Ein Lied für Stock­holm 1975: Jeder Ton ist wie ein Stein

Joy Fleming, DE 1975
Die Bes­te. Auf ewig.

Nach dem Kata­stro­phen­er­geb­nis der haus­in­ter­nen deut­schen Grand-Prix-Vor­auswahl im Abbajahr 1974 (ein geteil­ter letz­ter Platz für den deut­schen Bei­trag von Cin­dy & Bert) besann sich sich der sei­ner­zeit ver­ant­wort­li­che Hes­si­sche Rund­funk dar­auf, dass er bereits 1970 und (in Zusam­men­ar­beit mit dem Sen­der Frei­es Ber­lin) 1972 sehr gla­mou­rö­se öffent­li­che Vor­ent­schei­dun­gen auf die Bei­ne gestellt und mit den dort aus­ge­wähl­ten Künst­le­rin­nen jeweils einen glo­rio­sen Medail­len­platz beim euro­päi­schen Wett­sin­gen erzielt hat­te. Mit die­sem Wis­sen im Rücken und dem dar­aus resul­tie­ren­den Glau­ben an die eige­nen Fähig­kei­ten zim­mer­te man in Frank­furt am Main dies­mal eine der best­be­stück­ten Ver­an­stal­tun­gen in der deut­schen Grand-Prix-Geschich­te zusam­men. Dabei half, dass der Sen­der die Plat­ten­fir­men mit ins Boot hol­te, die zur Beloh­nung (neben den unver­meid­li­chen hoff­nungs­vol­len Nach­wuchs­kräf­ten und Has-Beens) eine hoch­ka­rä­ti­ge Aus­wahl der nam­haf­tes­ten, top­ak­tu­el­len Schla­ger­stars bei­steu­er­te. Der­ma­ßen A‑Lis­ten-las­tig soll­te es beim Deut­schen Vor­ent­scheid nur im Jah­re 2004 noch ein­mal werden.

Eine pral­le Stun­de her­aus­ra­gen­den Musik­ge­nus­ses am Stück: der deut­sche Vor­ent­scheid von 1975 in vol­ler Länge.

Als wei­te­rer Glücks­fall erwies sich, dass die Indus­trie den hr im Gegen­zug zum Ver­zicht auf das anti­quier­te Orches­ter nötig­te, was beim inter­na­tio­na­len Wett­be­werb – dann auf Drän­gen Deutsch­lands – lei­der erst 1999 der Fall sein soll­te. Statt­des­sen griff man auf das schon bei der ZDF-Hit­pa­ra­de bewähr­te Halb­play­back zurück: Musik und Chor­stim­men vom Band, Gesang live. So klan­gen die Lie­der musi­ka­lisch zeit­ge­mäß und – wich­tig für die kom­mer­zi­el­le Aus­wer­tung – exakt so wie auf dem Ton­trä­ger. Gleich der ers­ten von der zau­ber­haf­ten ARD-Lot­to­fee Karin Tiet­ze-Lud­wig annon­cier­ten Künst­le­rin kam das im Hin­blick auf ihren damals super­fri­schen Sound sehr zupass: die kom­men­de Schwu­len­iko­ne Mari­an­ne Rosen­berg, deren Vater, ein Sin­ti, Ausch­witz über­lebt hat­te und die bereits als Fünf­zehn­jäh­ri­ge mit ihrer Pre­mie­ren­sin­gle ‘Mr. Paul McCart­ney’ einen Hit hat­te, sang tat­säch­lich hier erst­mals im deut­schen Fern­se­hen ihr mitt­ler­wei­le legen­dä­res ‘Er gehört zu mir’. Nicht nur der ers­te Dis­co­schla­ger aus hei­mi­scher Pro­duk­ti­on, nicht nur eine (zumin­dest in mei­ner Genera­ti­on) unsterb­li­che Gay-Hym­ne, son­dern auch ein unfehl­ba­rer Par­ty­t­rack, den selbst voll­trun­ken heu­te noch aus­nahms­los jede:r – auch hete­ro­se­xu­ell ori­en­tier­te – Deut­sche text­si­cher mit­grö­len kann. Also ein Lied, das zwei­fels­frei so sehr zum Kul­tur­er­be die­ses Lan­des gehört, dass sein feh­ler­frei­es Nach­sin­gen ver­bind­li­cher Bestand­teil des Ein­bür­ge­rungs­tests sein sollte.

Sie gehört (zu) uns: die gro­ße Mari­an­ne Rosenberg.

