt Freud und Leid beim Vor­ent­scheid!

Die Bild berich­te­te ges­tern, die Stor­nie­rung von Nai­doo sei gar nicht so sehr wegen des Shit­s­torms in Netz erfolgt, son­dern auf­grund mas­si­ven Mit­ar­bei­ter­pro­tes­tes inner­halb des NDR zustan­de gekom­men. Wie der Prinz-Blog aus dem Revol­ver­blatt zitiert, exis­tie­re ein von 40 Mitarbeiter/innen aus den Pro­gramm­be­rei­chen “Zeit­ge­sche­hen” und “Kul­tur” unter­schrie­be­ner Brand­brief, der die Nomi­nie­rung des umstrit­te­nen Künst­lers als “nach­hal­ti­ge Beschä­di­gung des Anse­hens” des NDR bezeich­ne­te. Was natür­lich Raum für Spe­ku­la­tio­nen lässt, ob die – ohne jede Rück­spra­che mit dem düpier­ten Sän­ger erfolg­te – Stor­nie­rung tat­säch­lich auf das Kon­to des Unter­hal­tungs­chefs geht, aus des­sen eige­nem Res­sort kei­ne Mit­ar­bei­ter­pro­tes­te bekannt sind, oder ob hier nicht der NDR-Inten­dant Lutz Mar­mor dem haus­in­ter­nen Druck nach­gab. Jeden­falls wirft die lei­di­ge Ange­le­gen­heit, bei der dem Song Con­test und der Glaub­wür­dig­keit der ARD der maxi­mal mög­li­che Scha­den zuge­fügt wur­de, mal wie­der ein bezeich­nen­den Licht auf die Struk­tu­ren inner­halb des Sen­der­ver­bun­des.

Stör­feu­er aus eige­nen Rei­hen: auch die NDR-Sati­re­show Extra 3 schoss sich auf Nai­doo ein

Dass es tat­säch­lich mög­lich sein soll, dass vier­zig anstalts­in­ter­ne Beden­ken­trä­ger für die größt­mög­li­che Bla­ma­ge Deutsch­lands auf inter­na­tio­na­ler Büh­ne sor­gen, macht mich ehr­lich wütend. Auch wenn ich die zugrun­de lie­gen­den Beden­ken tei­le, ob so jemand wie Herr Nai­doo mit sei­nen zumin­dest frag­wür­di­gen, öffent­lich geäu­ßer­ten Ansich­ten tat­säch­lich der geeig­ne­te Kan­di­dat gewe­sen wäre, uns zu ver­tre­ten. Doch das hät­te man – und die­sen Schuh muss sich mei­nes Erach­tens der ansons­ten von mir durch­aus geschätz­te Tho­mas Schrei­ber anzie­hen – sich vor­her über­le­gen müs­sen. Denn, die­ser Tenor war nach dem Rück­zug in vie­len Pres­se­kom­men­ta­ren über­ein­stim­mend zu lesen, so pro­ble­ma­tisch die Nomi­nie­rung Nai­doos gewe­sen sein mag, das umge­hen­de öffent­li­che Abrü­cken vom Sän­ger rich­te­te den wesent­lich grö­ße­ren Flur­scha­den an. Wel­cher bekann­te Star soll nun noch unbe­las­tet mit dem NDR zusam­men­ar­bei­ten, wenn man jeder­zeit damit rech­nen muss, wie eine hei­ße Kar­tof­fel fal­len gelas­sen zu wer­den?

Da sein, wenn es Sturm gibt: damit hat’s der NDR nicht so sehr

Zumal es ja in den letz­ten Tagen zahl­rei­che Soli­da­ri­täts­adres­sen für den Sohn Mann­heims gab, dar­un­ter von so pro­mi­nen­ten Musi­ker­kol­le­gen wie Her­bert Grö­ne­mey­er oder von dem gran­dio­sen Come­di­an Micha­el Mit­ter­mei­er, also von Men­schen, die nun ganz gewiss nicht im Ver­dacht ste­hen, poli­tisch rechts­ge­rich­tet zu sein oder Ver­schwö­rungs­theo­ri­en anzu­hän­gen. Wo wäre das Pro­blem gewe­sen, Nai­doo bei­spiels­wei­se in die NDR-Talk­show ein­zu­la­den und ihm dort Gele­gen­heit zu geben, sich zu den vom Inter­net­mob oft­mals sehr über­spitzt for­mu­lier­ten Vor­wür­fen zu äußern? Hier hät­te sich der NDR ger­ne ein Vor­bild am ORF neh­men dür­fen: dort hat­te man 2014 trotz aller (hef­ti­gen) öffent­li­chen Pro­tes­te gegen die Direkt­no­mi­nie­rung einer Frau mit Bart die Eier, an der Ent­schei­dung fest­zu­hal­ten! Wie wir alle wis­sen, zahl­te die­ser Mut sich am Ende sogar aus.

