Das Jury-Gate: Il Volo sind die wahren Sieger 2015!

Seit der Wiedereinführung der Jurys, im besonderen Maße aber seit ihrer stärkeren Gewichtung gegenüber dem Televoting seit 2013, stand es zu befürchten, und nun trat es ein: erstmalig seit 1997 gewannen beim Eurovision Song Contest 2015 nicht die Lieblinge des Publikums – nämlich die italienischen jungen Tenöre Il Volo mit ihrem Popera-Schlager ‚Grande Amore‘ – sondern der Juryfavorit, in diesem Falle der Schwede Måns Zelmerlöw mit ‚Heroes‘. Was erstaunt, weil ich gerade nach dem überraschenden Ergebnis von 2011, als das nach ewiger ESC-Pause von der EBU mit Engelszungen zur Rückkehr überredete Italien, mit einem furchtbaren Bar-Jazz-Geklimper beim Publikum auf Rang 11 landend, von den Jurys auf den Silbermedaillenplatz hochgejazzt wurde, fest davon ausging, dass es ausdrückliche Pflichtaufgabe dieser Institution sei, neben dem Bestrafen von auswanderungsstarken Ländern wie z.B. Polen oder Armenien (als Ausgleich zum Diasporavoting) auch die nach wie vor wackeligen römischen Raggazzi bei der Stange zu halten. So kann man sich täuschen!

Schleimten Europas Schwuppen und Weibsvolk erfolgreich voll: ESC-Publikumssieger Il Volo (IT)

Bei den Zuschauern eindeutige Sieger, landeten die drei Tumore im Jury-Ranking lediglich auf Platz 6. Besonders krass die Abweichung in Deutschland: während Il Volo auch bei uns das Televoting klar gewannen, setzten die fünf deutschen Juroren Swen Meyer, Leslie Clio, Ferris MC, Mark Forster und Johannes Strate die Knödelisten auf Rang 18, so dass es insgesamt nur für drei Pünktchen reichte. Die deutschen Douze Points gingen stattdessen an die bei den Zuschauern zweitplatzierte Russin Polina Gagarina (Vierte bei der Jury) und ihren unerträglich verlogenen Weltfriedenskitsch ‚A Million Voices‘. Und ich kann es nicht oft genug wiederholen: ein Abstimmungssystem, bei der sich am Ende die zweite Wahl durchsetzt, ist für den Mülleimer! Bei unseren fünf „Experten“, deren Meinung vieltausendfach1)Geschätzt eine Million Anrufe gehen in Deutschland nach meiner Kenntnis beim Eurovisions-Televoting ein. Die zählen zusammen genau so viel wie die Privatmeinungen der fünf Juroren – jeder der furchtbaren Fünf hat also gewissermaßen 200.000 Freistimmen. Mit welchem Recht? mehr zählt als die der Anrufer, lag die Schwedenbombe übrigens „nur“ auf Rang 2: überraschend einstimmig wählten sie die fantastische Lettin Aminata zu ihrer Favoritin, womit sie zumindest guten Geschmack bewiesen.

Injizierten ihre Liebe in die Lettin: die deutschen Juroren (LV)

Wobei Aminata von Glück reden kann, dass diese gemeinsame Jury-Spitzenwertung von einem Big-Five-Teilnehmer stammte: in kleineren Ländern hätte eine derartig auffällige Übereinstimmung möglicherweise bereits für eine Suspendierung des Ergebnisses ausgereicht. Keine Konsequenzen müssen unterdessen die beiden spinnefeinden Länder Armenien und Aserbaidschan fürchten, deren Jurys unisono den gegnerischen Beitrag jeweils auf Rang 26 setzten (aber nein, der Contest ist unpolitisch und die Jurys werten, anders als das unmündige Publikum, frei von nationalen Vorlieben und Abneigungen, rein unter musikalischen Gesichtspunkten…). Protest-E-Mails an die fünf deutschen Juroren darf übrigens auch jeder schreiben, der sich von der infektiösen Fröhlichkeit der eindeutigen Hallenfavoritin Bojana Stamenov anstecken ließ und für ihre großartige Queer-Pride-Hymne ‚Beauty never lies‘ anrief, mit welcher die dicke Serbin inhaltlich Conchitas Respekt-Botschaft weiterführte: neunte im Zuschauervoting, also eigentlich zwei Punkte. Doch Andersartigkeit strafen deutsche Musiker gerne ab: Rang 15 im Juryvoting und damit Zero Points from Germany. Buh!

Nein, different ist nicht okay, findet beispielsweise Ferris MC. Darf er ja – aber warum zählt seine Meinung zweihunderttausend Mal so viel wie meine? (RS)

ESC Finale 2015

Eurovision Song Contest 2015 - Finale. Samstag, 23. Mai 2015, aus der Stadthalle in Wien, Österreich. 27 Teilnehmer, Moderation: Mirjam Weichselbraun, Alice Tumler und Arabella Kiesbauer.
#LKInterpretTitelPkt
gs
Pl
gs
Pkt
TV
Pl
TV
01SIMaraayaHere for you0391402719
02FRLisa AngellN'oubliez pas0042500326
03ILNadav GuedjGolden Boy0970910207
04EEElina Born + Stig RästaGoodbye to Yesterday1060714405
05UKElectro VelvetStill in Love with you0052400425
06AMGenealogyFace the Shadow0341607711
07LTMonika Linkytė + Vaidas BaumilaThis Time0301804416
08RSBojana StamenovBeauty never lies0531008610
09NOMørland + Debrah ScarlettA Monster like me1020803717
10SEMåns ZelmerlöwHeroes3650127203
11CYJohn KarayiannisOne Thing I should have done0112200823
12AUGuy SebastianTonight again1960512406
13BELoïc NottetRhythm inside2170419004
14ATMakemakesI am yours0002700027
15GRMaria Elena KyriakouOne last Breath0231902421
16MEKnezAdio0441303418
17DEAnn Sophie DürmeyerBlack Smoke0002600524
18PLMonika KuszyńskaIn the Name of Love0102304715
19LVAminataLove injected1860608809
20ROVoltajDe la capat0351506912
21ESEdurneAmanecer0152102620
22HUBoggieWars for nothing0192001722
23GENina SublattiWarrior0511105113
24AZElnur HuseynovHour of the Wolf0491204814
25RUPolina GagarinaA Million Voices3030228602
26ALElhaida DaniI'm alive0341709308
27ITIl VoloGrande Amore2920335601

Die größte Abweichung im Finale zwischen „Expertengremium“ und gemeinem Plebs gab es übrigens bei Elhaida Dani aus Albanien, die mit ihrem völlig unscheinbaren Nichts von Song bei den Zuschauern auf Rang 8 landete, bei der Jury hingegen auf dem vorletzten Platz. Und auch, wenn ich in diesem Fall eher bei den Jurys bin, spricht dies genau so wenig für den Sonderstatus dieses erlesenen Häufleins von Menschen wie die Tatsache, dass sie mit ‚A Monster like me‘ von Mørland und Debrah Scarlett meinen persönlichen Lieblingstitel dieses Jahrgangs um zehn Ränge besser bewerteten als das Publikum. Denn im Gegenzug killten sie in den Semis wiederum einige meiner Lieblinge, deren Finaleinzug sie mit skandalösen Strafwertungen verhinderten. So in der zweiten Qualifikationsrunde vom Donnerstag, wo sie interessanterweise den katastrophal schlecht singenden Wolfsmenschen Elnur Hüseynov durchwinkten und stattdessen die Hoffnungen der nach langem guten Zureden durch die EBU wieder zurückkehrenden Tschechen begruben. Da habt ihr Eure Aufgabe falsch verstanden: ihr solltet das osmanische Diasporavoting für Aserbaidschan ausgleichen und abtrünnige, weil weniger erfolgreiche Länder bei der Stange halten, nicht umgekehrt! Noch nicht mal das kriegt ihr hin, ihr Honks!

