Julia­ga­te: “Die Rus­sen woll­ten nie­mals teil­neh­men”

Einen Tag nach der offi­zi­el­len Bekannt­ga­be des rus­si­schen Rück­zugs beim Euro­vi­si­on Song Con­test 2017 in Kiew lecken die Betei­lig­ten ihre Wun­den. So erneu­er­te der Sen­der­chef des rus­si­schen Per­wy Kanal, Kon­stan­tin Ernst, am heu­ti­gen Kar­frei­tag das Ver­spre­chen gegen­über der aus­ge­boo­te­ten Julia Samo­yl­o­va, dass die schwer­be­hin­der­te Sän­ge­rin fix für 2018 gesetzt sei. Die­se Auf­tritts­ga­ran­tie sei laut Ernst mit der EBU abge­stimmt, wie Die Pres­se unter Bezug auf die Mos­kau­er Agen­tur Inter­fax berich­tet. Damit steht gleich­zei­tig fest, dass sich die Föde­ra­ti­on nach der geplatz­ten Teil­nah­me in Kiew nicht dau­er­haft vom euro­päi­schen Wett­sin­gen zurück­zieht – eine gute Nach­richt nicht nur für die EBU, der in die­sem Jahr wegen der weg­fal­len­den Aus­strah­lung der Sen­dung auf dem Ter­ri­to­ri­um des größ­ten Teil­neh­mer­lan­des bis zu 15 Mil­lio­nen Zuschauer/innen weg­bre­chen, wie Euro­Vi­sio­na­ry aus­rech­ne­te (bezie­hungs­wei­se dop­pelt so vie­le, wenn man die außer­halb des Mut­ter­lan­des leben­den Russ/innen mit­zählt, die nun ver­mut­lich eben­falls nicht mehr zuschal­ten), son­dern auch für Euro­pa und die völ­ker­ver­ei­ni­gen­de Idee der Show. Der aus­tra­gen­de ukrai­ni­sche Sen­der UA:PBC ver­such­te in einer heu­te ver­öf­fent­lich­ten Stel­lung­nah­me (Quel­le: escK­AZ) unter­des­sen, den Schwar­zen Peter von sich weg­zu­schie­ben und kar­te­te noch­mals in Rich­tung der Gegen­sei­te nach: “Aus Respekt vor dem Wunsch der EBU, die Teil­nah­me aller 43 Län­der am Song Con­test sicher­zu­stel­len (…), hat die Ukrai­ne die Rus­si­sche Föde­ra­ti­on mehr­fach dazu ein­ge­la­den, einen Teil­neh­mer nach Kiew zu ent­sen­den, der kei­ne ukrai­ni­schen Geset­ze ver­letzt hat. Aber die rus­si­sche Sei­te hat es bei ihrer Ent­schei­dung belas­sen. Die Wei­ge­rung des Per­wy Kanal, den ESC zu über­tra­gen, beweist aller­dings (…), dass es von Anfang an nicht das Ziel Russ­lands war, am Wett­be­werb teil­zu­neh­men, son­dern eine nega­ti­ve Atmo­sphä­re rund um die Vor­be­rei­tun­gen und die Orga­ni­sa­ti­on des Events zu kre­ieren”.

Ra-ra-ras-Putin: Oh, tho­se Rus­si­ans!

