Arme­ni­en 2015: die Lie­der­leug­nung

Don’t deny’‘Leug­ne nicht’, so heißt der arme­ni­sche Bei­trag für Wien, wie wir bereits schon seit eini­ger Zeit wis­sen. Im Eng­li­schen lässt sich “to deny” auch mit “ver­wei­gern” über­set­zen, und wenn hier jemand etwas ver­wei­gert, dann die Arme­ni­er: uns einen rich­ti­gen Song näm­lich! Das gan­ze Pro­jekt dient bekannt­lich der The­ma­ti­sie­rung des von den Osma­nen ver­üb­ten und bis heu­te von der Tür­kei ver­leug­ne­ten Völ­ker­mords an den Arme­ni­ern vor exakt ein­hun­dert Jah­ren. Dass die Tür­ken (und natür­lich ihre Brü­der, die Aser­bai­dscha­ner) sich nach wie vor wei­gern, die dama­li­gen Vor­fäl­le als Geno­zid anzu­er­ken­nen, bringt die Kau­ka­si­er zur Weiß­glut. Und so wol­len sie die Euro­vi­si­ons­büh­ne zur Auf­klä­rung nut­zen – und ord­nen die­sem drän­gen­den Bedürf­nis gar den Wunsch nach einem Euro­vi­si­ons­sieg unter.

Papa don’t pray: ein Con­test­lied wie eine Kund­ge­bung

Denn mit einem Con­test­lied hat das heu­te Abend ver­öf­fent­lich­te ‘Don’t deny’ so viel zu tun wie die CDU mit wirt­schaft­li­chem Sach­ver­stand: rein gar nichts! Ein biss­chen halb­her­zi­ges Kla­vier­ge­klim­per und eine ätzen­de Jazz-Gitar­re sowie has­tig dahin­ge­schlu­der­te und -genu­schel­te eng­li­sche Text­zei­len lei­ten nach einer knap­pen Minu­te in den Refrain über, der prak­tisch aus­schließ­lich aus der immer und immer wie­der vor­ge­brach­ten Kern­for­de­rung besteht, mit der Leug­nung auf­zu­hö­ren. Zum Ende hin unter­strei­chen ein­ge­spiel­te Kir­chen­glo­cken die Ein­dring­lich­keit (und mora­li­sche Berech­ti­gung) des Ver­lan­gens. Man merkt sehr deut­lich, dass es hier nicht dar­um ging, einen Song zu schrei­ben, der den Men­schen ein Wohl­ge­fal­len sei, son­dern ihnen die Bot­schaft ein­zu­häm­mern. Ob sie sie hören wol­len oder nicht. Im Grun­de könn­ten sich die sechs Sänger/innen von Genea­lo­gy auch stumm auf die Büh­ne stel­len und Spruch­ta­feln hoch­hal­ten. Nur wür­den sie dann halt sofort dis­qua­li­fi­ziert, auf die­se Art und Wei­se unter­lau­fen sie die Poli­tik-Zen­sur der EBU aber haar­scharf.

Da hat­te sie noch einen Song: Inga (mit Schwes­ter Anush)

Um Genea­lo­gy mach­te das arme­ni­sche Fern­se­hen zur Ermü­dung der Fans in den letz­ten Wochen ein gigan­ti­sches Bohei, han­delt es sich doch, wie man nicht müde wur­de, uns zu erklä­ren, um sechs scheib­chen­wei­se vor­ge­stell­te arme­nisch­stäm­mi­ge Künstler/innen, die in allen fünf Kon­ti­nen­ten der Erde leben, ergänzt um die in der teu­ren Hei­mat ver­blie­be­ne Inga Arshakyan (AM  2009). Auch das weist – von ent­spre­chend auf alt kolo­rier­ten Bil­dern his­to­ri­scher Fami­li­en­auf­nah­men im Clip trä­nen­zie­hend unter­legt –  pene­trant aufs The­ma hin, hat­te der Völ­ker­mord von 1915 doch zur Fol­ge, dass ein Groß­teil der Arme­ni­er flüch­te­te und sich in alle Win­de zer­streu­te. Was frag­los viel Leid und Schick­sal ver­ur­sach­te und für die Nach­fah­ren der Betrof­fe­nen bis heu­te eine star­ke kul­tu­rel­le Klam­mer bil­det. Was dann letzt­lich auch dafür sor­gen dürf­te, das sämt­li­che Exi­lar­me­ni­er im Mai in hel­len Scha­ren für die Ahnen­for­scher von Wien anru­fen wer­den. Aller­dings auch nie­mand sonst. Und die Jurys dürf­ten von der EBU bereits – inof­fi­zi­ell natür­lich – ent­spre­chen­de Instruk­tio­nen zum Down­vo­ting erhal­ten haben, zumal man es sich sicher nicht mit Aser­bai­dschan und der in den Rück­kehrstart­lö­chern ste­hen­den Tür­kei ver­scher­zen will. Aber um die Punk­te dürf­te es selbst den Arme­ni­ern dies­mal nicht gehen. Soviel mal wie­der zum unpo­li­ti­schen Con­test.

