Perlen der Vorentscheidung: Boonika bate Doba

Seit Dienstag dieser Woche läuft wieder das italienische San-Remo-Festival, ein seit 1956 stattfindender jährlicher Wettbewerb um das festlichste Abendkleid, die längste Moderation und die unbotmäßigste Sendezeitüberziehung, bei dem die RAI zur Wiederbelebung der Zuschauer/innen immer dann, wenn die hochfrequenten Dauerredner/innen zum Befeuchten der Stimmbänder eine kurze Pause einlegen müssen, musikalische Gäste zur Überbrückung auftreten lässt, deren Lieder zur weiteren Erhöhung des Unterhaltungsfaktors in einem Wettbewerb stehen und bei dem am Ende des fünftägigen Marathons nach einem hochkomplexen Berechnungsverfahren, an dessen Entschlüsselung schon mehrere Schachweltmeister scheiterten, ein Sieger ermittelt wird, der dann zum Eurovision Song Contest fahren darf. Aber nur, wenn er möchte. Zum Auftakt am vergangenen Dienstag traten gleich alle 20 Campioni an, also die fest etablierten Künstler/innen. Und etabliert meinte in diesem Jahr: ein Star bereits seit den Zeiten des Römischen Reichs unter Julius Cäsar. Der Altersdurchschnitt der Show lag bei geschätzten 75 Jahren.

Teilt sich den Gesichtschirurgen mit Donatella Versace: die fabelhafte Ornella Vanoni.

Vermutlich noch das Aussterben der Dinosaurier miterlebt hat die sensationelle Ornella Vanoni (→ SRF 1965, 1966), eine Wucht schon in den Sechzigern, die in der Kategorie „Abendkleid“ die Show klar gewann und mit Pete-Burns-haft aufgespritzten Schlauchbootlippen und einer hinreißenden Karottenkrause mit Unterstützung ihrer beiden Pfleger eine hauchzarte, hochglanzpolierte Ballade auf die Bühne legte. Daneben führten die damals schon langweilenden Eurovisions-Urgesteine Riccardo Fogli (→ IT 1983), Luca Barbarossa (→ IT 1988) und Enrico Ruggeri (→ IT 1993, heuer als Teil der Alte-Herren-Rocker Decibel) ihre Falten vor, vergaßen jedoch ob ihrer beginnenden Demenz ein Lied, das diesen Namen verdient hätte. Für ein wenig frisches Blut sorgte die Grand-Prix-Kollegin Nina Zilli (→ IT 2012), die tragischerweise den Kampf gegen ihr Abendkleid verlor: unter den an den unvermutetsten Stellen herumhängenden Stoffbahnen und Tüllbergen sah die zu allem Überfluss auch noch mit einer Sade-Gedächtnisfrisur entstellte Künstlerin völlig verwachsen und krumm aus. Was um so mehr auffiel, da ihr Lied kaum von dem optischen Unfall abzulenken vermochte.

Senza Appretur wohl eher: Nina Silly und ihre Couture-Katastrophe.

Dem vom San-Remo-Vorjahressieger und Eurovisionsrepräsentanten Francesco Gabbani maßgeblich gepushten und 2018 erfreulicherweise bereits von mehreren Ländern befolgten Trend zum sozialkritischen Text mit Tiefgang schlossen sich vor allem zwei Acts an. Nämlich zum einen die 2009 gegründete Elektro-Pop-Band Lo Stato Sociale (Der Sozialstaat), die mit dem uptemporär-funkigen ‚Una Vita in Vacanze‘ (‚Ein Leben im Urlaub‘) eine bissige und nicht mit politischen Seitenhieben sparende Betrachtung über die heutige, gnadenlose Arbeitswelt ablieferte und die essentielle, philosophische Frage „Leben, um zu arbeiten oder arbeiten, um zu leben?“ hervorkramte, mit der auseinanderzusetzen sich immer wieder wieder aufs Neue lohnt. Tun sie das ruhig mal! Als visuellen Hingucker engagierten sie, dem Thema des Abends treu bleibend, eine steinalte Tänzerin, die gemeinsam mit einem der Bandmitglieder derartig virtuos über die Bühne wirbelte, dass sie damit selbst Rose Nylunds legendären Tanzmarathon-Auftritt aus den Golden Girls in den Schatten stellte. Grandios!

Nein, Helge Schneider ist nicht nach Italien ausgewandert: Lo Stato Sociale.

