UK 1965: Just maybe I’m crazy

Im Vorjahr erstmalig zum Einsatz gekommen, erwies sich das neue Kombinationsverfahren aus interner Interpretennominierung und öffentlicher Vorentscheidung zur Auswahl des Songs für die Briten als ausgesprochen erfolgreich. Natürlich behielt man es dementsprechend bei. Nachdem fünf Mal in Folge Männer die Insel beim Eurovision Song Contest vertraten, war es 1965 nach Ansicht der BBC an der Zeit für eine weibliche Repräsentantin, und so entscheid man sich für einen der größten Stars dieser Zeit, nämlich die als Kathleen O’Rourke geborene Kathy Kirby, die mit dem Doris-Day-Titel ‚Secret Love‘ einen großen Hit hatte und welche die Presse vom Äußerlichen her gerne sowohl mit nämlicher amerikanischen Schauspiel-Ikone als auch mit Marylin Monroe verglich. Nur, dass Kathy über ein deutlich größeres stimmliches Talent verfügte als die beiden US-Grazien. In einem voraufgezeichneten Finale sang sie sechs Lieder, aus welchen das Publikum per Postkartenentscheid mehrheitlich das kraftvoll dahingeschmetterte, wenngleich mit einem ausgesprochen spärlichen Refrain aufwartende ‚I belong‘ heraussuchte. Die Interpretin selbst bevorzugte dem Vernehmen nach die Ballade ‚I’ll try not to cry‘, die jedoch den Sieg um gute 14.000 Zuschriften verfehlte.

Kathys Signatur-Song: ‚Secret Love‘ (Repertoirebeispiel).

Ungeachtet des zweiten Platzes beim internationalen Wettbewerb in Neapel sollte ‚I belong‘ den Wendepunkt in Kathys Karriere markieren, welcher im Anschluss trotz eines hoch dotierten Plattenvertrags kein Hit mehr gelingen sollte. Ihr turbulentes Privatleben ließ sie zu einer Kult-Figur für tragisch veranlagte Fans konvertieren: ihr Entdecker, Liebhaber und Manager Bert Ambrose, mit dem sie bis zu dessen Tod im Jahre 1971 zusammen blieb, war mehr als 40 Jahre älter als sie – und verheiratet. Gleichzeitig unterhielt sie eine Affäre mit dem Schauspieler Bruce Forsyth, was nach ihrer eigenen Darstellung dazu führte, dass Ambrose, der fürchtete, von ihr verlassen zu werden, Kathy nach dem Ende ihrer Musikkarriere noch zuteil werdende Schauspiel-Angebote verheimlichte. 1975 musste sie, die auf dem Höhepunkt ihrer Karriere Millionen verdiente, Bankrott anmelden und lebte streckenweise auf der Straße. Kirby litt unter diagnostizierter Schizophrenie und wurde 1979 vorübergehend in eine Psychiatrie eingewiesen. Dort erhielt sie Besuch von einer lesbischen Anbeterin, zu der sie nach ihrer Entlassung auch zeitweilig zog und welche sie gar heiraten wollte, bevor die Behörden die Frau wegen Betrugs einbuchteten. Später lebte Kirby zurückgezogen und von staatlicher Unterstützung in London. Ihre bewegte Biografie diente 2008 als Vorlage für eine Bühnenshow. Sie starb 2011 im Alter von 72 Jahren, kurz nachdem ihre Nichte, Sarah Thatcher (jawohl, verwandt mit der Eisernen Lady) sie in einem Altenheim für Menschen aus dem Unterhaltungsgeschäft, dem Brinsworth House, unterbringen ließ. Dort residieren derzeit übrigens Kirbys Eurovisionskollegen Pearl Carr und Teddy Johnson (→ UK 1959).

Wusste meist nicht, wo sie hingehört: Kathy Kirby.

Vorentscheid UK 1965

A Song for Europe. Freitag, 29. Januar 1965, aus dem TV-Studio der BBC in London. Eine Teilnehmerin. Moderation: David Jacobs.
#Interpret/inTitelStimmenPlatz
01Kathy KirbyI'll try not to cry96.2522
02Kathy KirbySometimes6
03Kathy KirbyMy only Love61.9933
04Kathy KirbyI won't let you go5
05Kathy KirbyOne Day4
06Kathy KirbyI belong110.9451

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