Groß­bri­tan­ni­en 2016: die heim­li­che ESC-Bro­mance mit The Voice geht wei­ter!

2003 war es, gleich zu Beginn der euro­pa­wei­ten Cas­ting­show-Hys­te­rie, da ver­ho­ben sich die am For­mat Pop Idol (bei uns bekannt als DSDS) betei­lig­ten Pri­vat­sen­der an dem Ver­such, den Euro­vi­si­on Song Con­test zu kopie­ren und eine World Idol (Super­star welt­weit) genann­te Show mit all den Lan­des­sie­gern zu pro­du­zie­ren. Kos­te­te viel Geld und nie­mand woll­te es sehen: ein nie mehr wie­der­hol­ter Flop. Cle­ve­rer stel­len es die Mit­be­wer­ber von The Voice an, die den ESC ein­fach unter­wan­dern las­sen und ihn so ohne eige­ne Kos­ten zu ihrem heim­li­chen Euro­pa­fi­na­le umfunk­tio­nie­ren. Seit Jah­ren flu­ten die Voice-Teilnehmer/innen in immer stär­ke­rem Maße die natio­na­len Grand-Prix-Vor­ent­schei­dun­gen – und gewin­nen dort. Ges­tern bei­spiels­wei­se erst in einer der ande­ren Big-Five-Natio­nen, die­sem, wie heißt es noch gleich: Deutsch­land. Heu­te zog das Ver­ei­nig­te König­reich nach, wo Joe Wood­ford und Jake Shakes­haft das hun­dert­pro­zen­ti­ge Tel­e­vo­ting bei Euro­vi­si­on: you deci­de für sich ent­schei­den konn­ten, gegen die Stim­mung im Saal und gegen die Beein­flus­sung durch die BBC und ihre drei­köp­fi­ge, nicht stimm­be­rech­tig­te Exper­ten­ju­ry, die lie­ber die 25jährige Bian­ca Clax­t­on mit ihrer Bal­la­de ‘Shi­ne a litt­le Light’ gewin­nen sehen woll­te. Hat­te man als unüber­seh­ba­ren Hin­weis doch extra Groß­bri­tan­ni­ens letz­te Sie­ge­rin von 1997, Kat­ri­na Lesko­vich, ein­ge­la­den (Lon­dons Vor­rä­te an Hap­py Pills und Botox dürf­ten nun für die nächs­ten Wochen erschöpft sein), die natür­lich noch mal ‘Love shi­ne a litt­le Light’ zum Bes­ten gab. Doch das klu­ge TV-Publi­kum ent­schied wie immer rich­tig und bevor­zug­te den ein­zi­gen leid­lich flot­ten Song des Abends.

Mehr wächst da nicht”: Joe (oder war es Jake?) über sei­nen sexy Milch­flaum

Und mit Recht! Musi­ka­lisch lei­der nicht all zu weit ent­fernt von däni­schem Lobo­to­mie­ge­säu­sel, wie es auch die Brü­der von der Nach­bar­in­sel Irland die­ses Jahr nach Stock­holm schi­cken, lebt ‘You’re not alo­ne’ vor allem von dem herr­li­chen Innu­en­do sei­nes Tex­tes, der für mei­ne Ohren von deut­lich mehr als nur einer unschul­di­gen Bro­mance zwi­schen den bei­den Sän­gern erzählt: es ist eine nur not­dürf­tig ver­hüll­te Lie­bes­er­klä­rung. Natür­lich nicht offi­zi­ell, denn sonst lau­te­te die inbrüns­tig into­nier­te Catch­phra­se im Refrain des Stü­ckes nicht “And they don’t need to know”. Zwei Schrank­schwes­tern also? Oder ist da wie­der der Wunsch Vater des Gedan­kens, vor allem, wo Joe & Jake in ihren Jungs-von-Neben­an-Out­fits so nied­lich aus­se­hen? Mal ganz abse­hen von Joes (oder war es Jakes?) put­zi­gem Puber­täts-Ober­lip­pen­bärt­chen, das ihn eher als Vier­zehn­jäh­ri­gen aus­wies denn als der 21jährige, der er tat­säch­lich ist. Und das die belus­tig­te Fra­ge der fabel­haf­ten Mode­ra­to­rin Mel Giedroyc, dem bri­ti­schen Äqui­va­lent zu Bab­si Schö­ne­ber­ger, nach sich zog, ob er sich bis Stock­holm noch etwas anstän­di­ges wach­sen las­sen wol­le oder “das da” abkom­me (bit­te nicht!).

