DE 1980: Grel­le Blit­ze schre­cken mich

Katja Ebstein, DE 1980
Die Gelif­te­te

Wie schon im Vor­jahr bot der nun für die ARD beim Grand Prix feder­füh­ren­de Baye­ri­sche Rund­funk, der auch bei der Stu­di­ode­ko­ra­ti­on kei­ne Gele­gen­heit zur Eigen­re­kla­me aus­ließ, für die­se Vor­ent­schei­dung gleich zwei Mode­ra­to­ren auf: für die Jün­ge­ren den all­seits belieb­ten, sei­ner­zeit noch schlag­fer­ti­gen Tho­mas Gott­schalk; für die Kuki­dent-Genera­ti­on Caro­li­ne Rei­ber, die in einem uni­far­be­nen, eben­so teu­er wie spie­ßig aus­schau­en­den Glo­cken­kleid-Alp­traum in einer schlim­men Pas­tell­far­be auf­trat. Sie mode­rier­te so bemüht sprit­zig wie emo­tio­nal unglaub­wür­dig.

Ein Alp­traum in Apri­cot: Caro­li­ne Rei­ber mode­rier­te den deut­schen Vor­ent­scheid 1980

Nach einem unter­ir­di­schen Schla­ger (‘Du bist nicht mehr frei’) zum Auf­takt, dar­ge­bo­ten von einem Mann mit dem unter­ir­di­schen Künst­ler­na­men Mel Jer­sey (Peter Dra­lon™ war wohl schon belegt?), betrat mit dem als gebür­ti­gen Hel­le­nen “für alles Grie­chi­sche zustän­dig” (C. Rei­ber) zu sein haben­den Cos­ta Corda­lis (DVE 1983) der ers­te Top-Favo­rit die Büh­ne. Fol­ge­rich­tig wur­de kein ein­zi­ges Grie­chen­land-Kli­schee aus­ge­las­sen: man stell­te ihm sowohl einen (äußerst anmu­ti­gen) Pan­flö­ten­spie­ler als auch einen Bouz­ouki­zup­fer zur Sei­te. Dazu muss­te Cos­ta noch ein paar Tanz­be­we­gun­gen machen, die wohl an Sir­ta­ki erin­nern soll­ten. Fehl­te eigent­lich nur noch jemand, der Feta­kä­se­wür­fel ins Publi­kum wirft! Sei­nen von Ralph Sie­gel kom­po­nier­ten, dra­ma­ti­schen Schla­ger über den Regen­gott ‘Pan’ muss man aber als flott und packend bezeich­nen – jeden­falls ist es mein Lieb­lings­song des Abends. Auch wenn das Befol­gen anre­gen­der Text­zei­len wie “Ich bin nur ein Hir­te und hab gegen Durst den Wein” bei Ret­si­na-Unge­üb­ten leicht für höl­li­sche Kopf­schmer­zen sor­gen könn­te.

Dass Cos­ta beim Tan­zen nicht übers Kabel stol­per­te: Respekt! 