Auch sie war zuvor stark umstrit­ten: Con­chi­ta Wurst (AT 2014)

Ande­rer­seits bele­gen die Reak­tio­nen aus der ARD auch, dass alle Rufe, dem NDR doch bit­te die Ver­ant­wor­tung für den Vor­ent­scheid weg­zu­neh­men, fehl­ge­hen müs­sen: zum einen war der Sen­der 1996 der letz­te Frei­wil­li­ge, nach­dem der MDR den Bet­tel hin­ge­wor­fen hat­te – schwer vor­stell­bar, dass sich eine ande­re Lan­des­rund­funk­an­stalt die Fin­ger ver­bren­nen will, zumal der Con­test mit einer erheb­li­chen Bud­get­be­las­tung ein­her­geht. Und, wie es sich gezeigt hat, sit­zen die Hecken­schüt­zen beim Con­test vor allem in den eige­nen Rei­hen, ein Bäum­chen-wech­sel-Dich macht es also nicht bes­ser. Wer wür­de denn der­zeit das Risi­ko ein­ge­hen, sei­nen beque­men Büro­stuhl mit dem Schleu­der­sitz des Euro­vi­si­ons­ver­ant­wort­li­chen zu tau­schen? Blie­be nur das ZDF, des­sen Pop­mu­sik­kom­pe­tenz sich aller­dings in Hele­ne-Fischer-Spe­cials erschöpft – und die neue deut­sche Schla­ger­kai­se­rin wird nach dem Nai­doo-Deba­kel sicher­lich den Teu­fel tun, sich als zwei­te Wahl zur Ver­fü­gung zu stel­len. Ein Aus­set­zen für 2016, wie von Fans auch schon ver­ein­zelt gefor­dert, birgt die immense Gefahr, dass der Con­test dann nie wie­der zurück­kehrt.

Kein Ent­kom­men, auch nicht zur besinn­li­chen Zeit!

Was ler­nen wir aus dem gan­zen Deba­kel also? Zum Erfreu­li­chen: der Con­test scheint in Deutsch­land mitt­ler­wei­le (wie­der) einen sol­chen Stel­len­wert zu besit­zen, dass die Men­schen ger­ne mit­be­stim­men möch­ten und äußerst kri­tisch beäu­gen, wer uns auf inter­na­tio­na­ler Ebe­ne ver­tritt. Eine Direkt­no­mi­nie­rung scheint daher nicht mehr zu gehen. Zum Uner­freu­li­chen: die 140-Zei­chen-Twit­ter­kul­tur und das dau­er­haf­te Online-Sein mit sei­nem schein­ba­ren Zwang zur schnel­len, poin­tier­ten Reak­ti­on füh­ren zu einem rasan­ten Ver­fall der Debat­ten­kul­tur, dif­fe­ren­zier­te Betrach­tungs­wei­sen haben einen zuneh­mend schwe­re­ren Stand. Uns geht sehr schmerz­lich eine Kul­tur des Ver­zei­hens ab, in der einem ein­mal gemach­te Feh­ler nicht mehr bis ans Ende aller Tage vor­ge­hal­ten wer­den. Und, das ist das Trau­rigs­te: Kon­tro­ver­ses wird nicht (mehr) als Berei­che­rung, als Viel­falt, als Chan­ce begrif­fen, son­dern als Stö­rung und Angriff. Die meis­ten Men­schen wol­len bloß noch Har­mo­nie und Ange­passt­heit, sprich Lan­ge­wei­le. Stel­len wir uns also schon mal auf wei­te­re blass-bra­ve Repräsentant/innen ohne Ecken und Kan­ten ein – und damit auf die nächs­ten Null-Punk­te-Resul­ta­te…

3 Gedanken zu “Her­res: “Tho­mas Schrei­ber genießt mein vol­les Ver­trau­en”

  1. Sehr schö­ner Kom­men­tar !
    Kann mal nochnje­mand den selbst­ge­fäl­li­gen Her­ren von der ARD mit dickem roten Text­mar­ker ins Gebet­buch schrei­ben: Feh­ler kön­nen vor­kom­men, dür­fen es aber nicht!
    Sor­ry, aber Von Leu­ten in Top­pos­tio­nen erwar­te ich wirk­lich mehr Sorg­falt und Pro­fes­sio­na­li­tät.

  2. Hm. Hm hm hm. “Genießt vol­les Ver­trau­en” ist zumin­dest im Fuß­ball gleich­be­deu­tend mit “fliegt dem­nächst”.

    Ansons­ten ist mir die­ses gan­ze Schmie­ren­thea­ter inzwi­schen so sehr zuwi­der, dass ich eigent­lich gar nix mehr dazu schrei­ben mag…

  3. Schön geschrie­ben!

    Da hat der NDR nach Jah­ren wie­der eine gute Idee (Direkt­no­mi­nie­rung eines fet­ten Stars) und ver­sem­melt es wie­der direkt. Erin­nert mich an 2004 mit der Wild­card an Ste­fan Raab…

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