DE 1965: Dann der Schlag ins Gesicht

Ulla Wiesner, DE 1965
Die Verzagte

Nur zu gerne ziehen Eurovisionsfans heutzutage über die mangelnde Unterhaltungskompetenz der ARD her – und der Hausherr dieses Blogs wäscht da seine Hände keinesfalls in Unschuld. Auch die eher einer freundlichen Übernahme durch Stefan Raab (→ DE 2000) gleichkommende „Kooperation“ des Ersten mit ProSieben bei den deutschen Eurovisionsvorentscheidungen von 2010 bis 2012 (im Wirtschafts-Neusprech hieße so etwas „Joint-Venture unter Abgabe der unternehmerischen Führung“) könnte man als (allerdings im Endergebnis sehr erfolgreichen) konzeptionellen Offenbarungseid interpretieren, wenn man möchte. Doch so neu ist das alles nicht: bereits in den Sechzigern tat sich das öffentlich-rechtliche Fernsehen, namentlich der damals federführende Hessische Rundfunk unter seinem Unterhaltungschef Hans-Otto Grünefeld, ausgesprochen schwer mit dem Wettbewerb der leichten Muse.

Chart-Watch 1965: Nur der breite amerikanische Akzent der jugendlich-frischen Interpretin rettete den musikalisch wie textlich bräsig-biederen Siegertitel der Deutschen Schlagerfestspiele 1965 vor der absoluten Unerträglichkeit. Einen Nummer-2-Hit konnte Peggy March dennoch erzielen. Unbezahlbar: das Gesicht der unterlegenen Konkurrentin Gitte Hænning.

Denn obgleich die durchgängig eher stiefmütterliche Behandlung unserer Eurovisionsbeiträge bei der Punktevergabe durch die internationalen Jurys für eine zunehmende Abschreckung etablierter heimischer Künstler/innen sorgte und das erste → Null-Punkte-Resultat im Vorjahr das Grand-Prix-Konzept des hr grundsätzlich in Frage stellte, machte man beim Ersten einfach so weiter, als sei nichts geschehen. Und das inmitten der vom breiten kommerziellen Durchbruch englischsprachiger Beat-Musik ausgelösten ersten schweren Schlagerkrise Nachkriegsdeutschlands: kaufte die ältere Generation weiterhin fleißig die Platten von Peter Alexander und Freddy Quinn (→ DE 1956), so wandte sich die Jugend Mitte der Sechziger in Heerscharen von dumpfen Heimatklängen ab und den Beatles oder Stones zu: deutschsprachige Musik galt nun als besonders altmodisch und spießig. Herablassend-altväterliche Texte wie beim Siegerlied der Deutschen Schlagerfestspiele 1965, ‚Mit 17 hat man noch Träume‘ von Peggy March (→ Vorentscheid 1969, 1975), schienen dieses Urteil nur zu bestätigen. Dabei gab die gebürtige US-Amerikanerin March mit ihrem unverkennbaren Akzent sogar das Vorbild für neue einheimische Schlagerstars wie Manuela oder Drafi Deutscher ab, die ihre Titel ebenfalls mit (gefaktem) Übersee-Idiom interpretierten, um nicht so deutsch zu klingen. Die beiden Letztgenannten hätten sich indes wohl niemals am Eurovisions-Vorentscheid beteiligt, und mangels Masse ging Grünefeld nun offenbar dazu über, die Teilnehmer/innen für die Sendung eigenhändig mit dem Lasso vor dem Funkhaus am Dornbusch einzufangen. Oder wie sonst ließen sich so glamouröse, klingende Künstlernamen wie Leonie Brückner (mit dem optimistischen ‚Auch Du wirst gehen‘) erklären?

Von Leonie Brückner „veredelt“: die Skandalsingle der Eisläuferin.

Um jene in Leipzig geborene Künstlerin, nach Recherche von MemoryRadio in den Sechzigern und Siebzigern als Studio- und Werbesängerin gut im Geschäft, gab es kurz zuvor ein Miniatur-Skandälchen: die Bild beschuldigte sie öffentlich, die Geisterstimme der seinerzeit populären Eiskunstläuferin Marika Kilius zu sein, welche trotz diesbezüglich fehlender Begabung zum Zwecke der Erweiterung ihrer Einnahmenbasis eine duale Gesangskarriere anstrebte. Brückner hierzu: „Marika konnte nicht gut singen. Und sie wusste das auch. Ich hatte die Aufgabe, ihr zu helfen“. Und so sang Frau Brückner im Studio die „Melodiestimme“ des Titels ‚Wenn die Cowboys träumen‘ ein, eines schwachen Abklatsches von Gitte Hænnings 1963er Megahit ‚Ich will ’nen Cowboy als Mann‘, und Frau Kilius „musste versuchen, nachzusingen“. Danach päppelte Leonie das Ergebnis nochmals ein bisschen auf. Kein Betrug von Milli-Vanilli-Ausmaßen also, sondern eher vergleichbar mit den von mir heißgeliebten Pop-Versuchen der monegassischen Prinzessin Stéphanie in den Achtzigern (‚One Love to give‘), die trotz dann schon weit fortgeschrittener Studiotechnik mit ihrem dünnen Stimmchen im Meer ihrer Chorsängerinnen ertrank.