Der deut­sche Dele­ga­ti­ons­lei­ter Tho­mas Schrei­ber vom NDR stütz­te die Ver­mu­tung von UA:PBC auf eurovision.de ein Stück weit, dreh­te den Spieß aber gleich­zei­tig um: “Hät­te die ukrai­ni­sche Regie­rung für die rus­si­sche Teil­neh­me­rin eine auf den ESC beschränk­te Aus­nah­me gemacht, wäre es an der rus­si­schen Sei­te gewe­sen, auf Wor­te Taten fol­gen zu las­sen und in Kiew auf­zu­tre­ten,” so Schrei­ber. Ange­sichts des “mili­tä­ri­schen Kon­flikts im Osten der Ukrai­ne,” der für “das Land und sei­ne Ein­woh­ner eine gro­ße Belas­tung” dar­stel­le, brin­ge er jedoch ein gewis­ses Ver­ständ­nis für die Wei­ge­rung der Sicher­heits­be­hör­den auf, eine Aus­nah­me vom Ein­rei­se­ver­bot für die rus­si­sche Sän­ge­rin zu machen. Das will ich mei­nen: bei der Krim-Kri­se und im Doneszk-Becken geht es für das poli­tisch zwie­ge­spal­te­ne Land schließ­lich um die schie­re Exis­tenz – da darf man durch­aus unsou­ve­rän reagie­ren. Und ja, von einer Roll­stuhl­fah­re­rin geht ver­mut­lich kei­ne Gefahr für die öffent­li­che Sicher­heit aus, aber man stel­le sich zu Ver­gleichs­zwe­cken ein­fach mal vor, der Con­test hät­te 2016 in Tel Aviv statt­ge­fun­den – und Deutsch­land hät­te den ursprüng­lich nomi­nier­ten Xavier Nai­doo dort­hin schi­cken wol­len, mit sei­nem wir­ren Gefa­sel von einer jüdi­schen Welt­ver­schwö­rung: wie hät­te die Dis­kus­si­on wohl bei einem Ein­rei­se­ver­bot sei­tens Isra­els für den Mann­hei­mer Got­tes­säus­ler aus­ge­se­hen? Schrei­ber mein­te wei­ter, man kön­ne im Hin­blick auf den ent­stan­de­nen Scha­den für den ESC nach Kiew nicht ein­fach “zur Tages­ord­nung über­ge­hen”, son­dern müs­se gemein­schaft­lich “ent­schei­den, wie es wei­ter­geht”. Was für mei­ne Begrif­fe vor allem bedeu­tet, dass sich die EBU an die eige­ne Nase fas­sen, end­lich ihr schein­bar so beque­mes “unpo­li­ti­sches” Schne­cken­haus ver­las­sen und sich ver­bind­li­che, fort­lau­fend zu aktua­li­sie­ren­de Regeln zum Umgang mit unde­mo­kra­tisch regier­ten Län­dern und Qua­si-Kriegs-Par­tei­en geben muss. Inklu­si­ve eines kla­ren Sank­ti­ons­ka­ta­lo­ges. Denn das Bild, das die Gen­fer im aktu­el­len Kon­flikt abge­ben, ist ähn­lich schwach wie 2012 beim Mulm von Baku, wo man sich im ängst­li­chen Fest­hal­ten am Man­tra des Unpo­li­ti­schen unfrei­wil­lig vor den Pro­pa­gan­da­kar­ren eines auto­ri­tä­ren Regimes span­nen ließ. Die Welt ist nun mal nicht frei von Kon­flik­ten, und wenn man davor die Augen ver­schließt und so tut, als gin­gen sie einen nichts an, kom­men sie irgend­wann und bei­ßen einem in den Hin­tern, so wie jetzt.

Die Pfer­de von Kara­bach bevöl­ker­ten die aser­bai­dscha­ni­sche Post­kar­te von 2012

13 Gedanken zu “Julia­ga­te: “Die Rus­sen woll­ten nie­mals teil­neh­men”

  1. Für ihr per­fi­des Spiel soll­te Russ­land wie auch die Ukrai­ne der Aus­schluss für eine gewis­se Zeit ange­dei­hen. Zeit zum Nach­den­ken und Fest­stel­len, wie man sich ange­mes­sen ver­hält, wenn man sich einem völ­ker­ver­bin­den­den Wett­be­werb anschlies­sen möch­te.
    Ich sehe Julia 2018 noch lan­ge nicht auf der ESC-Büh­ne.

  2. Ich ken­ne zwar nicht den aktu­el­len Stand des Regel­werks, aber vor gar nicht all­zu lan­ger Zeit war es für ein Land, dass den Con­test nicht aus­strahlt nicht mög­lich, im fol­gen­den Jahr teil zu neh­men. Weiß jemand, ob die­se Regel noch exis­tiert?

  3. Die­ses unüber­leg­te Nach­plap­pern pro­west­li­cher Pro­pa­gan­da hier bringt uns der Wahr­heit nicht näher. Fakt ist: die Krim voll­zog eine Sezes­si­on. Punkt.

    Aber Russ­land woll­te nicht beim unrecht­mä­ßi­gen Sie­ger auf­tre­ten. Deren gutes Recht.

    Das dümms­te wäre, wenn man den Rus­sen auch hier die Tür zeigt. Sie müs­sen ein Teil Euro­pas blei­ben und sich nicht von gehirn­ge­wa­sche­nen NATO-Lieb­ha­bern aus­boo­ten las­sen.