Meine Hoffnung stirbt nie, dass die Jurys bald Geschichte sein mögen! (CZ)

ESC 2. Semifinale 2015

Eurovision Song Contest 2015 - Zweites Semifinale. Donnerstag, 21. Mai 2015, aus der Stadthalle in Wien, Österreich. 17 Teilnehmer, Moderation: Mirjam Weichselbraun, Alice Tumler und Arabella Kiesbauer.
#LKInterpretTitelPkt
gs
Pl
gs
Rkg
TV
Pl
TV
1LTMonika Linkytė + Vaidas BaumilaThis Time0670709806
2IEMolly SterlingPlaying with Numbers0351201416
3SMAnita Simoncini + Michele PerniolaChain of Lights0111601615
4MENenad 'Knez' KneževićAdio0570905809
5MTAmber BondinWarrior0431103212
6NOMørland + Debrah ScarlettA Monster like me1230410405
7PTLeonor AndradeHá um Mar que nos sepera0191402413
8CZMarta Jandová + Václav 'Noid' BártaHope never dies0331305110
9ILNadav GuedjGolden Boy1510315702
10LVAminata SavadogoLove injected1550211603
11AZElnur HuseynovHour of the Wolf0531003711
12ISMaría ÓlafsdóttirUnbroken0141502114
13SEMåns ZelmerlöwHeroes2170119501
14CHMélanie RéneTime to shine0041700617
15CYGiannis KaragiannisOne Thing I should have done0870608008
16SIMaraayaHere for you0920509507
17PLMonika KuszyńskaIn the Name of Love0570811404

Noch größeres Unheil richteten die Juroren jedoch im ersten Semifinale an. Dort gaben sie Pertti Kurikan Nimipäivät rechnerisch gerade mal einen (!) ganzen (!) Punkt und sorgten so dafür, dass die saucoolen, authentischen finnischen Punks auf dem letzten Platz landeten. Bei reinem Televoting hingegen hätte es für den kürzesten Song der Eurovisionsgeschichte, das auf sympathisch lakonische Weise von den Einschränkungen und der Tristesse, die das Leben mit einer Lernbehinderung für die Vier mit sich bringt, berichtende ‚Aina mun pitää‘ (‚Ich muss immer…‘), für Rang 10 gereicht – und damit für den Finaleinzug (anstelle der ungarischen Friedenshymne ‚Wars for Nothing‘)! Und ja, musikalisch ist der Song auch nicht meins, aber hier hätte der Wettbewerb eine historische Chance gehabt, nach Conchitas Gender-Botschaft ein unglaublich starkes Zeichen für die Inklusion von behinderten Menschen zu setzen! Dass die Jurys dies verhinderten, macht mich unsagbar traurig und wütend. Ich kann es nur wiederholen: diese rückständige, konservative, undemokratische und für das Ansehen und den Fortbestand des Contests in hohem Maße schädliche Institution gehört abgeschafft! Jetzt sofort und für immer!

Ist mir immer noch lieber als drei Minuten verlogenes russisches Friedensgesülze: aufrechter finnischer Inklusionspunk (FI)

ESC 1. Semifinale 2015

Eurovision Song Contest 2015 - Erstes Semifinale. Dienstag, 19. Mai 2015, aus der Stadthalle in Wien, Österreich. 16 Teilnehmer, Moderation: Mirjam Weichselbraun, Alice Tumler und Arabella Kiesbauer.
#LKInterpretTitelPkt
gs
Pl
gs
Pkt
TV
Pl
TV
1MDEduard RomanyutaI want your Love0411104812
2AMGenealogyFace the Shadow0770709006
3BELoïc NottetRhythm inside1490212403
4NLTrijntje OosterhuisWalk along0331402314
5FIPertti Kurikan NimipäivätAina mun pitää0131605510
6GRMaría-Elena KyriákouOne last Breath0810606109
7EEElina Born + Stig RästaGoodbye to Yesterday1050313602
8MKDaniel KajmakoskiAutumn Leaves0281502216
9RSBojana StamenovBeauty never lies0630908607
10HUBoglárka 'Boggie' CsemerWars for Nothing0670805011
11BYUzari + MaimunaTime0391203213
12RUPolina GagarinaA Million Voices1820115101
13DKAnti Social MediaThe Way you are0331302315
14ALElhaida DaniI'm alive0621006608
15ROVoltajDe la capat (All over again)0890509605
16GENina SublattiWarrior0980409704

Um abschließend noch einmal ins Finale zurückzukehren: Ann Sophie Dürmeyer, die würdige deutsche Vertreterin, kann sich virtuelle fünf Punkte aus dem Televoting zurechnen und hätte damit den 24. Platz gemacht. Dies ist wohl auch der Grund, warum die EBU sie in der offiziellen Tabelle trotz mit den Gastgebern identischem Nil-Point-Ergebnis auf Rang 26 von 27 führt: die Makemakes nämlich, so bitter es auch für den ORF ist, hätten auch bei reinem Televoting eine lupenreine Null kassiert. Und bei gleicher Punktzahl zählt das Ergebnis aus dem Televoting für das Ranking. Was nichts daran ändert, dass ich im Sinne der deutsch-österreichischen Freundschaft beide Bruderstaaten als absolut gleich berechtigte Zero-Point-Schicksalgemeinschaft empfinde und denke, dass wir dieses Ergebnis als Auszeichnung annehmen und tragen sollten – schaffen wir es doch so gemeinschaftlich erneut in die Hall of Fame. Und in die flugs aktualisierte Tex-Rubinowitz-Ausstellung im Wiener Leopold-Museum!

Vernichtet die Herren des Hasses: die Juroren!

Erstmals verhindern die Jurys den Publikumssieger. Und nun?

View Results

Loading ... Loading ...

Fußnote(n)   [ + ]

1. Geschätzt eine Million Anrufe gehen in Deutschland nach meiner Kenntnis beim Eurovisions-Televoting ein. Die zählen zusammen genau so viel wie die Privatmeinungen der fünf Juroren – jeder der furchtbaren Fünf hat also gewissermaßen 200.000 Freistimmen. Mit welchem Recht?

36 Gedanken zu “Das Jury-Gate: Il Volo sind die wahren Sieger 2015!

  1. Du erinnerst mich an die Leute, die immer noch die D-Mark zurückwollen. Ich bin überzeugter Jury-Fan und finde die Entscheidungen des Publikums skandalös, beschwere mich aber auch nicht darüber.