Bei Mari­an­nes Auf­tritt stimm­te schlicht­weg alles: gra­zil schweb­te sie im schwarz­ro­ten Maxi­kleid die Stu­dio­trep­pe hin­un­ter, keck schüt­tel­te sie ohne Unter­lass ihre cha­rak­te­ris­ti­sche Fön­fri­sur, kirsch­rot-sinn­lich glänz­ten ihre Lip­pen. Mit zar­tes­ten Hüft­schwün­gen und einem zu etwa einem Pro­zent ange­deu­te­ten, arm­lo­sen Dab wies sie sub­til auf die Tanz­bar­keit des Titels hin. Ihre Stim­me war, wie man das von ihr kennt, der reins­te Schmelz. Dass sie nicht aus dem Stand her­aus gewann oder wenigs­tens Zwei­te wur­de, erscheint aus heu­ti­ger Sicht unbe­greif­lich. Tat­säch­lich erreich­te sie in der Juryab­stim­mung nur den kom­plett inak­zep­ta­blen zehn­ten Rang, was mich selbst Jahr­zehn­te spä­ter vor Frus­tra­ti­on und hei­li­gem Zorn auf­heu­len lässt und in mir den heim­li­chen Wunsch aus­löst, jedem der damals Abstim­men­den (und ihren Verteidiger:innen) eins mit der Dach­lat­te über­zu­zie­hen. Viel­leicht nie wie­der offen­bar­te sich die abso­lu­te Ahnungs­lo­sig­keit und him­mel­schrei­en­de Inkom­pe­tenz der “pro­fes­sio­nel­len” Bewerter:innen der­ma­ßen krass wie an die­sem Abend. Frau Rosen­berg, die in ihrer aus­ge­spro­chen lesens­wer­ten Auto­bio­gra­fie ‘Koko­lo­res’ bekennt, als Kind heim­lich den Grand Prix geschaut und sich von sei­nem Glanz magisch ange­zo­gen gefühlt zu haben, und die ita­lie­ni­sche Diva Giglio­la Cin­quet­ti als ihr Vor­bild nennt, bewarb sich im Fol­ge­jahr mit dem Titel ‘Ciné­ma’ (deutsch: ‘Lie­der der Nacht’) in Luxem­burg, wo sie erneut gegen ihren Kol­le­gen Jür­gen Mar­cus den Kür­ze­ren zog. Wei­te­ren Ver­su­chen mit aller­dings furcht­ba­ren Lie­dern in den Jah­ren 19781980 und 1982 im Hei­mat­land soll­te eben­falls kein Glück beschie­den sein.

Denn wer sich liebt, hat auch ein Glied”: die­ses mir damals schänd­li­cher­wei­se unbe­kann­te Lied muss­te ich mal bei einer schwu­len Revue im Frank­fur­ter Gal­lus-Thea­ter auf der Büh­ne als Karaō­ke sin­gen. Dafür ent­schul­di­ge ich mich noch heu­te bei allen dama­li­gen Zuschauer:innen. Und bei Frau Rosenberg. 

So um das Jahr 2003 her­um nah­men die Medi­en und die brei­te Öffent­lich­keit Notiz vom Musik­phä­no­men Bas­tard-Pop, dem Zusam­men­mi­xen zwei­er sti­lis­tisch völ­lig gegen­sätz­li­cher Musik­stü­cke, des­sen Wur­zeln Wiki­pe­dia in der Mit­te der Neun­zi­ger­jah­re ver­mu­tet. Dabei erfand Ralph Sie­gel die­se Tech­nik bereits 1975! Das von ihm ver­bro­che­ne ‘Alles geht vor­über’ täusch­te in der Stro­phe mit­tels Dis­cog­ei­gen und schnel­ler Beats zunächst eine See­len­ver­wandt­schaft zu Mari­an­nes Phil­ly­sound vor. Nur, um im Refrain in eine Dixie­land-arti­ge (eher: Dixi-Klo-arti­ge) Mit­klat­sch­num­mer mit Furz­trom­pe­ten umzu­kip­pen. So, als habe Sie­gel das Stück aus zwei ein­zel­nen Rest­pos­ten, die noch in der Klang­werk­statt des Kom­po­nis­ten her­um­la­gen, zusam­men­ge­den­gelt. Ange­hörs der von ihr zu sin­gen­den Text­zei­le “Tan­dara ti, tan­dara tei” kräu­sel­ten sich selbst der sturm­er­prob­ten Inter­pre­tin Peg­gy March die Haa­re. Was sie jedoch nicht dar­an hin­der­te, mit vol­lem Kör­per­ein­satz und behelfs eines wei­ßen Cow­boy­fran­sen­klei­des die Jurys zu hyp­no­ti­sie­ren, um von die­ser musi­ka­li­schen Gräu­el­tat abzu­len­ken. Dazu flir­te­te sie im Gegen­satz zur immer etwas unnah­bar wir­ken­den Mari­an­ne gera­de­zu scham­los mit der Kame­ra, was dem Auf­tritt jedoch ein sehr stim­mi­ges Flair ver­lieh: es war halt von vor­ne bis hin­ten billig.