Mode­riert auch das Gre­at Bri­tish Bake Off, die meist­ge­se­he­ne Show Groß­bri­tan­ni­ens: die fabel­haf­te Mel Giedroyc, hier als Gast bei ‘Sag die Wahr­heit’

Ein beson­de­res Lob ver­dient die vor­züg­li­che Selbst­iro­nie der Eng­län­der, wel­che die ers­te öffent­li­che Vor­ent­schei­dung seit sechs Jah­ren, aus­ge­strahlt wohl­ge­merkt auf dem digi­ta­len Spar­ten­sen­der BBC Four, dem bri­ti­schen Äqui­va­lent zu Eins­fes­ti­val, mit dem schwe­di­schen Vor­jah­res­sie­ger Måns Zelmerlöw eröff­ne­ten und sich von ihm noch mal bestä­ti­gen lie­ßen, wie wich­tig ein pral­les Paket aus ein­gän­gi­gem Song, cha­ris­ma­ti­schem Sän­ger und per­fekt pro­du­zier­ter Show ist, falls man gewin­nen möch­te. Und dann sechs Acts antre­ten lie­ßen, die wirk­ten, als kämen sie direkt vom Talen­tenach­mit­tag der ört­li­chen Wal­dorf­schu­le. Was auch an der völ­lig unge­eig­ne­ten Loca­ti­on lag, die mehr Hall und Rück­kopp­lun­gen erzeug­te als eine Bat­te­rie falsch ver­knüpf­ter Ver­stär­ker auf einem Mano­war-Kon­zert. Und an der mit vom ESC 1982 übrig geblie­be­nen Deko­ele­men­ten voll­ge­rüm­pel­ten, viel zu klei­nen Büh­ne. Dage­gen ver­sprüh­ten die iri­schen Vor­ent­schei­dun­gen der letz­ten Jah­re in der Late Late Show ja noch einen deut­lich höhe­ren Pro­fes­sio­na­li­täts­grad! In Anbe­tracht des­sen, dass sich die Bri­ten wei­ter­hin für den pop­mu­si­ka­li­schen Nabel der Welt hal­ten, gibt es für die heu­ti­ge Show nur ein Wort: embarr­as­sing! Mit dem jetzt aus­ge­wähl­ten Titel, immer­hin, dürf­ten sie aber in Stock­holm ein bes­se­res Ergeb­nis erzie­len als mit den intern aus­ge­wähl­ten Elec­tro Vel­vet in Wien.

Erschüt­ternd: was haben die Dro­gen nur aus Emme­lie de Forest gemacht?

1 Gedanke zu “Groß­bri­tan­ni­en 2016: die heim­li­che ESC-Bro­mance mit The Voice geht wei­ter!

  1. Ich hät­te ja lie­ber einen der drei Acts mit Mäd­chen gese­hen, wäre wenigs­tens was für mein Auge gewe­sen. Ansons­ten waren alle Songs nach dem Hören wie­der ver­ges­sen und Song­ti­tel mit einem “Shi­ne” gab es mehr als genug in den letz­ten Jah­ren.
    Elek­tro Vel­vet fand ich letz­tes Jahr total klas­se, aber nur den Stu­dio-Song. Der Auf­tritt war dann wie­der gräß­lich, wie so oft bei UK.

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