  2. @aufrechtgehn: ich glaube, Du hast da einen Tatbestand nicht ganz korrekt wiedergegeben. Zwar hat mal als EINZELNER Telefonwähler nicht die Möglichkeit, Beiträge sozusagen abzuwählen, aber in der Wertung werden beim Televoting genau wie bei der Jurywertung natürlich alle 26 Platzierungen berücksichtigt. Erst nach der Zusammenfassung der Ergebnisse wird die Restriktion auf die ersten 10 aktiv.

    Im übrigen wäre ich tatsächlich für ein Wahlverfahren, das hier noch mehr Gerechtigkeit schaffen würde: wie von Dir mehrfach gefordert, bin auch ich für „one man one vote“. Allerdings wäre in meinen Augen „one vote“ eine komplette Sortierung aller Songs, so wie die Juries das auch tun. Mithilfe einer App, in der man einfach die Titel sortiert und die dann die entsprechenden SMS erzeugt, ließe sich das einfach machen.
    Und ein (in meinen Augen) positiver Nebeneffekt wäre, dass nur Leute, die sich ernsthaft mit der Angelegenheit auseinandersetzen, dann überhaupt noch wählen würden (etwas ähnliches würde ich mir sogar bei „echten“ politischen Wahlen wünschen). Dass das leider den Interessen der Fernsehmacher und Telefonkassierer entgegensteht, die möglichst viele Zahler mobilisieren wollen, ist mir natürlich auch klar. Aber ich wäre sogar bereit, als Kompensation einen höhere Preise für die Spezial-SMS zu akzeptieren.

  3. Wegen Ihnen und Frau Merkel wird die europäische Wertegemeinschaft einmal scheitern. Schämen Sie sich was, Herr Berg! Ab in die Talsohle mit Ihnen!

  4. Finde ich in der Tat eine schöne Idee! Für die Masse der Zuschauer ist das natürlich zu kompliziert, und – auch wenn ich grundsätzlich Deine Ansicht teile, dass es die Qualität der Ergebnisse erhöhen würde, wenn nur die abstimmen, die sich wirklich interessieren, sowohl in der Politik wie beim Song Contest – wenn der Wettbewerb massenattraktiv bleiben soll, muss es auch für die ein Möglichkeit geben, abzustimmen.
    Aber warum nicht beides? Anruf / einfache SMS für den „normalen“ Zuschauer, am besten mit einer strikteren Anrufbegrenzung, plus die von Dir skizzierte Premium-Voting-App als (kostenpflichtiges) Zusatzangebot für die Hardcore-Fans. Ich wäre dabei!

  5. Mit welchem Recht? Mit keinem!
    Ist es irgendwie möglich, das „Congratulatios, Sweden!“ oben rechts auf der ESC-Webseite durch „Congratulations, Italy!“ zu ersetzen?
    Nicht, dass ich „Grande amore“ irgendwie geliebt hätte, ganz im Gegenteil, aber dass ausgerechnet der Publikumsfavorit so dermaßen runtergeprügelt wird, hat einen sehr faden Beigeschmack.

    Dafür hatte Juror D (Ferris MC) mit Frankreich, Georgien, Österreich und Spanien Beiträge in den Top 10, die beim Publikum durchgefallen sind.
    Slowenien war im Televoting auf Platz 23, bei Leslie Clio aber auf Platz 8.

    Im zweiten Halbfinale bekam Malta die wenigsten Anruferstimmen, war aber bei Leslie Clio, Ferris MC und Swen Meyer in den Top 10. Publikumsfavorit Polen wurde bei den Juroren nur Fünfzehnter von siebzehn.

    So wenig ich die Beiträge Polens und Italiens gemocht habe, umso sehr verabscheue ich die Juryentscheidung. Sehr auffällig, wie weit die Nummer eins des Publikums sowohl im Halbfinale als auch im Finale runtergevotet wurde. Als ob sie gewusst hätten, wer die meisten Stimmen bekommt.

  6. Und die Italiener selbst haben mit ihrer Jury auch ihr eigenes Televoting-Ergebnis ad absurdum geführt, die beiden mit Abstand führenden der Anrufer wurden durch unterste Plätze bei der Jury komplett aus den Punkterängen gefegt … das ist unglaublich und damit auch klar, dass der Televoter zwar nicht gegen einen Beitrag anrufen kann, der Juror (und zwar jeder einzelne der 5) durchaus die Möglichkeit dazu hat…

    http://eurofestivalit.altervista.org/wp-content/uploads/2015/05/Eurovision-2015-Voto-Italiano-Finale.jpg

  7. Stimmt. Wenn schon die Juries nicht abgeschafft werden, sollte zumindest dieses bescheuerte Ranking-System fallen!

  8. Nimmst Du dann bitte trotzdem oben den irreführenden Passus „während beim Publikum nur die ersten zehn Plätze zählen“ raus?
    Ich habe mir die veröffentlichten Ergebnisse sehr genau angesehen (kann bei Gelegenheit und Wunsch gern auch die annotierten Excel Files mal veröffentlichen), und es wurden ganz offensichtlich jeweils bis Posution 26 herunter BEIDE Rankings kombiniert, und im Zweifel als Tie Break immer zugunsten des besseren Televoting-Ergebnisses entschieden.

    (nicht klar ist mir hingegen, wie Ties innerhalb der Juries aufgelöst wurden. Meine erste Vermutung, dass wie bei der Endwertung sukzessive die Anzahl der Höchstwertungen von oben nach unten verglichen wurden, stimmt offensichtlich nicht, da es hiervon Abweichungen gibt. Vielleicht besserer Median? Hat da jemand Informationen drüber?)

  9. klar – und das televoting der italiener für albanien und rumänien ist ja auch ausschließlich deren musikalischer qualität geschuldet… *totlach*

    gott (oder wem auch immer) seis gelobt, dass es die juries gibt, sonst wäre das ganze nur noch eine einzige lachnummer

  10. So sehr ich auch pro Juries bin, das Televoting der Italiener für Albanien und Rumänien geht schon in Ordnung. Das hat sehr wohl etwas mit gemeinsamem Musikgeschmack zu tun, gefördert etwa durch ähnliche Sangestradition (Das albanische Festivali i Kenges und das San Remo Festival spiegeln das) teilweise ähnliche Sprachen (zumindest italienisch und rumänisch; in Rumänien ist es häufig, dass italienisch als erste Fremdsprache gewählt wird) und Kulturaustausch (Elhaida Dani ist kein Einzelfall mit ihrer Präsenz in italienischen Gesangswettbewerben). Das muss natürlich nichts mit Qualität zu tun haben, ist aber eine Frage des ähnlichen Geschmacks. Und den will ich definitiv nicht verbieten (im Gegensatz zu rein politisch-ideologisch gesteuertem Wahlverhalten).