Drei wei­te­re alt­be­kann­te Schla­ger­stars (und ein neu­er) folg­ten: eine unfass­bar schlecht fri­sier­te und gelaun­te Mari­an­ne Rosen­berg (DVE 1975, 1978, 1982), die ihren super­drö­gen Titel ‘Ich werd da sein, wenn es Sturm gibt’ kom­plett in den Sand setz­te und ins­ge­samt über­haupt kei­ne Lust zu haben schien – der Sturm folg­te garan­tiert anschlie­ßend hin­ter der Büh­ne! – sowie ein ziem­lich blon­der Roland Kai­ser mit einem sei­ner typi­schen, den Alko­hol­miss­brauch beschö­ni­gen­den Wirts­haus­schla­ger: ‘Hier kriegt jeder sein Fett’. Der auf­ge­s­trub­bel­te Sin­ge-Sof­tie Ste­fan Wag­gers­hau­sen buhl­te erge­benst um die weib­li­che Zuschau­er­stim­me: ‘Ver­zeihn Sie, Madame’ erfleh­te er Ver­ge­bung für sein selbst kom­po­nier­tes Lied­chen. Umsonst: für solch ein Gesäu­sel ist kei­ne Gna­de zu erwar­ten. Die con­test­er­fah­re­ne (DE 1970, 1971, DVE 1975Kat­ja Ebstein, einst­mals eine links­al­ter­na­ti­ve Chan­so­net­te, sorg­te für ein ziem­li­ches Medi­en­echo, weil sie als ers­te Pro­mi­nen­te öffent­lich bekann­te, dass sie sich hat­te lif­ten las­sen. Und falls sich jün­ge­re Leser/innen nun rat­los “ja, und?” fra­gen: damals fan­den Schön­heits­ope­ra­tio­nen noch nicht im 15-Minu­ten-Takt im Unter­schich­ten­fern­se­hen statt, son­dern stell­ten ein hoch­gra­dig umstrit­te­nes Novum dar.

So ein Zir­kus: Kat­ja Ebstein nebst Pan­to­mi­men­chor

Wie all die ande­ren Schla­ger­stars der alten Gar­de war Frau Ebstein kom­mer­zi­ell mitt­ler­wei­le ziem­lich weg vom Fens­ter und schlüpf­te eben­falls bei Sie­gel unter. Nach sei­nem Vor­jah­res­er­folg mit grell kos­tü­mier­ten Pseu­do-Mon­go­len konn­te der auch hier vom Show-Over­kill nicht las­sen und stell­te Kat­ja ein paar als Pan­to­mi­men (die Pest der Fuß­gän­ger­zo­nen) geschmink­te Back­ground­sän­ger hin­ten­dran, die eine musi­cal­haft über­trie­be­ne Schmie­ren­ko­mö­die abzo­gen. Sie­gel selbst beglei­te­te sei­ne Con­test­hoff­nung am Kla­vier, auf dem behand­schuh­ten Fin­ger ein Har­le­kin­püpp­chen appli­ziert. Der BR warf die Light­show an (was er ver­däch­ti­ger­wei­se für kei­nen ande­ren Bei­trag des Abends tat) und das melo­disch sehr, sehr stark von Bill Ram­seys (DVE 1962‘Pigal­le’ abge­kup­fer­te Lied fräs­te sich augen­blick­lich durch alle Gehör­gän­ge. Zwar beschwor die gute Kat­ja hier text­lich eher eine ver­klä­ren­de Zir­kus­ro­man­tik (“Und der Clown, der muss lachen”), als tat­säch­lich das Hohe­lied auf das auf­klä­re­ri­sche, bil­dungs­bür­ger­li­che ‘Thea­ter’ anzu­stim­men. Doch ver­mut­lich sieg­te sie genau des­we­gen.

Para­die­sisch: Adam & Eve mit dem bes­ten deut­schen Come­dy­bei­trag aller Zei­ten!

Es folg­te eines der abso­lu­ten Kitsch-Kult-Come­dy-Höhe­punk­te der gesam­ten Geschich­te des Euro­vi­si­on Song Con­test. Das Duo Adam & Eve (‘Wenn die Son­ne erwacht in den Ber­gen’) gab mit dem selbst­re­fe­ren­ti­el­len ‘Hal­lo Adam, hal­lo Eva’ einen Rumms-Bumms-Schla­ger über die Ver­trei­bung ihrer Namens­vet­tern aus dem Gar­ten Eden zum Bes­ten – und das in haut­engen, apri­cot­far­be­nen Eis­lauf­kos­tü­men, stil­echt mit bleu­en Glit­ze­rap­pli­ka­tio­nen bestickt! Adam steck­te zudem, dem Trend der Zeit ent­spre­chend, in hell­brau­nen, eben­falls straß­be­setz­ten Cow­boy­stie­feln, die er – natür­lich! – über der Hose trug. Die 1989 dem Krebs zum Opfer gefal­le­ne gebür­ti­ge Tsche­chin Eve Bar­to­va, die blon­des­te Sän­ge­rin seit der Erfin­dung des Was­ser­stoff­per­oxids, über­reich­te ihrem Gemahl gegen Ende des Vor­trags gar noch einen ech­ten Apfel (ich ver­mu­te: Gol­den Deli­cious), in den er auch herz­haft hin­ein­biss. Man muss sie gese­hen haben, die­se ein­zig­ar­ti­ge Kreu­zung aus Xana­du, Krip­pen­spiel und Lai­en­thea­ter: zum In-die-Hose-machen!