Dafür, dass sie die­sen halb­ga­ren Murks auf den zwei­ten Rang (!) beför­der­ten, gehört den betei­lig­ten Juror:innen übri­gens gleich noch­mal eine über­ge­zo­gen: Peg­gy March.

Zu den zahl­rei­chen Wiederkehrer:innen frü­he­rer deut­scher Vor­ent­schei­dun­gen zähl­te neben Peg­gy auch der Öster­rei­cher Peter Hor­ton, der die sel­be Atze-Schrö­der-Bril­le und ‑Fri­sur zur Schau stell­te wie schon 1972. Damals hat­te er zum Aus­gleich wenigs­tens einen tol­len Gos­pel­song am Start. Dies­mal brach­te er einen mehr als mau­en Coun­try­schla­ger zum Vor­trag und ver­schanz­te sich dabei hin­ter einer kinds­gro­ßen Gitar­re, auf wel­cher er der­ar­tig ver­krampft und ohne jeg­li­chen Bezug zur Musik her­um­schramm­te, dass man als Zuschauer:in die gan­zen lan­gen drei Minu­ten stets nur dach­te: “wen willst du damit täu­schen, Hase?”. Zu Hor­tons Ehren­ret­tung soll gesagt sein, dass sich auch ande­re männ­li­che Schla­ger­grö­ßen der Zeit wie Peter Maf­fay, Jür­gen Drews und Gun­ter Gabri­el bei TV-Auf­trit­ten die­ser Tech­nik bedien­ten. Die wohl vor allem den Zweck ver­folg­te, ihren Hän­den eine als hete­ro­se­xu­ell-mas­ku­lin les­ba­re Beschäf­ti­gung zu bie­ten, damit sie nicht mit den Armen her­um­ru­der­ten wie ihr (damals noch ver­steckt) schwu­ler Kol­le­ge Jür­gen Mar­cus. In des­sen von Jack White kom­po­nier­ten, pom­pö­sen Schla­ger­mär­schen, mit denen er im Dut­zend die hei­mi­schen Charts auf­roll­te, kam die­ses Instru­ment jedoch nun mal nicht vor, so dass ihn aller­höchs­tens eine Zwangs­ja­cke von sei­nen ver­rä­te­ri­schen Hand­be­we­gun­gen hät­te abhal­ten können.

Ein Adler lässt sich nicht ein­sper­ren, der muss sei­ne Schwin­gen aus­brei­ten und hin­aus­flie­gen in die gro­ße, wei­te Welt: der Jür­gen, der Marcus.

Das konn­te man auch bei sei­nem Vor­ent­schei­dungs­auf­tritt aufs Schöns­te bewun­dern. ‘Ein Lied zieht hin­aus in die Welt’, näm­lich gen Stock­holm und von dort aus durch ganz Euro­pa: so der Plan des beken­nen­den Grand-Prix-Enthu­si­as­ten. Die Jury mach­te auch ihm trotz her­aus­ra­gen­der stimm­li­cher Leis­tung einen Strich durch die Rech­nung. Kos­mi­schen Aus­gleich erfuhr der ehe­ma­li­ge Musi­cal­star auf kom­mer­zi­el­ler Ebe­ne: dort zog sein dick auf­tra­gen­des Lied näm­lich tat­säch­lich hin­aus in die Welt (naja, ein biss­chen) und ver­kauf­te sich in den Nie­der­lan­den (#17), der Schweiz (#4) und Öster­reich (#15). Zu Hau­se beleg­te es als erfolg­reichs­ter Titel die­ses Vor­ent­scheids Rang 3 der Charts, wäh­rend Mari­an­nes Sin­gle immer­hin noch die #7 schaff­te. Unfass­li­cher­wei­se kam die 2017 ver­stor­be­ne Joy Fle­ming nicht über Platz 32 hin­aus: Geschmacks­be­hin­de­rung scheint in Deutsch­land eine Volks­krank­heit zu sein! Die Mann­hei­me­rin mit der unver­gleich­li­chen Röh­re wipp­te sich in einem figur­schmei­cheln­den schwar­zen Maxi­kleid mit lus­ti­ger bun­ter Zau­ber­dra­chen­schlep­pe (hät­te sie das mal anstel­le der kotz­grü­nen Wurst­pel­le in Stock­holm getra­gen!) eksta­tisch durch ihren sen­sa­tio­nel­len Soulknal­ler ‘Ein Lied kann eine Brü­cke sein’. Wel­che über­mensch­li­che Wil­lens­kraft muss es die vom hr aus Gleich­be­hand­lungs­grün­den zu abso­lu­ter Teil­nahms­lo­sig­keit ver­don­ner­ten Studiozuschauer:innen wohl gekos­tet haben, bei die­ser mit­rei­ßen­den Num­mer und die­ser fan­tas­ti­schen Stim­me nicht ent­fes­selt auf die Stüh­le zu stei­gen und abzufeiern?