  11. Aber es geht doch hier gar nicht darum, ob die Beiträge so qualitativ hochwertig sind (bei Albanien hätte ich eine schlechte Jury-Wertung sogar heuer verstanden 🙂 ) , aber es ist doch so, dass lediglich 5 Personen hier über 50% des Televoting-Ergebnisses quasi durch Herunterwerten der Beiträge ungültig machen. Da haben sich „wer auch immer“ die Finger wund gewählt und viele viele Euros investiert – schauen gespannt auf die Punktevergabe aus Italien… und „niente“. Ich könnte das nicht verstehen und fühlte mich verhöhnt.

    Die Möglichkeit aktiv ein Ranking vorzunehmen hat nur die Jury und das ist Mist.

  12. Deswegen bin ich ja auch dafür, dass jeder Wähler ein komplettes Ranking erstellen sollte (oder zumindest können sollte).

  13. Langsam wird das grundlose Jury-Bashing peinlich. Nein, die Italiener sind nicht die „wahren“ Sieger. Nur Schweden hat es geschafft, Jurys und Publikum gleichermaßen so zu begeistern, daß sich ein Gesamtsieg ausgeht.

    Es ist auch kein „Jurygate“, wenn die Jurys das tun, wozu sie geschaffen wurden: eine zweite Sicht einbringen nämlich, die die Ergebnisse des reinen Televotings aufwertet und abrundet. Von einem „Jury-Gate“ würde ich dann sprechen, wenn die Jurys 1:1 das Televoting duplizieren. Dann bräuchte man sie nicht.

    Wie dringend der ESC die Jurys braucht, zeigt nicht nur 2015 – für „Grande Amore“ als Sieger hätte ich mich noch in 10 Jahren geschämt, ebenso wie für die hier unverschämt eingeforderten Mitleidspunkte an Finnland. Auch in den Jahren, in denen es vorübergehend nur Televoting gab, haben sich ja die Schwächen dieses Systems gezeigt.

    In der DNA des Song Contest sind die Jurys fix verankert. Televoting ist ein Fremdkörper, den die EBU zur Reichweitenmaximierung einsetzt, dessen destruktive Kraft sie aber noch nicht im Griff hat. Das System mag aus mehreren Gründen nicht optimal sein…. Reines Televoting wäre es noch weniger.

  14. Es ist interessant zu lesen, wie einige strikt gegen Juries sind und andere vollkommen dafür. Klar, ich bin den Juries irgendwie dankbar, dass durch sie Italien nicht gewonnen hat und Lettland weiter vorne gelandet ist, aber das ist mein persönlicher Geschmack. Auf der anderen Seite gab es wohl viele Leute in Europa deren persönlicher Geschmack Italien war und das sollte man natürlich respektieren.
    Im Gegenzug bin ich sehr wütend auf die Juries, dass sie wieder Aserbaidschan ins Finale gewählt und damit Tschechien rausgekickt haben. Ich denke die EBU tut sich mit dem aktuellen Jurysystem keinen Gefallen, denn die Beschwerden nach dem Contest wird es immer geben, denn jedem ist doch klar: wieso haben 5 Leute genauso viel zu sagen wie eine Million Anrufer, wenn diese 5 Leute auch nur nach ihrem Geschmack voten? Darum geht es doch, eine fünfköpfige Jury wird nie objektiv voten, wie sollte das auch funktionieren? Musik ist letzten Endes immer subjektiv. Man kann vielleicht bei manchen Liedern eher sagen, dass diese eine höhere Wahrscheinlichkeit haben Charterfolge zu feiern als andere, aber so ganz sicher ist das auch nicht.

    Ich halte es für sehr schwierig sich ein neues, besseres System auszudenken. Eure Vorschläge von wegen jeder macht ein ganzes Ranking halte ich für nicht sinnvoll, denn damit kann man aktiv Länder runtervoten und da sehe ich bei den Zuschauern, dass sie das definitiv machen werden. Wenn es das dieses Jahr schon gegeben hätte, wäre zB Russland bei den Zuschauern nicht auf dem 2. Platz gelandet, denn viele hätten sie ganz unten platziert aus politischen Gründen!
    Ich denke in erster Linie sollte die EBU sich etwas ausdenken, wie mehr „normale“ Leute anrufen. Mit normal meine ich weder die Hardcore-ESC Fans, noch Migranten/Diaspora, sondern ich sag jetzt mal zB ein „ganz normaler Deutscher/Österreicher etc.“, der vielleicht zufällig am Samstagabend den ESC schaut. Die meisten davon schauen sich das doch nur an und rufen nicht an, dafür interessiert es sie letztendlich zu wenig, aber genau ihre Stimmen braucht man, um das Ergebnis noch objektiver zu machen, denn ihre Votes mildern das Nachbarschafts- und Diasporavoting ab. Die EBU muss es schaffen diese Zielgruppe zum Anrufen zu bewegen!

    Danach sollte man sich überlegen, wie man das Jurysystem überarbeitet, aber wie, da habe ich im Moment auch noch keine Idee 😉

  15. Einen Skandal darin zu sehen, dass die Jurys und das Publikum sich nicht einig sind, halte ich für ziemlich weit über das Ziel hinausgeschossen. Diskutabel ist für mich aber, wer in den Jurys sitzt, wie die Jurys konstituiert sind, auf welchen Grundlagen oder Nichtgrundlagen die Jurys bewerten, und last but not least wie Jury und Publikum zusammengerechnet werden.

  16. !!!!! Habt ihr soeben die Italiener von Il Volo als „Tumore“ bezeichnet??? Das ist unfassbar geschmacklos und menschenverachtend. Schämt euch! Das Wortspiel (sic!) geht sowieso nicht auf, weil es handelt sich bei Il Volo um zwei Tenöre und einen Bariton. …. Ihr seid demnach also nicht nur widerlich sondern auch mangelhaft informiert 🙁

  17. Kleiner, eher nebensächlicher Nitpick: das war ziemlich sicher nicht das erste Mal „seit 1997“, dass der Juryfavorit den Televotingfavoriten geschlagen hat, denn wenn man sich das Scoreboard von ’97 ansieht, hat „Love Shine a Light“ aus den vier Ländern mit Televoting, die für Großbritannien stimmen durften (Schweden, Deutschland, Schweiz und Österreich) 46 von 48 möglichen Punkten erhalten (nur Deutschland hat seine Höchstwertung dann doch an die Türkei gegeben). Vielleicht wäre „seit 1996“ die sinnvollere Formulierung.

  18. Moment mal bitte. Man stelle sich kurz vor, die Vorzeichen seien umgekehrt und Schweden zugunsten Italiens von den Jurys runtergestimmt worden. Die Proteste will ich mir nicht vorstellen. Die Berechtigung der Jurys darf nicht am persönlichen Liedergeschmack festgemacht werden – ich stehe in absoluter Fassungslosigkeit vor der Tatsache, dass das designiert erfolgreichste Land der ESC-Geschichte mit einem Song, der hart an der Grenze zum Plagiat stand und einer Bühnenshow, die das krasseste Ablenkungsmanöver von einem Durchschnittslied seit Ukraine 2011 war, von „musikalischen Fachjurys“ protegiert wird. Was soll das? Aber das ist nicht der Grund, weswegen ich gegen das aktuelle System wettere – der Hauptgrund ist dieses unsägliche Ranking. Zurück zu den Top 10 – jetzt – oder von mir aus auch den Top 12 oder 15, denn wenn nur ein gutes Drittel der Länder im Finale Punkte bekommt, ist das eigentlich nicht genug. Im Moment kann eine konzertierte Aktion der Jurys einen Favoriten der Televoter komplett aus dem Rennen werfen, was auch schon diverse Male passiert ist (Polen 2014 in Großbritannien zum Beispiel), aber schlicht und ergreifend nicht passieren darf.

