FI 1964: Hey, Macare­na!

Fin­nisch ist eine der­ma­ßen gangs­ter­mä­ßi­ge Spra­che,” stell­te der groß­ar­ti­ge islän­di­sche Come­di­an Ari Eld­járn in einem sich mit den skan­di­na­vi­schen Spra­chen befas­sen­den, hoch­gra­dig lus­ti­gen Stan­dup-Set mal bewun­dernd fest. Er mach­te dies – neben den fan­tas­ti­schen Mög­lich­kei­ten, auf fin­nisch zu flu­chen – vor allem an der Über­set­zung der drei schöns­ten Wör­ter in fast jeder Spra­che fest: “Ich lie­be Dich” heißt dort näm­lich “Raka­s­tan sinua”. Das klin­ge für Außen­ste­hen­de eher wie “Bring das Geld bis Frei­tag bei”, mein­te Ari nicht ganz zu Unrecht. Ein schö­nes Bei­spiel hier­für lie­fer­te auch die fin­ni­sche Grand-Prix-Vor­ent­schei­dung von 1964, wo der 1979 ver­stor­be­ne Schnul­zensän­ger Tais­to Tam­mi zu kit­schi­gen Gei­gen etwas vom ‘Reich­tum der Lie­be’ schmalz­te – als ‘Rak­kau­den Rik­kaus’ für mit­tel­eu­ro­päi­sche Ohren tat­säch­lich eher nach einem gut getarn­ten Plot zur Aus­lö­schung eines gan­zen Kon­ti­nents vom Erd­ball klin­gend. Kein Wun­der, dass er im kom­bi­nier­ten Voting der zehn Publi­kums- und der pro­fes­sio­nel­len Jury gera­de mal 21 Punk­te erhielt, und damit nur ein Zwan­zigs­tel des Sie­gers die­ses Vor­ent­scheids.

Eine hoch inter­es­san­te The­se übri­gens zur Ent­ste­hung des Som­mer­hits ‘Macare­na’, die Ari Eld­járn hier ablie­fert!

Einen hoch­gra­dig unter­halt­sa­men Ver­such, die­se Pro­ble­ma­tik zu umschif­fen, lie­fer­te die Miss Finn­land 1958, Pirk­ko Man­no­la, mit dem fan­tas­tisch obsku­ren ‘Bzzz bzzz bzzz’ ab, der pos­sier­li­chen Schla­ger­va­ri­an­te des ‘Hum­mel­flugs’. Ihr hat­te die erfolg­rei­che Teil­nah­me an den Miss-Wah­len, zu der sie ihr Bru­der heim­lich ange­mel­det hat­te, tat­säch­lich die Türen ins Show­ge­schäft geöff­net: sie erhielt einen Schau­spiel- und einen Plat­ten­ver­trag, und auch in Deutsch­land ver­such­te man, sie unter dem für mit­tel­eu­ro­päi­sche Augen geglät­te­ten Namen Pir­ko Mano­la zum Schla­ger­star auf­zu­bau­en, was aller­dings nur so mäßig gelang. Trotz ihrer Teil­nah­me am deut­schen Vor­ent­scheid 1962, wo sie als Duett­part­ne­rin von Wyn Hoop (→ DE 1960) mit dem Titel ‘Mama will Dich sehn’ den vier­ten Platz erreich­te (sowie #28 in den Charts), konn­te sie sich nicht dau­er­haft eta­blie­ren: nach ins­ge­samt neun ver­öf­fent­lich­ten Sin­gles, von denen nur zwei sich in der Ver­kaufs­hit­pa­ra­de plat­zie­ren konn­ten, strich sie Ende 1963 in Deutsch­land die Segel und kon­zen­trier­te sich auf ihre hei­mi­sche Kar­rie­re, wo sie sie über Jahr­zehn­te vor allem als Schau­spie­le­rin Erfol­ge fei­er­te. Ihr Vor­ent­schei­dungs­bei­trag ‘Bzzz bzzz bzzz’, heu­te natür­lich eine von Fans hoch ver­ehr­te Con­test-Per­le, erreich­te lei­der nur den vier­ten Rang.