Dann sprichst du mit Leu­ten, die Dir nichts bedeu­ten – schau, ihnen geht es so wie Dir”: you give good shade, Myla­dy! (Plus Play­list mit 13 der 15 Titel in Rei­hen­fol­ge der Platzierung.)

Die bedau­erns­wer­te Mag­gie Mae (bür­ger­lich: Andrea Car­le), die im Vor­jahr im zar­ten Alter von nur 14 Len­zen mit der über­kan­di­del­ten Ein­deut­schung des eine Deka­de alten Ska-Klas­si­kers ‘My Boy Lol­li­pop’ ihren ers­ten und ein­zi­gen Hit hat­te, müh­te sich im Anschluss, durch unko­or­di­nier­te Hyper­ak­ti­vi­tät von ihrer mar­kerschüt­tern­den, sich stän­dig über­schla­gen­den Kieks­stim­me und ihrem trotz gleich zwei­er direkt auf­ein­an­der fol­gen­den Rückun­gen unter­ir­disch zu nen­nen­den, “total ver­rück­ten” Stim­mungs­schla­ger abzu­len­ken, gegen den selbst Tina Yorks Spie­ßer­hym­ne ‘Wir las­sen uns das Stin­ken Sin­gen nicht ver­bie­ten’ noch intel­lek­tu­ell wirkt. Heut­zu­ta­ge wür­de man ihr rast­los-mani­sches Her­um­to­ben, bei dem sie sich wirk­lich nicht eine ein­zi­ge Sekun­de lang Still­stand gönn­te, wohl als ADHS dia­gnos­ti­zie­ren und medi­ka­men­tös unter­stützt the­ra­pie­ren. Damals erklär­te man sie ein­fach zum “ver­rück­ten Huhn” und mach­te es zu ihrem Mar­ken­zei­chen. Nach einer wei­te­ren Vor­ent­schei­dungs­teil­nah­me 1976, erneut mit einem “total ver­rück­ten” Song, und einer wei­te­ren Rei­he von unver­käuf­li­chen Sin­gle­ver­öf­fent­li­chun­gen been­de­te sie Anfang der Acht­zi­ger ihre Schla­ger­kar­rie­re und ging als Haus­frau in die USA. Mag­gie Mae ver­starb am 30. August 2021 im Alter von 61 Jah­ren in einem Hos­pi­tal in Flo­ri­da an den Fol­gen einer Corona-Infektion.

Auch wenn ihr Out­fit das fünf­fa­che Alter ver­mu­ten lässt: bei die­sem Auf­tritt zähl­te Mag­gie Mae gera­de mal 15 Jahre.