    Ja, Televoting wurde zur Reichweitenmaximierung eingesetzt. Im Sinne von: ohne Televoting wäre der Wettbewerb inzwischen wahrscheinlich tot, denn es wäre immer so weitergegangen wie 1996, als drei absolut identische Songs die ersten drei Plätze belegten. Man kann einem Publikum im Jahr 2015 keinen Wettbewerb mehr verkaufen, bei dem es selbst keinerlei Mitmachmöglichkeiten hat. Der sogenannte Fremdkörper ist inzwischen seit fast zwanzig Jahren Bestandteil des ESC – mit der gleichen Berechtigung könnte man die Wiedereinführung der Sprachregel und des Orchesterzwangs fordern, die auch „Bestandteil der DNA des Contests“ waren und ohne die der Wettbewerb deutlich besser dran ist.

    Die Jurys haben in den Jahren 2009 bis 2012 – vor der Einführung des Komplett-Rankings – getan, was sie sollten: musikalisch große Beiträge geschützt, die im Televoting untergegangen wären (FR 2009, IT 2011) und umgekehrt Diasporaprofiteuren gezeigt, dass sie ab und zu auch mal ein bisschen arbeiten müssen, um das Finale zu schaffen (AM und TR 2011). Seit 2013 hat sich dieses Bild ins Gegenteil verkehrt – wenn die Jurys die ohnehin erfolgreichen Länder noch protegieren (SE 2015, AZ 2014 und 2015, und eigentlich auch schon GE und UA 2012), dann läuft etwas falsch. Jedem, der dagegen etwas hat, einfach mal „grundloses Bashing“ zu unterstellen, ist ein Ad-hominem-Angriff der übelsten Sorte, hart an der Grenze zur Brunnenvergiftung („was der/die sagt, kann man doch sowieso nicht ernst nehmen“) und ein absoluter Missgriff im Tonfall. Gegen solche Ausrutscher ist der Hausherr keinesfalls immun, und vielleicht schallt es so aus dem Wald, wie man hineinruft, aber möglicherweise sollten sich alle Anwesenden mal ein bisschen beruhigen, bevor die Attacken noch persönlicher werden.

  19. Wäre da nicht der Abschnitt, der konkrete Titel nennt (Scham für Grandee amore, Mitleid für Aina mun pitää) dann könnte ich hundertprozentig zustimmen. Was dieesen Abschnitt bgetrifft, bin ich ganz konform mit der Antwort von Ospero, denn auch wenn ich geschmacklich öfter bei den Jurys als beim Televoting bin, ist DAS definitiv kein Argument für Jurys.

    Aber: ich bin nach wie vor für dieselben, und finde auch, dass Du recht hast, dass es keinerlei Grund gibt, „Jury-Gate“ zu rufen, wenn Jurys genau das tun, wozu sie da sind, nämlich eine ANDERE Sicht reinzubringen. Das Gegenteil würde sie obsolet machen.

    Allerdings finde ich, dass, um wirklich eine andere Sicht zu erhalten, die Jurys völlig anders besetzt werden müssten. So wie es jetzt ist,handelt es sich um 5 beliebige Hansels, die zwar irgendeinen Bezug zur Musikszene haben sollten, aber was heißt das schon? Da verstehe ich die hier oft gebrachte Kritik schon sehr gut, wieso jemand wie Johannes Strate (um nur ein willkürliches Beispiel zu nennen) mit SEINEM ebenso subjektiven Geschmack mehr Gewicht haben sollte als x Televoter. Auch wenn ich den meisten Jurymitgliedern durchaus unterstelle, dass sie ihrer Aufgabe mit Sorgfalt und Verantwortung nachkommen, bleibt wohl größtenteils immer noch lediglich der persönliche Geschmack — und da sind dann alle wieder ganz Kind ihrer Zeit.

    Meiner Meinung nach müssten Jurys so besetzt werden, dass von vornherein keine musikalische Stilrichtung bevorzugt würde. Da müssten dann Jazzer genauso wie Rocker und Leute aus klassikorientierten Branchen, sowie bunt durch alle Altersgruppen, vertreten sein. Auch müssten Musiktheoretiker (z.B. Professoren der entsprechenden Lehrstühle) vertreten sein, und eben GERADE NICHT VERTRETER VON PLATTENLABELS ODER RUNDFUNKANSTALTEN O.Ä. (dieser Teil wird durch die Publikumsbefragung viel besser abgeseckt). Der persönliche Geschmack bleibt dann zwar immer noch, wird aber auf ein Minimum reduziert.
    Diese Aet der Besetzung ist sicherlich ein wenig kompliziefrter, aber genau so etwas erwarte ich mir (übrigens gab es in früheren Zeiten schon einmal ähnliche Ansätze).
    Ich halte die Jurys tatsächlich für einen integralen Bestandteil des Systems (und nehme eher das Televoting als Fremdkörper hin, auch wenn ich mich selbst gern beteilige).
    Ja, und auch die Sprachregelung sollte meinet Meinung nach wirklich wieder her. Sonst haben wir bald nur noch von Schweden komponierten englischsprachigen Einheitsbrei.

  20. Zum letzten Absatz: Die Komponisten aus Schweden, gerade die üblichen Verdächtigen, haben durchaus schon bewiesen, dass sie es auch in anderen Sprachen können (vermutlich mit entsprechenden Textern); siehe „Quedate conmigo“. Ich weiß nicht, inwiefern eine Wiedereinführung der Sprachregel da helfen würde.

    Insgesamt: Ich bin auch nicht dafür, die Jurys komplett abzuschaffen, auch wenn das Argumentum ad antiquitatem „das gehört halt dazu“ allein nicht taugt, um sie (oder irgendwas anderes) zu rechtfertigen – wenn das ein Argument wäre, hätten wir auch immer noch Zwangsorchester, Sitzzwang, Abendgarderobe und maximal 20 Teilnehmer und würden den Top 3 jedes Landes 5, 3 und 1 Punkt geben. Das Korrektiv wird meines Erachtens gebraucht. Aber so, wie es im Moment läuft, geht es nicht weiter. Italienische Jurys, die in Erwartung hoher Televoterzahlen bewusst Rumänien und Albanien niederstimmen (wenn auch im letzteren Fall zu Recht), britische Jurys, die versuchen, Polen kleinzuhalten, und armenische und aserische Jurys, die sich gegenseitig aufs Brutalste kaputtvoten, sind kein haltbarer Zustand. Schafft die Komplettlisten ab (die sind sowieso total absurd – wer von uns könnte alle 27 Finalisten in eine Reihenfolge bringen, ohne dass zumindest der mittlere Teil mehr oder weniger willkürlich gereiht wäre?) und gebt die 9 und 11 Punkte dazu, denn das Problem dieses Jahr war die enorm hohe Zahl an Finalisten, so dass fast zwei Drittel durchs Raster fallen. Und begrenzt die Anrufe pro Anschluss stärker.