Hugh! Hugh! Dschinghis Khan: Mon­te­zu­mas Rache

Die Geschmacks­ver­ir­run­gen ris­sen nicht ab: ein paar als India­ner faschings­ver­klei­de­te Last­wa­gen­fah­rer (seid ihr dafür nicht zu alt, Jungs?) mit stil­ech­ten Schnauz­bär­ten nebst einer sich in einer ste­ti­gen Scham­spi­ra­le dre­hen­den Squaw, das waren Mon­te­zu­ma. Einen niveau­lo­se­ren Ver­such, das Erfolgs­mo­dell des Vor­jah­res mit bil­ligs­ten Mit­teln zu kopie­ren, hat es wohl nie gege­ben. Dann ein bis zum Nabel auf­ge­knöpf­ter, bier­bäu­chi­ger ‘Min­ne­sän­ger, Mäd­chen­fän­ger’ (im Traum, Tony! [DVE 1978]) – natür­lich eben­so mit Poli­zis­ten-Rotz­brem­se über der Ober­lip­pe wie der nach­fol­gen­de Kom­plett­ver­lie­rer Ste­fan Hall­berg, bei dem wohl jeder ver­stand, war­um sei­ne Ehe­frau sei­nem Fle­hen ‘Gib uns Zeit’ kei­ne Fol­ge leis­ten moch­te. Die Schwei­zer Sän­ge­rin und Kat­zen­bild-Male­rin Suzan­ne Klee, die in einer roten Blu­se mit Gold­ap­pli­ka­tio­nen aus­sah wie vom weih­nacht­li­chen Gaben­tisch übrig­ge­blie­ben, trug dage­gen mit ‘Wenn Du nicht weißt, wohin’ einen anrüh­rend melan­cho­li­schen Coun­try­schla­ger über das Leben als gut­mü­ti­ge Ex vor, die sich aus alter Ver­bun­den­heit noch immer als see­li­scher Müll­ei­mer miss­brau­chen lässt. Dass sie in die­sem Auf­zug genau wie die Frau aus­sah, die man eher zum Quat­schen auf­sucht, ließ sie um so glaub­wür­di­ger erschei­nen.

Du suchst nach Mrs. Lis­ten? Sie steht genau vor Dir: Suzan­ne Klee

Hübsch der Schnell­durch­lauf in umge­kehr­ter Rei­hen­fol­ge: wie schon im Vor­jahr spiel­te das Orches­ter (dies­mal kom­pe­tent unter der Lei­tung von Paul Kuhn [DVE 1957]) Instru­men­tal­aus­zü­ge aus den zwölf Bei­trä­gen, zu denen die Inter­pre­ten noch mal über die Büh­ne wan­der­ten. Dabei kam es schnell zu Staus, und einen ori­gi­nel­len Moment gab es, als sich Schla­ger­di­va Mari­an­ne Rosen­berg stan­des­ge­mäß Zeit für ihren gro­ßen klei­nen Auf­tritt ließ, dann aber so schnell wie­der ver­schwand, dass Cos­ta Corda­lis zu früh kam (also, auf die Büh­ne). Tho­mas Gott­schalk muss­te anschlie­ßend mit stun­den­lan­gem, ener­vie­ren­den Dau­er­ge­quas­sel die Zeit bis zur Aus­zäh­lung der von Infra­test reprä­sen­ta­tiv befrag­ten fünf­hun­dert Zuschau­er über­brü­cken. Um es ein klein wenig span­nen­der zu gestal­ten, blen­de­te die ARD Zwi­schen­stän­de ein, und schnell kris­tal­li­sier­te sich ein Duell der beson­de­ren Art her­aus: Sie­gel gegen Sie­gel!

