Sprachenregel

In den Anfangsjahren des Grand Prix war sie schlicht ein ungeschriebenes Gesetz, und erst, als Mitte der Siebziger Jahre immer mehr Länder sie übertraten, wurde sie verbindlich festgezurrt: die 1999 gekippte Regelung, dass jeder teilnehmende Staat in einer seiner amtlichen Landessprachen antreten muss. Prominentester Rebell gegen den Muttersprachenzwang war ausgerechnet das schwedische Quartett Abba, das mit dem auf englisch gesungenen ‘Waterloo’ 1974 den wohl bekanntesten und beliebtesten Siegertitel aller Zeiten ablieferte.


In schwedisch wärs mit der Weltkarriere wohl nix geworden: Abba

Sprachpuristen beklagen bis heute gerne die durch den Wegfall der Regelung ausgelöste Anglifizierung des Wettbewerbs, die ohne jede Frage einen herben kulturellen Verlust darstellt. Denn natürlich hatte es einen sehr großen Reiz, einmal im Jahr mit der ungeheuren Vielfalt unseres Kontinents, die sich eben auch in Vielzahl unterschiedlichster, teilweise sehr pittoresk klingender Sprachen ausdrückt, Bekanntschaft zu machen. Andererseits darf man auch nicht vergessen, dass der viel wichtigere Schlüsselfaktor für den anhaltenden Publikumserfolg des Eurovision Song Contest in seiner, wenngleich absurden, Funktion als Wettbewerb liegt. Einen reinen paneuropäischen Liederabend ohne Punktevergabe und Sieger würde allenfalls eine Handvoll Enthusiasten verfolgen, niemals jedoch die Millionen, die über die Jahrzehnte zuschalteten, wenn es hieß “Can I have your Votes, please?”.


Seit jeher hatte Finnland unter sprachignoranten Juroren zu leiden. So auch 2010.

Will man aber bei diesem Wettbewerb gut abschneiden, Staaten wie Finnland, Dänemark oder Portugal wissen ein Klagelied davon zu singen, ist eine über die Landesgrenzen hinweg verständliche Sprache zumeist hilfreich. So wurden von bislang 59 Grand-Prix-Siegertiteln 14 auf Französisch gesungen. Als noch erfolgreicher erwies sich die Weltsprache des Internetzeitalters, Englisch, mit 27 Siegersongs. Gerade die ja angeblich so sehr auf kulturelle Qualität achtenden Jurys beförderten dies nach Leibeskräften, wenn sie, wie beispielsweise in den frühen Neunzigern, routiniert Jahr um Jahr die Beiträge Irlands und Großbritanniens auf die ersten Ränge setzten, völlig unabhängig von jeglicher musikalischen Relevanz der Titel. Vor allem in den Anfangsjahren des Grand Prix bevorzugten die Juroren gern auch Frankophiles, was dazu führte, dass sprachlich benachteiligte Länder wie Deutschland oder Österreich gerne mal französische Einsprengsel in ihre Lieder streuten, was im Falle von Udo Jürgens‘Merci, Chérie’ auch zum gewünschten Erfolg führte.


Küsschen, küsschen: Udos frankophile Finte siegte 66

Malta schwenkte nach erfolglosen Versuchen mit dem eher aggressiv arabisch klingenden maltesisch ganz schnell auf die zweite Landessprache englisch um. Und auch die dreisprachige Schweiz erzielte ihre einzigen Erfolge auf französisch. Weniger privilegierte Staaten verführte die starre Regelung zu kreativen Umgehungsversuchen wie dem (erlaubten) Zitieren englischer Redewendungen im Refrain (‘Soldiers of Love’). Krassestes und erfolgreichstes Beispiel: ‘Rock me’ von Riva, YU 1989, das aus ein paar Zeilen auf kroatisch, in der Hauptsache aber aus gefühlt sechshundert Wiederholungen der englischen Titelzeile bestand. Oder die berüchtigten Lautmalereien wie ‘La la la’, ‘Ding a Dong’ oder ‘Diggy loo, diggy ley’, eine Art Notwehr gegen den Muttersprachenzwang, aber auch ein kultureller Kapitulationsakt.


Wird in jeder Sprache verstanden: La, la, la

Aber erst “deutsches Großmachtsgehabe” (Jürgen Meier-Beer) führte 1999 zum Wegfall der antiquierten Regelung, die nicht nur die Siegeschancen nicht anglophoner Länder, sondern auch die internationale Vermarktbarkeit der Wettbewerbsbeiträge stark einschränkte, was zu mangelndem Interesse der Plattenfirmen am Eurovision Song Contest führte. Und ohne diese Firmen keine starken Beiträge, so die Rechnung des damaligen deutschen Delegationsleiters. Auch aus den nordischen Ländern, so Meier-Beer, war zu hören, dass man dort ohne die Möglichkeit, auf englisch singen zu können, keine Vorentscheidung mehr zustande bekäme. Der Erfolg der Maßnahme zeigte sich, als in ehemaligen Ferner-liefen-Ländern wie Dänemark, Griechenland oder der Türkei die Musikindustrie einstieg, englischsprachige Titel wie ‘Fly on the Wings of Love’‘Everyway that I can’ und ‘My Number One’ einreichte und nach deren Sieg auch europaweit – erfolgreich – vermarktete. Grand-Prix-Beiträge in den Hitparaden, das hatte es in den fünfzehn Jahren zuvor nicht mehr gegeben.


Ein Hit auch in Deutschland: die Olsen-Bande

Mittlerweile ebbt die übermäßige Anglisierung der Jahrtausendwende-Zeit dankenswerterweise wieder ab. Der Sieg von ‘Molitva’ 2007 bewies, dass es nicht immer englisch sein muss, und viele Teilnehmerländer experimentieren seither auch wieder mit ihrer Muttersprache. Oder mit Sprachenmischmasch, was ich persönlich besonders schön finde. Denn meines Erachtens sollte die Sprache vor allem zum Song passen. Dramatische Balkanballaden klingen nur in einem der slawischen Dialekte authentisch und damit ergreifend. Weltfriedenshymnen, an sich eine tote Musikgattung, sind allenfalls sechssprachig noch halbwegs akzeptabel. Dancetitel kommen aber auf englisch am besten. Und ich würde mich auch durchaus freuen, wenn wir mal wieder einen heimatsprachlichen Titel entböten. Vielleicht bietet uns die ARD ja diesmal einen zur Auswahl an, das fände ich gut. Aber der Interpret muss sich damit auch wohl fühlen: ‘Satellite’ hätte auf deutsch nicht funktioniert. Und so plädiere ich für einen entspannten, unideologischen Umgang mit der Sprache als gleichberechtigtem Teil des musikalischen Gesamtkonzeptes. Und möchte die heutige Wahlfreiheit nicht mehr missen.