  21. „wer von uns könnte alle 27 Finalisten in eine Reihenfolge bringen“?
    Ich mache das mit allen 40 Titeln jedes Rahr sehr sorgfältig. Und dann höre ich sie im Auto in aufsteigender Reihenfolge (von würg bis supet) im Auto in Dauerschleife und messe dabei meinen Drang zum Vor- oder Zurückspulen, um mit dieser Info dann die Reihenfolge feinzukorrigieren …

  22. dann hätte ich noch gern die 12 televotingpunkte für albanien aus der schweiz erklärt bekommen…
    von wegen kulturelle ähnlichkeit oder so etwas in der art

  23. Ich bin eher dafür, dass man umgekehrt den Jurys das Ranking verbietet. Gut von Schlecht zu unterscheiden ist das eine, aber so detailliert aufstellen zu müssen ist mir zu willkürlich.

  24. @ Def
    Und wie viele Juroren verfahren ebenso wie du? Die haben als Basis nur die Generalprobe und nicht wirklich viel Zeit dazu.

  25. Ich schließe mich einem der Vorredner an, Jurys gehören zur unverzichtbaren DNA des ESC, das Televoting ist ein – aus kommerziellen Gründen – leider nicht mehr wegzudenkender Fremdkörper zur „Reichweiten-Maximierung“. Die „destruktive Kraft“ desselben wird mit der 20-fachen Stimmenbündelung durch die EBU gezielt entfesselt.

    Das Unverständnis über manche hier kritisierte Jury-Entscheidung teile ich, insbesondere in Bezug auf Italien vs. Schweden, dies ändert jedoch nichts an der Notwendigkeit der Jurys als Korrektiv gegen Televoting-Auswüchse und musikalischen Schrott. Leider sind die Jurys diesem Ideal im Jahre 2015 nicht wirklich nachgekommen, was aber weniger Kritik an der Legitimation des Instrumentes „Jury“ als viel mehr an deren Zusammensetzung und dem Wertungsmodus erregen sollte. Ich hatte mich ja im letzten Jahr schon intensiv damit auseinandergesetzt und entsprechende Vorschläge geäußert, die in einer Steigerung der musikalischen Diversität und Qualität des Contests resultieren sollen.

    http://www.aufrechtgehn.de/2014/05/die-jury-diskussion-respekt-fuer-hater/#comments

    Es freut mich, dass einige Vorschläge, die ich letztes Jahr schon in die Runde geworfen hatte, nun auch von anderen Usern in ähnlicher Form vorgebracht werden. Hierzu zählen Evaluation aller Songs durch ausgewählte / besonders interessierte Zuschauer bzw. „Hardcore-Fans“ mittels einer Voting-App (ich hatte hier ja vor allem an Mitglieder der ESC-Fanclubs gedacht), die Begrenzung der Wertungen pro Juror auf die Top 10 oder die Beteiligung von Musiktheoretikern und „Professoren der entsprechenden Lehrstühle“.

    Es sei nochmals explizit gefordert, dass die Jurys aus einer anteilig gleichen (z. B. 5:5) Mischung von Music Industry Professionals und Musiktheoretikern bestehen sollen. Dies würde den ESC-Song-Konstrukteuren (aka Komponisten) Kopfzerbrechen bereiten, einen musikalischen Spagat erfordern und letztlich unterschiedliche Konzepte und damit die musikalische Diversität des Wettbewerbs fördern. Der glattgebügelte zweitklassige musikalische Einheitssumpf, kombiniert mit einer Leistungsschau der Licht- und Bühnentechnik, der anno 2015 als Grand Prix Sieger zelebriert wird (zu meinem größten Unverständnis unter essentieller Mithilfe weitgehend fehlbesetzter Jurys), würde dann abgestraft.

    Nachdem wie bereits betont wurde, nicht nur die Jurys, sondern auch das Live-Orchester zur DNA des Contests gehört, sei an dieser Stelle nochmals dessen umgehende Rückkehr gefordert. Dies wäre die wichtigste Maßnahme um eine musikalische Diversifizierung und Qualitätsoffensive zu fördern. Wer das Orchester nicht nutzen möchte, darf gerne seine Instrumentalbegleitung auf der Bühne selbst organisieren, natürlich im Rahmen der 6-Personen-Regel, oder eine Mischung aus Orchester und eigener Instrumentation nutzen. Aber kein Ton vom Playback.

    Den monströsen Aufwand für LED-Technik, Strichmännchen-Animation (in die inklusive Umgestaltung nach Plagiat u. U. mehr Stunden an Vorbereitungsarbeit investiert wurden als in die Komposition des siegreichen Songs) und sonstige optische Entgleisungen kann man sich hingegen sparen, das hat in einem Wettstreit der Komponisten und Textdichter nichts zu suchen, zumindest nicht in dem Ausmaß. Wenn man schon die LED-Wand benötigt, kann man sie wunderbar nutzen um die Aktivität des Live-Orchesters formatfüllend zu dokumentieren und dem Publikum in der Halle und an den TV-Geräten Einblicke in die Interaktion von Dirigent, Orchester, Instrumentalisten auf der Bühne und Sängern zu bieten.

    Wenn jetzt wieder die fehlenden Vermarktungschancen einer solchen Veranstaltung in Zweifel gezogen werden, sei angemerkt, dass das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker (obwohl nicht zur Prime Time gesendet) international auch über der 50 Mio. Marke liegt, ganz ohne Televoting, LED-Wand oder Strichmännchen, stattdessen mit Live-Orchester und echter Tonkunst.

    Zur Sprachregelung hatte ich mich im Vorjahr neutral positioniert, würde aber inzwischen im Rahmen eines Komplett-Reformpakets auch selbige wieder einführen wollen. Wenn ich kritisch reflektiere, welche ESC-Werke der Vorjahre ich am häufigsten aktiv konsumiere (Youtube etc.), bleiben ich doch oft an den muttersprachlichen hängen wie z. B. Bosnien 209, Serbien 2012 oder Island 2013 (man stelle sich vor, wie dieser ohnehin geniale Beitrag mit Live-Orchester zur Geltung gekommen wäre). Die Sprachregel würde eine Diversifizierung der musikalischen Stile gewiss fördern.

    In der Zusammenfassung also folgendes Maßnahmen-Quintett zur Steigerung von Qualität, musikalischer Innovationsfreude und Fairness: 1.) jeder Ton live inklusive Orchester, 2.) Sprachregel wieder einführen und damit Einheitsbrei bekämpfen, 3.) Musiktheoretiker in die Jurys involvieren, 4.) hervorgehobene Voting-Optionen für Hardcore-Fans, die sich intensiv mit dem ESC befassen (gerne durch Voting-App) und 5.) für „normale“ Anrufer nur ein Vote pro Song.

