NO 1966: We’re not gonna take it

Sie hatte ein klein wenig was von einem feministischen Folk-Festival, die norwegische Eurovisions-Vorentscheidung Melodi Grand Prix 1966. Was nicht nur daran lag, dass ausschließlich Frauen sangen. Nein, auch der eine oder andere der insgesamt fünf dort vorgestellten Titel verströmte einen leisen, leichten Hauch von Auflehnung und Rebellion, sei es durch seine Instrumentierung, seinen Text oder seine Interpretation. Interessanterweise stammten diese Lieder allesamt aus der schöpferischen Hand eines einzelnen Mannes, nämlich des norwegischen Komponisten und ESC-Vertreters von 1964, Arne Bendiksen. Was auch vor dem weiteren Hintergrund bemerkenswert erscheint, dass eine sendereigene Jury diese fünf – in jeweils zwei unterschiedlich instrumentierten Fassungen von zwei unterschiedlichen Sängerinnen dargebotenen – MGP-Titel aus insgesamt 325 Einsendungen ausgewählt hatte und dabei gleich alle drei Vorschläge Bendiksens beachtete. Lediglich der Eröffnungssong und mit 96 Sekunden Lieddauer noch nicht einmal kürzeste Beitrag des Abends, der von Wencke Myhre in einem bezaubernden Geschenkschleifenkleid unternommene, musikalisch flotte ‚Lørdagstripp‘ (‚Samstagsausflug‘), sowie die hoffnungslos altmodisch-verstaubte Ballade ‚Ung og forelsket‘ (‚Jung und verliebt‘), die der Sender folgerichtig Anita Thallaug (→ NO 1963) zudachte, zählten nicht dazu. Thallaug interpretierte in der ersten Lied-Runde, die mit dem kleinen Orchester, auch den in der anschließenden Jurywertung letztplatzierten Song, das beatbetont-fröhliche ‚Vims‘, mit dem sich die Sängerin allerdings stimmlich geringfügig überfordert zeigte.

Shake dat Ass: Frau Thallaug überzeugte eher tänzerisch als gesanglich. Oh, und natürlich durch die schmiedeeisernen Locken.

Kirsti Sparboe überraschte durch eine ungewöhnliche Songwahl, entschied sich die in ihrer Karriere hauptsächlich dem Schlager zugeordnete Sängerin doch für das kraftvoll-düstere Kampflied ‚Gi meg fri‘ (‚Gib mich frei‘). In dem war die Rede von „Zensur“, von einer „Mauer“ und von „Gemetzel“, aber auch von altbewährtem Schlachtengesang, mit dem die Protagonistin sich Mut machen könne, sich aus all diesem Elend zu befreien. Åse Kleveland sang es in der Zweitbesetzung und interpretierte es dabei als intime, mit ausgesprochen herber Stimme dargebotene, handgeklampfte Lagerfeuerballade. Leider konterkarierte sie die subtil lesbischen Untertöne dieser Aufführung mit einer völlig unpassenden, riesigen weißen Schleife im Haar, was die Streitaxt-Anmutung irgendwie zerstörte. Kirsti ging den umgekehrten Weg und setzte den außergewöhnlichen Text in ein vergleichsweise konventionelles Musikbett, was seine systemkritische Wucht jedoch noch verstärkte. Im Gegensatz zu der eher introvertierten Interpretation Åses schmetterte die Sparboe die kämpferischen Worte mit angepisst-angriffslustiger Miene heraus. Dass sie das in einem festlichen Outfit mit paillettenbesetztem langem Abendkleid, Ohrringen und üppiger Außendauerwelle tat, setzte einen weiteren visuellen Widerhaken und schien zu transportieren, dass der Protest gegen die bestehende Ordnung bereits in der Mitte der bürgerlichen Gesellschaft angekommen war. Auch die zehn regionalen Jurys, semiparitätisch besetzt mit jeweils zwei Zuschauer/innen und drei „Profi“-Juroren, ließen sich hiervon überzeugen und wählten den Song auf den zweiten Platz.

Eine Frisur wie ein Windbeutel, aber eine Kampfeslust wie eine Harpyje: Kirsti „Uppsalalala“ Sparboe.