Die Fra­ge nach dem Fina­le erüb­rigt sich, das ist dies­mal sogar den Arme­ni­ern selbst egal. Daher: soll­te ‘Don’t deny’ wegen des poli­ti­schen Inhalts dis­qua­li­fi­ziert wer­den?

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5 Gedanken zu “Arme­ni­en 2015: die Lie­der­leug­nung

  1. Geschickt gemacht , einer Aus­sor­tie­rung durch die EBU zu ent­ge­hen.
    Wirkt auf mich aber doch etwas chao­tisch. Wer soll bei den zahl­rei­chen dar­ge­bo­te­nen Künst­lern und Musik­sti­len noch den Über­blick bewah­ren.

  2. Abge­se­hen davon, dass ich über­haupt nichts dage­gen habe, wenn die EBU end­lich ehr­lich zuge­ben wür­de, dass der Con­test selbst­ver­ständ­lich immer schon eine poli­ti­sche Kom­po­nen­te hat, fin­de ich den arme­ni­schen Song auch musi­ka­lisch klas­se. Bis­her ist es mir sehr sel­ten pas­siert, dass ich einen Titel schon beim ers­ten Hören rich­tig gut fand. Hier ist genau das pas­siert.

  3. Abso­lu­te Zustim­mung zum hier Gesag­ten. Der Song hat mich vom ers­ten Moment an tief berührt und ich bin sicher, dass das auch im Mai vie­len so gehen wird. Natür­lich nicht unse­ren tür­kisch­stäm­mi­gen Mit­men­schen, denen von Regie­rungs­sei­te ja eine ande­re Sicht der Din­ge ver­ord­net wird.…

  4. Sicher, wenn man dar­über hin­weg sehen kann, dass die Stim­men der sechs Sän­ge­rIn­nen so gar nicht zuein­an­der pas­sen (und eini­ge, wie die Pseu­do-Opern­sän­ge­rin, auch nicht zum Lied – da ist die Stim­me viel zu groß für den Song), der Song musi­ka­lisch nahe an “Aina mun pit­ää” ist, was Fan­ta­sie­lo­sig­keit angeht – ohne die Punk-Recht­fer­ti­gung zu haben – und wir ohne­hin schon eine Flut von Bal­la­den die­ses Strick­mus­ters haben. Da Arme­ni­en auch noch im här­te­ren Semi antre­ten muss, wird das ein ganz har­tes Stück Arbeit. Mit der rich­ti­gen Insze­nie­rung und Anpas­sung soll­te das Fina­le drin sein – wir reden hier von dem Land, das 2013 “Lonely Pla­net” ins Fina­le gebracht hat, wäh­rend das deut­lich bes­se­re “Iden­ti­tet” aus Alba­ni­en auf der Stre­cke blieb -, aber mehr hal­te ich für abso­lut aus­ge­schlos­sen, zumal Arme­ni­en ja nun längst nicht die ein­zi­ge bewe­gen­de Sto­ry hin­ter sei­nem Song hat. (Finn­land, Polen…)

    Und hier so neben­bei sämt­li­chen Tür­ken und tür­kisch­stäm­mi­gen Men­schen jeg­li­ches eige­ne Denk­ver­mö­gen abzu­spre­chen – der Kom­men­tar liest sich wie “wenn ein Tür­ke den Song nicht mag, liegt das dar­an, dass ihm das von sei­ner Regie­rung so vor­ge­schrie­ben wur­de” -, wür­de ich auch als grenz­wer­tig emp­fin­den, wenn ich nicht selbst in die­se Schub­la­de pas­sen wür­de. Ich bin tür­kisch­stäm­mig, ich leug­ne den Holo­caust an den Arme­ni­ern nicht, und mir gefällt “Don’t Deny” trotz­dem nicht. Nach der Logik des Kom­men­tars gibt es mich also eigent­lich gar nicht, was für einen Kom­men­tar zu einem Song namens “Don’t Deny” eine hüb­sche Poin­te ist.

  5. Auch wenn ich geschmack­lich (zumin­dest in die­sem Fall) nicht mit Dir auf einer Linie lie­ge, möch­te ich Dei­nem State­ment auf jeden Fall mei­nen Respekt zol­len!

    Was den Song betrifft, muss ich Dir zwar in man­chem Recht geben, z.B. dass die Stim­men noch nicht so opti­mal har­mo­nie­ren. Aber ich mag den Titel tat­säch­lich. Wenn ich mich fra­ge, war­um, fal­len mir vor allem ein:
    1.) ich lie­be Bom­bast schon immer. Und in die­se Kate­go­rie fällt es defi­ni­tiv.
    2.) Bis­lang ist das in die­sem Jahr­gang der rockigs­te Titel (nein, die Fin­nen kann ich nicht ernst­haft zäh­len). Sowas beloh­ne ich immer 🙂
    3.) Ich habe mich wirk­lich gefreut, Inga Arshakyan wie­der­zu­se­hen und vor allem zu -hören. Sie hat ja den tra­gends­ten Part und macht das super­gut.
    4.) Auch wenn man über den Stil­mix viel­leicht strei­ten könn­te, alle lie­fern stimm­lich rich­tig gut ab.

    Und übri­gens, nur falls jemand fragt: ich habe kei­ner­lei arme­ni­sche Wur­zeln.

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