  26. Es ist jedes Jahr dasselbe, und jedes Jahr geht es wieder am Kern vorbei – nicht die Jurys sind das Problem, sondern dieses verdammte Ranking, das man uns ohne Not reingedrückt hat. Schafft das Ranking ab, dann erledigen sich viele Probleme von selbst.

  27. Das klingt alles nicht wirklich nach einer Unterhaltungssendung, die sich die Leut gern ansehen. 🙂

    Was würden Musiktheoretiker in einer Jury machen? Das ist so, als ob man gutes Essen chemisch analysieren würde, statt seinen Geschmack zu genießen.

    Ein Live-Orchester bringt keine Verbesserung für irgendwen, ganz im Gegenteil. Sinnvoll wäre im Gegenteil ein Vollplayback, damit die Songs nicht durch schlechte Gesangsstimmen ruiniert werden.

    Ebensowenig verstehe ich den Wunsch nach der Sprachregelung. Ich finds immer toll, wenn ich einen Song mitsingen kann. Das konnte ich bei „Adio“ nicht, bei „Rhythm Inside“ aber schon. Punkt für Belgien.

    Nein, ich halte es für richtig, daß man dem Zuseher ein Feuerwerk an Tanz, LED-Effekten und Kostümwechseln bietet. Es ist eine TV-Unterhaltungsshow, und da muß Unterhaltung an erster Stelle stehen. Die Rolle der Jurys kann es durchaus sein, die Songs lange vor den ersten Proben in der Studiofassung zu hören und zu bewerten, nach dem Motto: „Würde ich das Lied im Radio hören wollen?“ Dafür sind Leute aus der Pop-Branche geeignet, keine weltfremden Theoretiker.

  28. In der angegebenen Reihenfolge:

    1 – Nein. Keine Chance und bitte nicht. Wer einmal gehört hat, wie die Orchester der späten Siebziger und frühen Achtziger diverse Songs kaputtgespielt haben, kann nicht mehr ernsthaft fordern, zum Orchesterzwang zurückzugehen. Wer will, soll von mir aus Liveinstrumente benutzen dürfen, aber bitte nicht verpflichtend.

    2 – Oh nein. Wollen wir ernsthaft wieder in die Zeiten zurück, als Großbritannien, Irland und Malta rein aufgrund ihrer Sprache einen Vorteil hatten, den andere Länder dadurch auszugleichen versuchten, dass sie so wenig Text wie möglich benutzten? (Wer jetzt an „Rock Me“, „Diva“ oder „Nocturne“ denkt, hat meinen Gedankengang richtig erfasst.) Mal davon abgesehen, dass die Sprachregel mit der musikalischen Vielfalt so überhaupt gar nichts zu tun hat, was jedem klar sein sollte, der sich die Contests aus den Zeiten der Sprachregel (besonders die späten, Mitte der 90er) mal richtig angehört hat. Ob die Ballade mit Folkelementen nun auf Englisch, Norwegisch oder Schwedisch gesungen wurde (in dieser Reihenfolge die Top 3 von 1996), sie hörte sich in allen drei Fällen doch ziemlich gleich an.

    3 – Ich bin auch dafür, die Vielfalt der Jurys zu erhöhen, aber warum auf halber Strecke stehenbleiben? Theoretiker, professionelle Musiker (bitte aus diversen Genres), Konzertveranstalter…da gibt es Möglichkeiten.

    4 und 5 – Wäre vielleicht machbar.

  29. Hier wird 1996 rezidivierend als „abschreckendes“ oder unerwünschtes Beispiel verwendet bzw. Negativ-Argumente werden gerne auf den ESC 1996 bezogen. Einer meiner absoluten Lieblings-ESCs. Vor allem Schweden 1996 gehört zu meinen meist gehörten ESC-Favoriten, übrigens gerade wegen der instrumentalen Abschnitte, die dem ganzen einen hymnischen Charakter verleihen. In vielen anderen ESCs hätte der Beitrag herausragende Siegchancen gehabt, 1996 war die Konkurrenz dann doch zu stark. Auch beim irischen Beitrag kommt nicht auf den Text an, die instrumentalen Sektionen sind von besonderer Schönheit. Wenn 1996 der Maßstab für ein Reformpaket wäre, würde ich jedenfalls sofort zustimmen. Die Beiträge von Schweden, Norwegen und Irland 1996 haben hinsichtlich Tempo, Instrumentierung (bzw. der dominanten Instrumente), Rhythmik, Melodieführung und Harmonik nicht allzu viele Gemeinsamkeiten.

    Die Sprachregel mag sehr wohl zu mehr folkloristischen Elementen und einer Diversifizierung ermuntern, man kann dies aber auch durch ein entsprechendes Jury-Kriterium regeln, das außergewöhnlich kreative Instrumentierung, Darbietungen jenseits von Mainstream-Songformaten etc. aufwertet. Aktuell scheint es keine Kriterien zu geben, was die Jury eigentlich zu bewerten hat. Es wird ein Ranking gebildet von jedem Juror. Wie dieser auf die Bewertung kommt, ist nicht nachvollziehbar. Warum nicht klare Punktesysteme einführen, nach denen z. B. die Instrumentierung, die Textdichtung, die Liedform, das Abwechslungsreichtum innerhalb der 3 Minuten, die Stimmigkeit von Instrumental- und Vokalelementen, Vermarktungspotential etc. gezielt bepunktet werden. Bei den allermeisten musikalischen Wettbewerben mit Jury-System gibt es klare Bewertungskriterien oder gar ein definiertes Punktesystem für die Gewichtung bestimmter Elemente. Warum nicht auch beim ESC?

    Bezüglich Orchester: Es geht nicht um zweitklassige Orchester, die Songs „kaputt spielen“. Die EBU und ausrichtenden Sender haben Geld um meterhohe LED-Wände zu errichten und sonstige Ressourcen-Verschwendung und optische Wettbewerbsmanipulation zu betreiben (selbst der Hausherr des Blogs hat sich ja zum musikalischen Wert des schwedischen Beitrags 2015 vs. optischer Effekthascherei eindeutig positioniert). Dann muss doch auch Geld vorhanden sein um ein Orchester von Weltrang für den Wettbewerb zu akquirieren und langfristig an selbigen zu binden. Entsprechende Offerten hat es in der Vergangenheit ja schon gegeben. Die EBU hat einen Vertrag mit den Wiener Philharmonikern über die Ausstrahlung verschiedener Konzerte, u. a. das lukrative Neujahrskonzert. Warum nicht auch den ESC in ein entsprechendes Vermarktungspaket einbinden?