  4. @MichaelHH: Soweit mir das bekannt ist, wur­de die­se Regel 2011 gekippt, weil sonst das heiß erwar­te­te Rück­kehr­er­land Ita­li­en nicht hät­te mit­ma­chen dür­fen. Aber selbst, wenn sie noch bestün­de: die EBU war ja aktu­ell auch bereit, mit der vor­ge­schla­ge­nen exter­nen Zuspie­lung des Auf­trit­tes von Julia die Regeln zu beu­gen, um Russ­land bei der Stan­ge zu hal­ten. Das wird also kein Hin­der­nis sein.

  5. @Sebastian: Soweit mir das bekannt ist, fand die Abstim­mung über die “Sezes­si­on” unter genau so fischi­gen Umstän­den statt wie beim aktu­el­len Ermäch­ti­gungs­ge­setz für den tür­ki­schen Sul­tan. Aber selbst, wenn 100% der Krim-Bewoh­ner/in­nen für die Los­lö­sung von der Ukrai­ne sein soll­ten, recht­fer­tigt das nicht den Ein­marsch Russ­lands: es bleibt eine Anne­xi­on. Fin­de ich.

    Aber völ­lig egal, wie man es nun nennt und auf wes­sen Sei­te man hier steht: wo ich Dir Recht gebe, ist, dass es für einen “Raus­wurf” oder eine sonst­wie gear­te­te Bestra­fung Russ­lands kei­nen vali­den Grund gibt und das auch nicht in unse­rem Inter­es­se wäre. Russ­land ist ein Teil Euro­pas und gehört zum Euro­vi­si­on Song Con­test wie das Salz in der Sup­pe. Ich gehe fest davon aus, dass Julia 2018 in Vero­na (Mai­land, Turin, Rom, San Remo, wo auch immer die RAI das hin­gibt) ihren ESC-Auf­tritt bekommt. Viel­leicht schreibt man ihr bis dahin sogar noch einen guten Song, dann wäre es eine Win-Win-Situa­ti­on.

  6. Dem möch­te ich mich anschlie­ßen. Wir ver­mis­sen Dich! Und das in die­ser Pha­se…

  7. @Cal: Nein, mit dem Death­match geht es nicht mehr wei­ter. Ich muss mich bei Dir und mei­nen ande­ren Leser/innen ent­schul­di­gen, ich hat­te das ursprüng­lich so geplant, aber nach Abschluss der ers­ten Run­de muss­te ich fest­stel­len, dass bei mir die Luft kom­plett raus war. Des­we­gen auch die unglück­li­che Blog­pau­se. Ich hof­fe, Ihr seht es mir nach.

  8. Ach, das macht doch nichts, das kommt vor. Die Haupt­sa­che ist, dass du ein Lebens­zei­chen von dir gege­ben hast. 🙂 Und das Death­match wäre eh zwar bru­tal, doch mit erwart­ba­rem Ende aus­ge­gan­gen… Alé!

  9. P.S. Über­haupt eine Glanz­leis­tung, dass du bis hier­hin so vie­le aus­führ­li­che Qua­li­täts­tex­te im Akkord ver­fasst hast. Dan­ke noch­mal dafür!

  10. Lie­ber Oli­ver,

    das ist doch kein Pro­blem. Ich (und ein gro­ßer Teil mei­nes Euro­vi­si­ons­freun­des­krei­ses) kann Dir das spe­zi­ell in die­sem Jahr gut nach­füh­len, wir hat­ten es am Sonn­tag erst damit. Ich hat­te die­se Pha­se vor zwei Jah­ren, wo ich gar nicht gebloggt habe und Six­tus nur spo­ra­disch, und auch in die­sem Jahr hab ich mich ziem­lich auf­raf­fen müs­sen.

    Ich hof­fe und wün­sche Dir aber, dass die­ses “Luft raus” nicht auf ewig anhält und dass Du Dir den Spaß am tolls­ten Hob­by der Welt nicht neh­men lässt, was ja die­ses Jahr tat­säch­lich ein biss­chen schwie­ri­ger ist als sonst. Auf jeden Fall freu ich mich über Dein Lebens­zei­chen und schlie­ße mich Cal an. Ich lie­be Dei­ne Sei­te und durch­stö­be­re sie immer wie­der ger­ne. Tau­send Dank für min­des­tens eben­so vie­le ver­gnüg­lich ver­brach­te Stun­den hier!

    Alles Lie­be,
    Tama­ra

    PS: Scha­de ums Death­match, wo ich doch jetzt end­lich hät­te mit­mat­chen kön­nen. Aber nach­dem ja inzwi­schen ALLE Wett­quo­ten beim Oddsche­cker für Fran­ces­co UNTER 1 sind (gabs das über­haupt schon mal?), wäre auch das Death­match eine kla­re Sache gewor­den.

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