Mit Séveri­ne ver­schlug es die mone­gas­si­sche Euro­vi­si­ons­sie­ge­rin von 1971 zum deut­schen Vor­ent­scheid. Das hat­te die als Josia­ne Gri­zeau in Paris gebür­ti­ge Sän­ge­rin einem lang­jäh­ri­gen Rechts­streit mit ihrem Mana­ger zu ver­dan­ken, auf­grund des­sen ihr Auf­trit­te und Ver­öf­fent­li­chun­gen auf dem hei­mi­schen Markt ver­wehrt blie­ben. Statt­des­sen such­te sie ihr Aus­kom­men in ger­ma­ni­schen Gefil­den, wo man der armen Frau auf­ge­trie­del­te Grau­sam­kei­ten wie ‘Ja ja, der Eif­fel­turm’ zumu­te­te, die neben dem sämt­li­che bil­li­gen Frank­reich-Kli­schees ver­sam­meln­den Text von der Nied­lisch­ko­id ihres Aksonts leb­ten. Bei ihrer sump­fig-unent­schlos­se­nen Grand-Prix-Bal­la­de ‘Dreh Dich im Krei­sel der Zeit’ wirk­te der aber nicht mehr put­zig, son­dern nur noch stö­rend fürs Ver­ständ­nis. Nicht, dass man da inhalt­lich etwas ver­passt hät­te.… ‘Heut bin ich arm, heut bin ich reich’: mit die­sem selbst getex­te­ten Sim­pel­schla­ger beleg­te der in Cel­le gebo­re­ne Wer­ner Becker zu Recht einen der hin­ters­ten Plät­ze. Es soll­te sein ein­zi­ger Aus­flug in die Euro­vi­si­ons­welt blei­ben. Ungleich grö­ße­ren Erfolg erziel­te der als Sän­ger eher uncha­ris­ma­tisch wir­ken­de Becker als Musik­pro­du­zent und Arran­geur von orches­tra­len Easy-Lis­tening-Fas­sun­gen inter­na­tio­na­ler Hits, die sich unter dem Pro­jekt­na­men Antho­ny Ven­tu­ra teils mil­lio­nen­fach ver­kauf­ten. Spä­ter pro­du­zier­te er deut­sche Schla­ger­grö­ßen wie Klaus & Klaus oder Nino de Ange­lo, aber auch Titel bei­spiels­wei­se für die No Angels.

Der sin­gen­de Kul­ler­pfir­sich: Séveri­nes Come­back­ver­such erwies sich als so über­flüs­sig wie erfolglos.

Hin­ter Becker reih­ten sich – eben­so ver­dient – nur noch die bei­den Ric(k)ys ein. Für die New­co­me­rin Ulri­ka ali­as Ric­ci Hohlt erwies sich ein Strom­aus­fall, der das hr-Sen­de­stu­dio unmit­tel­bar vor ihrem Auf­tritt für drei­ßig Sekun­den in pech­schwar­ze Fins­ter­nis tauch­te und Karin Tiet­ze-Lud­wig zur fle­hent­li­chen Bit­te “Mei­ne Damen und Her­ren, haben Sie etwas Ver­ständ­nis für unse­re Situa­ti­on!” ver­an­lass­te, als Todes­stoß: so blank lagen bei der aus­ge­bil­de­ten Schau­spie­le­rin und Mit­wir­ken­den in sol­chen Mei­len­stei­nen des Film­schaf­fens wie Graf Por­no und die lie­bes­durs­ti­gen Töch­ter die Ner­ven, dass sie ihren Titel ‘Du’ kom­plett in den Sand setz­te. Es klang stel­len­wei­se, als ob gera­de ein Schwein abge­sto­chen wür­de (die­ses schö­ne Sprach­bild ver­dan­ke ich mei­ner Mut­ter, die das frü­her immer über mich sag­te, wenn ich zu Madon­nas ‘Mate­ri­al Girl’ inbrüns­tig mit­träl­ler­te. Dan­ke, Mama!). Dass Ric­ci eigent­lich sin­gen kann, stell­te sie im Stu­dio von Rai­ner Pietsch unter Beweis, dem Kom­po­nis­ten von ‘Ein Lied kann eine Brü­cke sein’, der sie bei eini­gen Discopro­duk­tio­nen im Chor einsetzte.

Wenn du bereits nach drei Sekun­den weißt, dass du es ver­kackt hast, aber noch drei Minu­ten lang durch­hal­ten musst: Ric­ci Hohlt macht sau­re Mie­ne zum bösen Spiel.