Gleich in der Aufteilung, aber umgekehrt in der Wirkung verhielt es sich beim Siegertitel dieses Vorentscheids, dem zutiefst defätistischen ‚Intet er nytt under solen‘ (‚Nichts Neues unter der Sonne‘). Grynet Molvig entbot die interessant instrumentierte, expressionistische Erstfassung des unvergesslichen Grand-Prix-Kleinodes und interpretierte es als fast schon aggressive Anklage. Auch ihr spritzte dabei die Aufsässigkeit beinahe aus den Augen hervor, ohne dass darunter die exquisite technische Präzision ihres Gesangs litt. Das war wirklich herausragend! Dennoch überzeugte hier Åse auf ganzer Linie, die auch dieses in ihrer Version weniger als eineinhalb Minuten kurze Stück als introvertierte, minimalistische Gitarrenballade darbot, die auch schon wieder endete, kaum dass die dezente Orchesterunterstützung einsetzte. Im Gegensatz zu Grynet richtete sie ihren Blick entrückt in die Ferne, und auch, wenn sie deutlich kräftiger sang als noch bei ‚Gi meg fri‘, war deutlich, dass es sich bei dieser Darbietung um einen intimen inneren Dialog handelte und sich nicht an das Studiopublikum richtete, dessen Anwesenheit sie eher hinnahm. Nichtsdestoweniger eruptierte besagtes Publikum anschließend in frenetischen Applaus (jedenfalls für skandinavische Verhältnisse), und auch der den Vorentscheid moderierende Dirigent Øivind Bergh wirkte erkennbar beeindruckt und musste sich beinahe schon zwingen, im Anschluss noch den letzten Auftritt des Abends anzusagen, der nun ohnehin überflüssig erschien. Die Jurys schlossen sich an und gaben dem unrettbar melancholischen Stück doppelt so viele Punkte wie dem zweitplatzierten Kampflied.

Vergleichen und bewerten Sie selbst: hier die grandiose, extrovertierte Fassung von Grynet Molvig…

…und hier Åses noch fantastischere, introvertierte Version. Hut ab, Herr Bendiksen! Und da capo, die Damen!

Dass der Sender anschließend tatsächlich Frau Kleveland nach Luxemburg schickte, wo sie mit dem dritten Platz das (bis 1985) beste Ergebnis für das bis dato nicht gerade erfolgsverwöhnte Eurovisionsland holte, sollte eigentlich selbsterklärend ein. Tatsächlich jedoch gab den Ausschlag, dass die in Stockholm geborene Tochter einer schwedischen Mutter und eines norwegischen Vaters als Pionierin der skandinavischen Musikrichtung des Vispop (Folk-Pop) mit nur 17 Jahren nicht nur bereits zwei erfolgreiche Alben auf dem norwegischen Markt, sondern auch Engagements in Paris vorweisen konnte. NRK spekulierte daher darauf, dass Åse den einen oder anderen Punkt aus den französischsprachigen Ländern einheimsen könnte, was sich allerdings als Trugschluss herausstellte. Nicht minder beeindruckend als Åses frühes musikalisches Œuvre stellt sich auch ihre folgende Karriere dar: neben mehreren Alben und insgesamt 13 Singles für den skandinavischen und deutschen Markt veröffentlichte sie auch vier Songs in Japan. Sie spricht norwegisch, schwedisch, dänisch, englisch, französisch und japanisch. Daneben studierte sie Rechtswissenschaften an der Universität von Oslo und fungierte als Präsidentin der norwegischen Musikerlobby, Leiterin des Regierungsrates für Gleichberechtigung, Vorsitzende des humanistischen Ethikbundes, Präsidentin des schwedischen Filminstitutes und Kultusministerin ihres Heimatlandes. Und – viel wichtiger noch – 1986 moderierte sie den Eurovision Song Contest aus Bergen und trat in dieser Funktion in die Fußstapfen ihrer diesjährigen schwedischen Konkurrentin Lill Lindfors.

Und hier der komplette MGP 1966 am Stück. Am Taktstock: Willy Brandt.

Vorentscheid NO 1966

Melodi Grand Prix. Samstag, 5. Februar 1966, aus dem Centralteatret in Oslo. Fünf Teilnehmer/innen. Moderation: Øivind Bergh.
#Interpret/inInterpret/inTitelPunktePlatz
01Wencke MyhreKirsti SparboeLørdagstripp064
02Anita ThallaugGrynet MolvigUng og forelsket073
03Kirsti SparboeÅse KlevelandGi meg fri112
04Grynet MolvigÅse KlevelandIntet er nytt under Solen221
05Anita ThallaugWencke MyhreVims045

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