Eigent­lich eine unwi­der­steh­li­che Vor­la­ge für eine Euro­vi­si­ons-Par­odie beim nächs­ten Fan­club­tref­fen: Pirk­kos Bie­nen-Brül­ler.

Vor ihr plat­zier­te sich unter ande­rem Kai Lind mit dem Titel ‘Satel­liit­ti kah­del­le’ (‘Ein Satel­lit für Zwei’), einer mon­dän-futu­ris­tisch daher­kom­men­den Ode an die erst seit weni­gen Jah­ren exis­ten­ten Welt­raum­son­den, wie sie die Fan­ta­sie der Men­schen zu die­ser Zeit beflü­gel­ten und von inter­ga­lak­ti­schen Aben­teu­ern träu­men lie­ßen. Linds jaz­zi­ger Titel hät­te auch gut im Tief­see-Kasi­no in der (aller­dings erst im Jahr dar­auf ent­stan­de­nen) deut­schen Scie­ne-Fic­tion-Serie Raum­pa­trouil­le lau­fen kön­nen. Doch selbst Lind kas­sier­te nur gut halb so vie­le Punk­te wie der kla­re Sie­ger die­ses Abends. Auf­merk­sa­me Leser/innen die­ses Blogs erin­nern sich viel­leicht noch an den Vor­jah­res­teil­neh­mer Las­se Mår­ten­son, den Mann, der cool genug war, mit­ten wäh­rend sei­nes Auf­trit­tes für eine kur­ze Ziga­ret­ten­pau­se inne­zu­hal­ten. Der läs­si­ge Las­se lie­fer­te mit ‘Lais­ko­tel­len’ (‘Fau­len­zer’) dies­mal eine medi­ta­ti­ve Num­mer über einen mit Müßig­gang und süßem Nichts­tun ver­trö­del­ten Sonn­tag ab, die womög­lich ihrer Zeit ein­fach ein hal­bes Jahr­hun­dert vor­aus war und beim Con­test in Kopen­ha­gen aus­schließ­lich Punk­te von der Wikin­ger-Con­nec­tion (Nor­we­gen, Däne­mark, Groß­bri­tan­ni­en) erhielt. Heut­zu­ta­ge, wo der Bur­nout in den Indus­trie­na­tio­nen zur Volks­krank­heit gewor­den ist und kraft­spen­den­de Ent­span­nung zum hei­li­gen Gral, erhiel­te ‘Lais­ko­tel­len’ sicher­lich grö­ße­ren Zuspruch als aus­ge­rech­net zu Zei­ten des deut­schen Wirt­schafts­wun­ders, als noch die 48-Stun­den-Woche galt, die Hoch­öfen auf Hoch­tou­ren lie­fen und das Wachs­tum schein­bar end­los schien. Und das die Fin­nen jus­ta­ment zu die­sem Zeit­punkt einen sol­chen Bei­trag schick­ten, beweist ein­mal mehr, wie gangs­ter­mä­ßig sie drauf sind.

Zeit, den Rhyth­mus des Lebens zu ler­nen: der läs­si­ge Las­se zeigt, wie’s geht.

Vor­ent­scheid FI 1964

Suo­men Eurovi­isukar­sin­ta. Sams­tag, 15. Febru­ar 1964, aus den YLE-Fern­seh­stu­di­os in Hel­sin­ki. Sechs Teilnehmer/innen. Mode­ra­ti­on: Aar­no Wal­li.
#Interpret/inTitelPunk­tePlatz
01Kai LindSatel­liit­ti kah­del­le2352
02Irme­li MäkeläKer­ran viel’1203
03Las­se Mår­ten­sonLais­ko­tel­len4031
04Heik­ki Aar­vaToi­sen ker­ran0136
05Pirk­ko Mano­laBzzz bzzz bzzz1084
06Tais­to Tam­miRak­kau­den Rik­kaus0215

Oder was denkst Du?