Von Ric­ci zu Ricky (Gor­don) sind es nur zwei Buch­sta­ben und zwei Zen­ti­me­ter, und auch die­ser als Eric de Clerck in Brüg­ge, Bel­gi­en, gebür­ti­ge Rum­mel­platz­tra­vol­ta konn­te fol­ge­rich­tig weder stimm­lich noch per­for­ma­to­risch über­zeu­gen. Rade­bre­chend, per­ma­nent mit dem sich in sei­nem Anzug ver­hed­dern­den Mikro­fon­ka­bel kämp­fend und mit der bewe­gungs­le­g­asthe­ni­schen Fines­se eines japa­ni­schen Kata­stro­phen­film-Knet­mas­se­mons­ters pflüg­te er sich durch sein musi­ka­li­sches Lie­bes­wer­ben an eine ‘Son­ja’, die er zuvor in der Dis­co angrub und die ihn mit einer fal­schen Tele­fon­num­mer abwim­mel­te. Für Gor­don, im Hei­mat­land seit 1967 (mit einer letz­ten Ver­öf­fent­li­chung im Jah­re 2001) aktiv, war es die zwei­te und letz­te Sin­gle auf dem deut­schen Markt, wel­che eben­so flopp­te wie der selbst mit­ge­schrie­be­ne Vor­gän­ger ‘Komm wie­der, my Love’. Dass die nur alle vor ihm davon­lau­fen! Wor­an mag es wohl lie­gen? Viel­leicht konn­te Mary Roos ihm das beant­wor­ten? Die deut­sche Schla­ger­le­gen­de und Grand-Prix-Ver­tre­te­rin von 1972 wuss­te nur zu gut um die Unste­tig­keit in Her­zens­din­gen: “Eine Lie­be ist wie ein Lied, (…) manch­mal ver­ges­sen, wenn es ver­klun­gen ist” sang sie und erwies sich damit in eige­ner Sache als pro­phe­tisch. Denn so sehr ich Mary ver­eh­re: die­se lah­me Num­mer aus der Feder von Hans Blum ver­gaß man bereits wie­der, wäh­rend sie noch auf der Büh­ne stand. Im Gegen­satz zu ihrem Kleid, des­sen Des­sin sich nicht so recht zwi­schen Geschenk­pa­pier von Wool­worth und einem Sofa­be­zug für die Genera­ti­on 80plus ent­schei­den konn­te und das ob sei­ner Scheuß­lich­keit bis heu­te sei­nes Glei­chen sucht.

Hat­te wohl den­sel­ben Haar­sty­lis­ten wie ihre Kol­le­gin Mari­an­ne Rosen­berg: Mary Roos, hier mit einer lei­der nur so mit­tel­gu­ten Liebesballade.

Hör wie­der Radio’: mit die­sem äußerst ein­gän­gig vor­ge­tra­ge­nen Impe­ra­tiv ver­such­te es die Retor­ten­kap­pel­le Love Genera­ti­on, ein Me-too-Pro­dukt im Fahr­was­ser der über­aus erfolg­rei­chen Les Hum­phries Sin­gers. Mit dabei: der mit dem flot­ten Kir­mes­schla­ger ‘It’s a real good Fee­ling’ (1980 eine Num­mer Eins in Deutsch­land und der per­fek­te Song für eine Fahrt auf der auch als Jagu­ar-Express bekann­ten Berg-und-Tal-Bahn) solo sehr erfolg­rei­che Peter Kent, der mit der cha­rak­te­ris­ti­schen, gefärb­ten Locke. Sowie die uns 1981 als Teil der Hor­net­tes (‘Man­ne­quin’) wie­der begeg­nen­de, 2014 ver­stor­be­ne Git­ta Walt­her: die leicht Fül­li­ge mit der gro­ßen Stim­me, die auch auf dem 1975er Dis­co-Welt­hit ‘Fly Robin Fly’ von Sil­ver Con­ven­ti­on zu hören ist und im glei­chen Jahr den mar­kan­ten Schrei zu Pen­ny McLeans Num­mer-Eins-Hit ‘Lady Bump’ bei­steu­er­te. Die stüm­per­haf­ten Kos­tü­me und Cho­reo­gra­fie ver­rie­ten die Lie­bes­ge­nera­ti­on, die es in den von stän­di­gen Umbe­set­zun­gen gepräg­ten neun Jah­ren des Bestehens die­ser Band nie zu nen­nens­wer­tem kom­mer­zi­el­len Erfolg brach­te, als Con­test-untaug­li­che B‑Ware. Dafür hör­te man ihren scham­los kal­ku­lier­ten Wer­be­song für Oldie­wel­len natür­lich öfters im Radio.

Die Love Genera­ti­on hören ger­ne die Hits von Ges­tern. Ich hal­te es da mit den Rey­nolds Girls: Gol­den Oldies, Rol­ling Stones, we don’t want them back / I’d rather jack, than Fleet­wood Mac!