Chart-Watch 1965: dem italienischen Eurovisionsvertreter Bobby Solo gelang mit dieser Songgurke ein Top-20-Hit in Deutschland. Ein weiteres Beispiel für die kollektive Geschmacksbehinderung meiner Landsleute.

Zu den in Deutschland kommerziell erfolgreichsten Künstlern zählten im Jahre 1965 die Italiener Nino Rossi mit dem instrumentalen Nummer-Eins-Hit ‚Il Silenzio‘, Peppino di Capri (→ IT 1991) mit dem passend betitelten Stück ‚Melancolie‘, sowie der Gewinner des diesjährigen San-Remo-Festivals und Eurovisionsrepräsentant Bobby Solo mit dem faden Schlagerlein ‚Ich bin verliebt in Dich, Christina‘. Und auch unter den sechs allesamt von der B-Liste stammenden Interpret/innen, welche die hausinterne Vorauswahl des Hessischen Rundfunks für Ein Lied für Neapel überlebt hatten, fanden sich gleich zwei Sängerinnen mit südeuropäischem Migrationshintergrund. Sie waren – neben der Siegerin des Vorentscheids – die einzigen Beiden, die von der Senderjury überhaupt mit Punkten bedacht wurden. Die in Rimini geborene Angelina Monti brachte im Laufe der Sechziger insgesamt 22 Singles heraus – keine einzige davon erreichte auch nur die Nähe der Verkaufscharts. Auch das hier zweitplatzierte, schmachtende ‚Robertino‘ reihte sich nahtlos ein die Kette der kommerziellen Misserfolge. Die Schlagerkarriere bereits hinter sich hatte unterdessen die aus einer italienisch-deutschen Familie stammende, 2007 verstorbene Nana Gualdi, die 1958 mit dem Doris-Day-Cover ‚Junge Leute brauchen Liebe‘ ihren größten Hit landen konnte. Nach dem Ausbleiben weiterer Erfolge wechselte sie auf die Bühne und trat vor allem in Travestie-Revuen auf. Komplett punktefrei gingen hingegen Peter Beil (→ Vorentscheid 1970) und René Kollo aus. Letzterer nahm dies zum Anlass, noch im gleichen Jahr ins Opernfach zu wechseln, wo er als Tenor an allen großen Häusern sang. 2012 wurde er wegen Steuerhinterziehung zu einer Bewährungsstrafe verurteilt.

Die Helmfrisur: Ulla „Wald und“ Wiesner.

Das auf Einsendungen der heimischen Komponisten- und Verlegerverbände basierende musikalische Tableau des Vorentscheids legte einmal mehr davon Zeugnis ab, dass die Musikindustrie speziell in großen Märkten wie Deutschland davor zurückscheut, kommerziell erfolgversprechende Songs für die Eurovision zu opfern. Allerdings waren solche von Seiten des ARD-Grand-Prix-Verantwortlichen Hans-Otto Grünefeld auch gar nicht gewünscht: der sich im Auftrag der geschmacklichen Erziehung seiner Zuschauer/innen wähnende Unterhaltungschef verabscheute all zu Hitverdächtiges und suchte stets das „Anspruchsvolle“. Das diesjährige Lied für Neapel dürfte ganz und gar seinem Geschmack entsprochen haben. Nachdem die bis dato hauptsächlich als Chorsängerin tätige Ulla Wiesner (noch so ein Glamour-Name!) damit beim Grand Prix die nächsten → Zero Points fürs Heimatland einfuhr, ergoss sich jedoch die ungefilterte Häme des proletarischen Publikums über ‚Paradies, wo bist Du?‘. Auch Frau Wiesners angedachte Solo-Karriere war damit vorbei, ehe sie begann. Während im echten Leben Briten wie Manfred Mann und Cliff Richard (→ UK 1968, 1973) die Verkaufscharts aufrollten (letzterer unter anderem mit der im Vergleich zu ‚Mit 17 hat man noch Träume‘ nicht wesentlich unspießigeren ‚Spanish Harlem‘-Eindeutschung ‚Das ist die Frage aller Fragen‘) und die Jugend auch ein offenes Ohr für französische Stars wie Françoise Hardy (→ MC 1963) und Gilbert Bécaud (‚Nathalie‘) zeigte, verkörperten Frauen wie die Wiesner gewissermaßen den Gegenteil des aktuellen Zeitgeistes. Andererseits wäre es uns ohne das Beharren des hr-Manns auf „Qualität“ wohl nie vergönnt gewesen, diesen außergewöhnlich hübschen Schlager kennenzulernen. Und so hatte das Unterhaltungsunvermögen der ARD auch wieder sein Gutes.