Im Gegensatz zu diesem gut gemachten Spaßbeitrag (was in meinem Buch die höchstmögliche Auszeichnung darstellt!), gestaltete sich das von Vielen bereits als Sieger getippte Canzone ‚Non mi avete fatto niente‘ (‚Du hast mir nichts angetan‘) des Wuschelkopf-Duos Ermal Meta und Fabrizio Moro musikalisch wie in der Darbietung deutlich ernsthafter, dabei aber nicht minder politisch. Das mit Blick auf diverse Terroranschläge geschriebene Lied stellt dem durch diese Untaten verursachten Schrecken den entschlossenen Refrain „Du hast mir nichts angetan / Du hast nichts erreicht / Denn alles geht weiter / Trotz Deines sinnlosen Krieges“ entgegen. Um den Song entspann sich im Anschluss eine Kontroverse, da es streckenweise auf einem anderen, früheren Lied des Cantautore Moro beruht. Die RAI nahm es am gestrigen Mittwoch, am zweiten Abend des SRF, an dem zehn der 20 Campioni zusammen mit einem Teil der Nachwuchskünstler erneut auftraten, vorsorglich aus dem Programm, da man zunächst prüfen wolle, ob es den Wettbewerbsregeln entspricht. Dem Vernehmen nach soll das aber der Fall sein: bis zu einem Drittel darf ein San-Remo-Song aus anderen Werken zitieren, erst recht aus den eigenen, hieß es.

Sehet und lernet, Bernhard Brink und Ireen Sheer (Vorentscheid DE 2002): *so* geht ein Anti-Terror-Song!

Am kommenden Samstag treffen alle 20 Campioni erneut im San-Remo-Finale aufeinander. Dann entscheidet sich – unter Einbeziehung der seit Dienstag gesammelten Anrufe – wer gewinnt und ob derjenige zum Eurovision Song Contest möchte oder die RAI alternativ nach eigenem Gutdünken jemand anderen auswählen darf. Wobei mit dem Ergebnis im Hinblick auf das legendäre Schnatterverhalten der Italiener/innen (wie die so viele Silben in einem Satz unterbringen, ohne an Sauerstoffmangel zu sterben, ist mir noch immer ein Rätsel!) erst am frühen Sonntagmorgen gerechnet werden darf.

Vorentscheid IT 2018

Festival della Canzone italiana di Sanremo. Samstag, 10. Februar 2018, aus dem Teatro Ariston in San Remo. 20 Teilnehmer/innen. Moderation: Claudio Baglioni und Michelle Hunziker.
#Interpret/inTitelPresseJuryTVPlatz
01Luca BarbarossaPassame er sale110309,95%07
02Red CanzianOgnuno ha il suo racconto161302,07%15
03The KolorsFrida081008,50%09
04Elio e le Storie TeseArrivedorci191601,03%20
05RonAlmeno pensami070104,75%04
06Max GazzèLa Leggenda di Cristalda e Pizzomunno040506,12%06
07AnnalisaIl Mondo prima di te060610,02%03
08Renzo RubinoCustodire121702,38%13
09DecibelLettera dal duca151701,74%16
10Ornella Vanoni, Bungaro + Pacifico Imparare ad amarsi040204,08%05
11Giovanni CaccamoEterno131102,48%10
12Lo Stato SocialeUna Vita in Vacanza010810,15%02
13Roby Facchinetti + Riccardo FogliIl Segreto del Tempo191702,08%18
14Diodato + Roy Paci Adesso020602,80%08
15Nina ZilliSenza appartenere171101,40%17
16NoemiSmettere mai di cercarmi141701,60%14
17Ermal Meta + Fabrizio MoroNon mi avete fatto niente030424,58%01
18Mario BiondiRivederti170901,00%19
19Le VibrazioniCosì sbagliato081301,52%11
20Enzo Avitabile + Peppe ServilloIl Coraggio di ogni Giorno101301,75%12

3 Gedanken zu “Perlen der Vorentscheidung: Boonika bate Doba

  1. Das „legendäre Schnatterverhalten“ kennt tatsächlich keine Grenzen. Neben der 5täglichen, 5stundenmindestensdauernden Show gibt es noch jeden Abend eine „Vor“-San Remo und „Nach“-San Remo. Und auch noch ebenfalls jeden Tag stundenlange Talkshows tagsüber, in denen man nochmal schön in aller Ausführlichkeit über alles in San Remo schnattern kann. Incredible! Ich liebe diese Besessenheit.
    Nur schade, dass die Songs in diesem Jahr wirklich schwach sind…

  2. Lo Stato Sociale wäre ja als Nummer zusammen mit der Showeinlage für den ESC gut geeignet, wenn sie nur besser singen würden. Als Gesamtpaket find ich Meta+Moro spannender.

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