Für Kat­ja Ebsteins Breit­wand­schmacht­fet­zen ‘Ich lie­be Dich’ sei es nach spä­te­rer Aus­sa­ge der Künst­le­rin nur vier Jah­re nach ihrer Dop­pel­re­prä­sen­ta­ti­on beim Grand Prix “noch zu früh” gewe­sen. Ange­sichts des Niveau­ver­lus­tes im Ver­gleich zu ihren dama­li­gen Songs bin ich eher geneigt, zu sagen: zu spät. Das mit ‘Wun­der gibt es immer wie­der’ (1970) und ‘Die­se Welt’ (1971) von der als sozi­al­kri­tisch posi­tio­nier­ten Schla­ger­tan­te vor­ge­ge­be­ne, sehr hohe künst­le­ri­sche Niveau konn­te die Gute trotz wei­te­rer Polit­schla­ger­per­len wie dem ‘Indio­jun­gen aus Peru’ natür­lich nicht all zu lan­ge hal­ten. Mit dem doch arg volks­tüm­lich anmu­ten­den ‘Es war ein­mal ein Jäger’ lan­de­te sie bereits im Vor­jahr unsanft in den Nie­de­run­gen des deut­schen Schla­ger­mark­tes. Ihr dies­jäh­ri­ger Grand-Prix-Ver­such ‘Ich lie­be Dich’, musi­ka­lisch eine Art geron­ne­ner Sül­ze, bot dar­aus eben­so wenig Befrei­ung wie ihr drit­ter Euro­vi­si­ons­bei­trag im Jah­re 1980, das von Ralph Sie­gel ver­ant­wor­te­te, tin­gel­tan­gel­haf­te ‘Thea­ter’. Immer­hin: im Jah­re 2006 adel­ten sie die genia­len nord­deut­schen Elek­tro-Hip-Hop­per Deich­kind mit der end­gei­len Par­ty­hym­ne ‘Rem­mi­dem­mi’ und der dar­in ent­hal­te­nen Text­zei­le “Dei­ne Mud­der hat gesagt / Trag nicht so viel Dreck rein / Auf dem Foto in der Küche sieht sie aus wie Kat­ja Ebstein”. Einen grö­ße­ren Rit­ter­schlag kann es nicht geben!

Im Gegen­satz zur Kol­le­gin Mary Roos bewies Kat­ja Ebstein wenigs­tens beim Out­fit Geschmack.

Als ech­tes Euro­vi­si­ons­sch­man­kerl für Trash­gour­mets erwies sich die letz­te Num­mer in die­sem Con­cours: Shu­ki & Avi­va, ein israe­li­sches Duo, bestehend aus einer Dop­pel­gän­ge­rin der US-ame­ri­ka­ni­schen Schau­spie­le­rin Lili Tom­lin (Zwei mal Zwei) und – tja, für ihn fal­len mir kei­ne Ver­glei­che ein, das muss man mit eige­nen Augen gese­hen haben! Yeti­fri­sur, Voll­bart, haut­enger (!) schwar­zer Catsu­it mit einem fast bis zum Bauch­na­bel rei­chen­den Rund­aus­schnitt (sein Dekol­le­té reich­te deut­lich tie­fer als ihres), so dass das üppi­ge Brust­haar voll zur Gel­tung kam. Dazu ein Anhän­ger, von dem ich mir nicht sicher bin, ob er einen Säbel­zahn­ti­ger­sä­bel­zahn oder eine kon­ser­vier­te Chi­li­scho­te dar­stell­te. Bei­de natür­lich in meter­ho­hen Pla­teau­schu­hen, ihre am Bein als Domi­nastie­fel endend. Eine Tanz­cho­reo­gra­fie wie in einem Ams­ter­da­mer Ani­mier­schup­pen (mei­nen aller­höchs­ten Respekt, dass sie bei die­sen Klump­schu­hen über­haupt die Hufe hoch­be­ka­men!): schlicht­weg eine Sen-sa-tion!

Wie schon Ric­ci Hohlt ver­zich­te­te auch Avi­va ganz offen­sicht­lich auf Unter­wä­sche. Und im hr-Stu­dio schien ein küh­les Lüft­chen zu wehen…