Hier leistete Ulla Wiesner einen wichtigen Beitrag zum musikalischen Weltkulturerbe: beim Easy-Listening-Knüller ‚The Girls from Paramaribo‘ sang sie im Chor.

Vorentscheid DE 1965

Ein Lied für Neapel. Samstag, 27. Februar 1965, aus dem NDR-Sendestudio in Hamburg. Sechs Teilnehmer, Moderation: Henno Lohmeyer.
#InterpretTitelPunktePlatzCharts
01Ulla WiesnerParadies, wo bist Du?0801-
02Peter BeilNur aus Liebe0004-
03Angelina MontiRobertino0202-
04Leonie BrücknerAuch Du wirst gehen0004-
05Nana GualdiWunder, die nie geschehn0103-
06René KolloAlles Glück auf dieser Welt0004-

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4 Gedanken zu “DE 1965: Dann der Schlag ins Gesicht

  1. Unverdiente Null Punkte für uns. Zum Zweiten mal. Allerdings frage ich mich gerade ob ‚außerordentlich hübsch‘ ernst oder ironisch gemeint ist. Ich jedenfalls bin in meiner Reise zurück durch die ESC-Jahre (youtube sei Dank) gerade in diesem Jahrgang gelandet und muss echt sagen, dass Ulla Wiesner es dort in meine Top 4 geschafft hat (ebenso wie die genauso sträflich unterbewertete Conny Van den Bos). Aber mein Geschmack deckt sich ohnehin weder mit Jurys noch mit Televotern übermäßig oft.

  2. Das Karriereaus war wohl das lächerlichste was aus der 0 Punkte Niederlage resultiert ist, vorallem da wir dadurch nicht mehr die Chance hatten noch weitere zukünftige Lieder von Ulla zu hören.

    All diese Negativität gegenüber dem Lied und Ullas Auftritt beim Eurovision kann Ich überhaupt nicht verstehen.

    Meiner Meinung nach hätte Deutschland in diesem Jahr nicht würdiger vertreten werden können, Platz 1 wäre aufjeden Fall verdient gewesen.

    Allerdings war Ulla nicht die einzige in dem Jahr, die eine wunderbare Darbietung geboten hat.

    Auch Lize Marke, die für Belgien sang, ist mit den 0 Punkten davongekommen. Wieder ein wunderbarer und perfekter Auftritt, jedoch von den Punkterichtern eiskalt ignoriert.

    Natürlich war auch das Lied „Robertino“ im Vorentscheid, von Angelina Monti, wunderschön, jedoch hat Ulla verdient gewonnen und uns auch wunderbar beim Eurovision vertreten.

    Im Vorjahr hatte Nora Nova mit „Man gewöhnt sich so schnell an das Schöne“ auch die 0 Punkte einkassiert, was unfassbar ist.
    Vorallem da die Liveversion vom Eurovisions Songcontest so wunderbar gesungen war, viel schöner als die Studioversion und dazu auch noch die unglaubliche Orchester-Adaption der Musik.

    Naja, wenigstens ist uns dieses Lied von Ulla Wiesner erhalten geblieben und jeder der mal genau hinhört, auf die Melodie, auf den Text und den Gesagt wird genau das gleiche denken:
    Ein wunderschöned Lied!

  3. Ich wuensche dir noch mehr Erfolg du wohnst jetzt in Muenchen;aber du bleibst doch (wie ich )Werlerin.Liebe Gruesse aus Canada.
    Rosemarie

  4. Grünefeld orderte für den Vorentscheid sogar 12 Titel, von denen aber nur 6 tatsächlich präsentiert wurden. Im Vorfeld rausgekegelt wurden Kurt Becker („Warte bis morgen“), Heinz Gietz („Sag es mir“), Christian Bruhn („Hoch in den Bergen von Mexiko“), Friedel Berlipp („Schick mich nicht fort“), Dieter-Thomas Heck („Jeder braucht zum Glück ein bisschen Liebe“) und Gerhard Winkler („Angela“).

    „Hoch in den Bergen von Mexiko“ wurde noch im selben Jhar von Camillo Felgen veröffentlicht.

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