    Noch besser wäre es natürlich, wenn die EBU selbst ein großes internationales Orchester aufbauen und unterhalten würde und damit die im Jazz-Bereich begonnenen Aktivitäten auch im philharmonischen Bereich expandieren würde, mit dem ESC als große Leistungsschau, aber da ergäben sich natürlich noch weitere Ideen. Der zuletzt und auch bei der nächsten Edition in Deutschland ausgetragene „Eurovision Young Musicians“ Contest ist ja ein guter Anknüpfungspunkt (da gibt es das Live Orchester noch). Ein Contest für zeitgenössische Klassik oder für Jazz (Contest für Komponisten, ggf. separater Contest bzw. Subkategorie zur Prämierung von Instrumentalisten) wäre beispielsweise denkbar. Entsprechend aufbereitet und mit Einbeziehung eines gut konzipierten Televotings (App mit diversifizierter Bewertung) und den klassischen Spannungselementen (länderweise Punkteverkündung anstatt einfach die Sieger direkt zu verkünden wie beim EYM) kann so etwas durchaus marktgerecht aufgezogen werden.

    Ok, der letzte Absatz war off topic.

  30. Das Orchester, das die musikalische Bandbreite des gesamten ESC-Spektrums gleich gut abbilden kann, will ich sehen. Und das Problem mit den Orchestern Anfang der 80er war ja nicht, dass sie es nicht gekonnt hätten – zumindest das BBC-Orchester 1982 dürfte nun nicht eben das schlechteste gewesen sein – sondern dass sie mit rigoroser Gleichmacherei die Songs glattgebügelt haben. Als Option gerne, als Zwang bitte nie wieder.

    Und ich glaube, ich habe mich da ein wenig missverständlich ausgedrückt. 1996 gehört auch zu meinen Lieblings-ESCs (und die Plätze 1 und 3 zu meinen All-time-Favoriten), aber einen Song, der ein weltweiter Superhit war, einen Grammy gewonnen hat und bis heute der letzte ESC-Teilnehmer war, der in Großbritannien auf Platz 1 stand, auf den achten Platz runterzuwerten, hat damals schlagend bewiesen, dass die Jurys den Musikgeschmack der Menschen in Europa nicht mehr erkennen konnten und dass Songs, die einem bestimmten Schema entsprachen (was trotz der deutlichen Unterschiede für die drei Erstplatzierten des Jahrgangs eindeutig der Fall ist) von vornherein auf Sieg spielen, wenn sie nicht massive technische Fehler machen. Und einen ESC, der sich vom allgemeinen Musikgeschehen entkoppelt, braucht es nicht – dafür gibt es Nischenfestivals wie zum Beispiel Liet. Natürlich können wir gerne in diese Zeit zurück, aber dann werden wir auch mit den Zuschauerzahlen von damals leben müssen – oder eher mit einem Bruchteil derselbigen. Manche mögen einen „elitäreren“ ESC vorziehen; zu diesen Leuten gehöre ich nicht.

    Und schließlich will ich noch was sehen, nämlich, wie genau die Kriterien für die Jurys festgelegt werden sollen. Beim ESC geht es im Gegensatz zu Klassikfestivals nicht ausschließlich um technische Perfektion – die ist auch in zeitgenössischer U-Musik (was für ein grausiger Begriff, aber er erklärt am besten, was ich meine) kein Kriterium, schon seit mindestend fünfzig Jahren nicht mehr. Als Mitte der 70er die Progressive-Bewegung in ihrer eigenen Kompliziertheit und Verschachteltheit zu ertrinken drohte, kam die Punkbewegung daher; als Anfang der 90er die Dekadenz des Hair Metal nur noch langweilig war, hat Grunge die Zäune niedergerissen. Weder Johnny Rotten (oder für die „wahren“ Punks da draußen meinetwegen Joe Strummer) noch Kurt Cobain waren nach irgendeinem Kriterium virtuose Musiker, und dennoch lässt sich ihre Bedeutung für die Entwicklung der Popmusik (im Sinne der populären Musik ganz allgemein) nicht leugnen. Gleiches gilt etwas früher auch schon für die Beatles, die Stones oder Elvis Presley.

  31. alleine die Aussage, dass Du Dich für Grande Amore als Sieger auch in 10 Jahren noch geschämt hättest, entlarvt Dich.
    Alles ist Geschmacksache. Ich fand Lordi entsetzlich, akzeptierte das Resultat aber ohne Murren.
    Dieses Jahr wurde der Erdrutschsieg Italiens bei den Millionen Televotern durch ca. 80 Personen verhindert. Nur gerade ca. 15 Jurys haben auffällig schlechte Bewertungen für Italien abgegeben, was ausgereicht hat Italien vom 1. auf den 3. Platz zu drängen.
    Sorry aber wer ein solches System in Ordnung findet hält wohl nicht viel von Demokratie.

  32. 1.) Live-Orchester ist nicht mehr zeitgemäss. Man schaue sich mal alte Jahrgänge an als dieses noch so war. Alles tönte gleich und der ESC wirkte schon bald altbacken. Und wenn schon live Zwang, dann soll jeder Act seine eigene Band mitbringen.
    2.) Sprachregelung. Da kann ich die Argumentation absolut verstehen. Dieses Jahr waren meine Song Lieblinge unter anderem Adio und De La Capat, aber auch Grande Amore. Allerdings widerspricht es meiner liberalen Einstellung den Ländern zu viele Auflagen zu machen. Da würde ich schon eher die unsägliche 3 Minuten Regel endlich der Realität anpassen und auf 4 Minuten oder zumindest 3:30 erweitern.
    3.) Die perfekte Jury gibt es nicht, egal wen man da reinsetzt. Alleine die Tatsache das seit Wiedereinführung jedes Jahr darüber diskutiert wird und seit diesem Jahr wohl besonders heftig, zeig doch wie unsäglich falsch diese Wiedereinführung war. Am Ende muss der ESC erfolgreich sein können, wenn man aber Millionen Zuschauer vor den Kopf stösst wie dieses Jahr kann dies nur negative Auswirkungen haben.
    4.) Dies schafft Ungleichheit im Televoting. Geht gar nicht. Ausserdem muss das Ganze möglichst einfach gehalten werden für alle.
    Jeder kann 20 x voten, also kann man durchaus jetzt schon z.B. für seine Top 5 voten wenn man das will.

  33. Wie ich schon an diversen Stellen gesagt habe: Alle, die das Ergebnis von diesem Jahr verteidigen, sollen sich bitte mal vorstellen, es wäre genau umgekehrt gelaufen und Schweden hätte dank der Jurys den Sieg an Italien abtreten müssen. Genau die Leute, die jetzt ihre ewige Dankbarkeit in den Äther posaunen, dass das „unsägliche“ italienische Lied nicht gewonnen hat, hätten Schnappatmung bekommen und sich noch in hundert Jahren über den „gestohlenen“ schwedischen Sieg echauffiert. Sorry, aber wenn man das aktuelle System verteidigen will, sollte man das nicht am persönlichen Musikgeschmack festmachen. Wer Jurys haben will, sollte objektiv belastbare Argumente zu ihren Gunsten haben. Ich persönlich glaube, dass man der Sache die Spitze nehmen könnte, indem man das Komplettranking wieder abschafft – ich kann mich nicht erinnern, dass wir zwischen 2009 und 2012 richtig böse Kontroversen der Art hatten, wie sie seit 2013 an der Tagesordnung sind. (Oder vielleicht ist der Ton einfach generell schärfer geworden. Was ich bedauerlich fände.)

Oder was denkst Du?