Shu­ki Levi kom­po­nier­te übri­gens spä­ter nicht nur den israe­li­schen Euro­vi­si­ons­bei­trag von 1981, son­dern auch die Musik für die Zei­chen­trick­se­rie Power Ran­gers, führ­te dort Regie und manag­te den Medi­en­kon­zern von Haim Saban, dem zeit­wei­lig die Pro­Sie­ben SAT.1 Media AG gehör­te. Er dürf­te finan­zi­ell wohl aus­ge­sorgt haben. Als weni­ger sen­sa­tio­nell bleibt das Aus­zäh­lungs­ver­fah­ren in Erin­ne­rung: es gab eine Jury mit je vier Mit­glie­dern pro Lan­des­rund­funk­an­stalt, dar­un­ter – in einer Art dop­pel­ter Min­der­hei­ten­quo­te – auch je eine “jun­ge Dame”. Das Ers­te zeig­te jedoch die Stim­m­ad­di­ti­on nicht live, son­dern es unter­brach die Show für eine Stun­de und ließ anschlie­ßend nur das Gesamt­ergeb­nis ver­le­sen. Und auch wenn Frau Tiet­ze-Lud­wig nicht müde wur­de, zu beto­nen, das Gan­ze habe unter nota­ri­el­ler Beglei­tung statt­ge­fun­den (man war­te­te förm­lich dar­auf, dass sie sagt: “Der Auf­sichts­be­am­te hat sich vor die­ser Sen­dung von dem ord­nungs­ge­mä­ßen Zustand der Jury­mit­glie­der und der 15 Lie­der über­zeugt”): als ver­trau­ens­bil­den­de Maß­nah­me erwies sich das nicht.

John Tra­vol­ta hat ange­ru­fen und will sein Satur­day-Night-Out­fit zurück: Ricky Gordon.

Lus­ti­ges Detail: da es ins­ge­samt 36 Abstim­mungs­be­rech­tig­te gab, die für jedes Lied min­des­tens einen Punkt (maxi­mal fünf) ver­ge­ben muss­ten, sum­mier­te sich die zu errei­chen­de nied­rigs­te Zahl auf (Sie rech­nen mit? Rich­tig): 36. Ricky Gor­don erhielt gera­de mal 37 Zäh­ler, was ja nichts ande­res heißt, als dass ledig­lich ein:e einzige:r Juror:in die Ansicht ver­trat, sein Bei­trag sei nicht völ­lig indis­ku­ta­bel, son­dern ein­fach nur grot­ten­schlecht. Dass Herr Gor­don zumin­dest beim Kopf­rech­nen über eine gewis­se Bega­bung ver­füg­te, konn­te man in sei­nem Gesicht able­sen. Die fabel­haf­te Joy hin­ge­gen durf­te ihren Titel abschlie­ßend noch mal sin­gen, beim Schluss­vers deko­ra­tiv umrahmt von ihren Konkurrent:innen. Wobei es eine Schreck­se­kun­de lang so aus­sah, als hät­ten die­se sich zusam­men­ge­rot­tet, um die Gewin­ne­rin vor lau­fen­den Kame­ras zu meu­cheln. Joy wirk­te auch kurz ein biss­chen besorgt, sang aber tap­fer wei­ter, schwenk­te enthu­si­as­tisch den etwas wel­ken Sie­ge­rin­nen­blu­men­strauß und freu­te sich einen Ast. Noch.

Unvor­teil­haf­tes Out­fit, unvor­teil­haf­te Schmin­ke, unvor­teil­haf­tes Orches­ter: in Stock­holm wur­de aus der coo­len Zau­ber­dra­chen­la­dy die “stamp­fen­de Brunhilde”.

Deut­sche Vor­ent­schei­dung 1975

Ein Lied für Stock­holm. Sams­tag, 3. Febru­ar 1975, aus dem Sen­de­stu­dio des Hes­si­schen Rund­funks in Frank­furt. 15 Teilnehmer:innen. Mode­ra­ti­on: Karin Tiet­ze-Lud­wig. 36köpfige Jury.
#Inter­pre­tenSong­ti­telJuryPlatzCharts
01Mari­an­ne RosenbergEr gehört zu mir0861007
02Peg­gy MarchAlles geht vorüber12802-
03Peter Hor­tonAm Fuß der Leiter07911-
04JokersSan Fran­cis­co Symphony05712-
05Séveri­neDreh Dich im Krei­sel der Zeit09407-
06Joy Fle­mingEin Lied kann eine Brü­cke sein1340132
07Mag­gie MaeDie total ver­rück­te Zeit09407-
08Wer­ner BeckerHeut bin ich arm, heut bin ich reich05413-
09Mary RoosEine Lie­be ist wie ein Lied1150350
10Ric­ci HohltDu03814-
11Ricky Gor­donSon­ja03715-
12Jür­gen MarcusEin Lied zieht hin­aus in die Welt0900903
13Love Genera­ti­onHör wie­der Radio11503-
14Kat­ja EbsteinIch lie­be Dich11005-
15Shu­ki & AvivaDu und ich und zwei Träume10806-

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Ein Lied für Den Haag 1976 >

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