Ilja Rich­ter nahm den Vor­ent­scheid 1980 und das Wer­tungs­dra­ma in sei­ner ‘Dis­co’ treff­si­cher aufs Korn

Pan’ und ‘Thea­ter’ foch­ten es gegen­ein­an­der aus, und zwar Kopf an Kopf, alle ande­ren Kon­kur­ren­ten abge­schla­gen hin­ter sich las­send. Jeweils mit nur weni­gen Punk­ten Vor­sprung führ­ten nach­ein­an­der Kat­ja, Cos­ta, Cos­ta (den Tho­mas Gott­schalk ver­se­hent­lich bereits zum Sie­ger aus­rief und der dann zu sei­ner Ver­bit­te­rung wie­der zurück in die Rei­he muss­te) und schließ­lich, nach meh­re­ren ver­zwei­fel­ten “Moment noch!”-Rufen der Infra­test-Lei­te­rin Frau Dr. Köh­ler: end­gül­tig Kat­ja Ebstein! Da half es Cos­ta wenig, dass er bereits alle hol­län­di­schen Flach­le­ger­vo­ka­beln gelernt hat­te (“Ik hou van jou” etc.). Statt sei­ner sack­te die gute Kat­ja ihre drit­te Grand-Prix-Teil­nah­me für Deutsch­land ein; einen Rekord, den sie nur noch mit Wind (ESC 1985, 1987, 1992) teilt. Sie­gel konn­te es gleich sein, er bekam auf jeden Fall das Ticket nach Den Haag. Und zwei veri­ta­ble Hits dazu: ‘Thea­ter’ char­te­te lus­ti­ger­wei­se auf der #11, ‘Pan’ auf der #22.

Ein Num­mer-Eins-Hit in Deutsch­land und mein liebs­tes Camp-Stück aller Zei­ten: ‘Xana­du’ von Oli­via New­ton-John (UK 1974)

Deut­sche Vor­ent­schei­dung 1980

Ein Lied für Den Haag. Sams­tag, 20. März 1980, aus dem Stu­dio 4 des Baye­ri­schen Rund­funks in Mün­chen-Unter­föh­ring. 12 Teil­neh­mer, Mode­ra­ti­on: Caro­li­ne Rei­ber und Tho­mas Gott­schalk.
#Inter­pretTitelPunk­tePlatzCharts
01Mel Jer­seyDu bist nicht mehr frei331006-
02Cos­ta Corda­lisPan46440222
03Mari­an­ne Rosen­bergIch werd da sein, wenn es Sturm gibt216912-
04Roland Kai­serHier kriegt jeder sein Fett282308-
05Ste­fan Wag­gers­hau­senVer­zeihn Sie, Madame362504-
06Kat­ja EbsteinThea­ter48280111
07Adam & EveHal­lo Adam, hal­lo Eva284707-
08Mon­te­zu­maMon­te­zu­ma Cast­le358605-
09Tony & DavidMin­ne­sän­ger, Mäd­chen­fän­ger278409-
10Ste­fan Hall­bergGib uns Zeit226611-
11Suzan­ne KleeWenn Du nicht weißt, wohin396803-
12Viel-Har­mo­ni­kerIn der Oper246210-

2 Gedanken zu “DE 1980: Grel­le Blit­ze schre­cken mich

  1. Dan­ke für den Hin­weis, Fre­de­rik – ist ein­ge­fügt. Da hät­te ich mir den gan­zen Arti­kel ja spa­ren kön­nen – Ilja erklärt’s in zwei Minu­ten! 🙂

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