DE 1958: Wollt Ihr heiße Musik?

Margot Hielscher, DE 1958
Die DJane

Um mit den Teletubbies zu sprechen: „Noch mal, noch mal“! Nicht nur die Schweiz und die Niederlande übten sich in den Fünfzigern beim Aufstellen ihrer Eurovisionsvertreterinnen im Ewiggleichen, sondern auch die Deutschen. Denn erneut gewann die unverwüstliche Margot Hielscher (→ Vorentscheid 1956, DE 1957) die heimische Vorauswahl zum Grand Prix, welche diesmal als Kooperation des Hessischen Rundfunks und des WDR in Dortmund stattfand. Auch Frau Hielscher selbst hielt sich an Bewährtes und blieb dem Thema Unterhaltungselektronik treu. Nach dem ‚Telefon, Telefon‘ besang sie diesmal die Jukebox, den schrankgroßen, meist in Gaststätten stationierten Vorläufer des MP3-Players (bzw. von Spotify), an welchem es damals ‚Für zwei Groschen Musik‘ gab. Als Erklärung für die Nachgeborenen: beim Groschen handelte es sich um eine Zehn-Pfennig-Münze. Zwei Groschen musste man in den Apparat einwerfen und dann mechanisch seine Wahl eintippen, damit er einmalig eine Single abspielte. Bitte? Was eine Single ist? Eine kleine Schallplatte mit nur einem Musiktitel drauf. Bitte? Was eine Schallplatte ist? Ein Tonträger aus Vinyl, der Vorläufer der CD. Bitte? Was eine CD… ach, lassen Sie mich doch in Ruhe!

Miss Muziekapparat: Madame Hielscher.

„2 Groschen“ stellten also den Gegenwert von 20 Pfennigen dar. Das sind in derzeitiger Münze nominal 0,10 € und nach Kaufkraftentwicklung ungefähr 50 Cent (die Währung, nicht der homophobe Hip-Hopper). Jawohl, eine solche Summe war damals zu berappen, bloß für den einmaligen Genuss eines einzelnen Musiktitels, ohne jegliche Download- oder Kopiermöglichkeit. Aber welch eine Auswahl bekam man dafür geboten! Ob Swing, Heimatmelodie, Oper, Marsch oder Dixieland: alles, was seinerzeit das musikalische Angebot bereicherte (bis auf den diabolischen Rock ’n‘ Roll natürlich), wurde vorgestellt und hinreißend instrumentiert. „Und der Alltag versinkt / wenn froh Musik erklingt“, so thematisierte die Hielscher die wundervolle Eskapismusfunktion des Schlagers: ein durch und durch großartiges Eurovisionslied! Den zweiten Platz belegte die große Lale Andersen (→ DE 1961) mit einem der für sie so typischen Seefahrershantys namens ‚Die Braut der sieben Meere‘. Keiner dieser Songs konnte in den Charts reüssieren, und so scheint es schwer vorstellbar, dass das Lied zu Ehren der Jukebox anschließend seinen Weg in die üblicherweise ausschließlich mit aktuellen Hits und Evergreens bestückten Geräte fand.

It’s raining Men in der deutschen Frühfassung: Evelyn Künneke bestellt sich ihren Wunschkandidaten (Repertoirebeispiel).

Über die Lieder und Platzierungen der restlichen Teilnehmer/innen ist leider nichts bekannt. Unter ihnen fand sich eine Dame mit dem international sicherlich etwas problematischen Nachnamen hrer, aber auch einer der bekanntesten germanischen Nachkriegs-Schlagerstars, nämlich Fred Bertelmann (→ Vorentscheid 1961, 1964, †2014), der mit dem ‚Lachenden Vagabund‘ (der Coverversion eines US-amerikanischen Erfolgstitels) nur kurz zuvor seinen größten Hit und einen Millionenseller landete und der 1960 die deutsche Einspielung des britischen Eurovisionsbeitrags, ‚Einmal high, high, high‘ in die Charts bringen konnte, sowie Evelyn Künneke, eine in der Nazi-Zeit und bis Mitte der Fünfziger recht erfolgreiche Schlagersängerin und Schauspielerin, die Mitte der Siebziger in Filmen von Rainer Werner Fassbinder und Rosa von Praunheim ihr Comeback feierte und anschließend praktisch bis zu ihrem Tod im Jahre 2001 als Trash-Mamsell durch Berliner Szene-Clubs tingelte. Allesamt wurden sie von den seinerzeit sechs Landesrundfunkanstalten der ARD nach Dortmund entsandt. Anaïd Iplicjian, die sich im Vorjahr beim „großen“ Grand Prix in Frankfurt am Main durch ihre Souveränität so bewährt hatte, moderierte.

Chart-Watch 1958: mediterranes Dolce far niente mit Fred Bertelmann, einer der größten Hits des Jahres. Im echten Leben hatten Vagabunden in Deutschland allerdings nicht so viel zu lachen…

Deutsche Vorentscheidung 1958
20. Januar 1958, aus der Kleinen Westfalenhalle in Dortmund. 12 Teilnehmer/innen. Moderation: Anaïd Iplicjian und Kurt A. Jung.

Teilnehmerliste:

  • Lale Andersen (‚Die Braut der sieben Meere‘)
  • Fred Bertelmann
  • Ernie Bieler
  • Margret Fürer
  • Margot Hielscher (‚Für zwei Groschen Musik‘)
  • Evelyn Künneke
  • Gitta Lind (‚Etwas leise Musik‘)
  • Peter Lorenz
  • John Paris
  • Georg Thomalla
  • Vico Torriani
  • Fred Weyrich

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