DVE 2003: Ich hoff, es geht Dir schlecht

Lou Hoffner, DE 2003
Der Pumuckl

Da hatte sich Jürgen Meier-Beer, der Eurovisionsbeauftragte des NDR, nach dem Debakel von Corinna May was vorgenommen. „Diese Niederlage gibt mir die Möglichkeit, auch in Deutschland endgültig vom alten Grand-Prix-Image wegzukommen“, sagte er noch in Tallin der Presse. Einen „ästhetischen Quantensprung vom Schlagerhaften zur Moderne des Pop“ wollte er hinbekommen. Sah anfangs auch ganz gut aus: neben der notorischen Bild verkündeten auch seriöse Presseorgane wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die den gerade zu Hitehren (‚Meer sehn‘) gekommenen Jungen mit der Gitarre (DJMDG) stützte, und die linksalternative tageszeitung, die gar unter ihren Lesern einen eigenen Lyrik-Wettbewerb ausrief, Interesse an der Vorentscheidung.

Doch dann kam alles anders. Die Bild präsentierte ausgerechnet den Stimmenimitator Elmar Brandt, der sich von dem populistischen Blut-und-Busen-Blatt für dessen aktuelle Hetzkampagne gegen Kanzler Schröder vor den Karren spannen ließ und mit dem ‚Steuersong‘ einen Nummer-Eins-Hit hatte. Bei der Vorentscheidung trat er unter dem Namen Die Gerd Show mit ‚Alles wird gut‘ an, einer komplett unlustigen Schröder-Parodie mit einem tanzenden Pappmaché-Kanzler. Angesichts seines als sicher geglaubten Siegs schalteten die Plattenfirmen, die nach wie vor das Feld bestückten, auf Resteverwertung um und schickten ansonsten nur noch chancenlose Ausschussware. Das größere Problem jedoch hörte auf den Namen DSDS. Der Kölner Privatsender RTL hatte die Rechte an der Castingshow Pop Idol gekauft und die erste Staffel von Deutschland sucht das Superschaf den Superstar gestartet. Und damit auch in Deutschland die Popwelt verändert.


„Ich hab mich lieb“ – da war er der Einzige!

Plötzlich interessierte sich niemand mehr für etablierte Stars, die sich ihren Erfolg in jahrelanger, mühevoller Arbeit aufgebaut hatten. Plötzlich wollten alle nur noch nach Zielgruppenaffinität ausgesuchte, austauschbare Jugendliche sehen, die sich vor den Augen der TV-Öffentlichkeit von profilneurotischen Motivationsmetzgern zur Sau machen und zur Mainstreamtauglichkeit zurechtbiegen ließen. Und die man hassen oder mit denen man mitfiebern konnte, die aber ein halbes Jahr nach ihrem Sieg schon wieder vergessen sein würden, weil dann ja schon die nächste Staffel liefe. Besonderes Pech für die ARD: das erste, aufgrund der oben beschriebenen Kulturrevolution auch von den Medien breit beachtete DSDS-Finale auf RTL fiel zeitlich praktisch mit der Vorentscheidung zusammen. Plötzlich sah JMB mit seinem Line-up sehr alt aus.

Joachim Deutschland bei der NDR-Pressekonferenz, 2003Joachim Deutschland, RückansichtDa konnte nicht einmal der inszenierte Skandal um Joachim Deutschland noch Interesse erzeugen, dem sehr sexy aussehenden und durchweg sympathischen Rüpelrocker, den Meier-Beer in seiner üblichen Prüderie rauswarf – weil er in einem Song die Töchter von Edmund Stoiber beleidigte, wie die offizielle Begründung lautete. Eigentlicher Auslöser war aber wohl, dass Deutschland bei der Pressekonferenz zum Countdown Grand Prix, vermutlich unter dem Einfluss des Hamburger Schnees, sein wohlgeformtes entblößtes Hinterteil in die Pressekameras hielt. Dazu noch lautete der Refrain seines rotzigen Trennungssongs ‚Marie‘, der Nummer, mit der wir in Riga sicher einen vorderen Rang belegt hätten, „Du Schlampe, Drecksau, ich hoff, es geht Dir schlecht“! Nach der Disqualifikation durch den NDR lief ‚Marie‘ als einziger Vorentscheidungsbeitrag auf MTViva in Rotation und verkaufte auch Platten in nennenswerter Stückzahl.


Wer hätte den nicht gerne zum Macker: das ist Deutschland!

Elmar Brandt bekam übrigens im ersten Durchgang tatsächlich die meisten Stimmen. Mit ihm ins Superfinale kamen Beatbetrieb, unter den Horden aktueller Xavier-Naidoo-Kopisten noch die besten. ‚Woran glaubst Du?‘ fragten sie das Publikum – wie etliche andere schwule Grand-Prix-Fans glaubte ich vor allem, eine Junge-Christen-Kapelle mit den entsprechenden erzkonservativen Ansichten beispielsweise zum Thema Homoehe ebenso um jeden Preis verhindern zu müssen wie den fremdschämpeinlichen Gummikanzler. Und dieser Preis erwies sich als hoch, sehr hoch sogar: er bestand nämlich darin, gegen meine innere Überzeugung für einen Siegel-Titel anrufen zu müssen. Geschickterweise baute Mr. Grand Prix der schwulen Hauptzielgruppe mit der Titelzeile „Let’s get happy and let’s be gay“ eine goldene Brücke. Natürlich war die von Lou Hoffner (DVE 2001) mit Verve vorgetragene, besinnungslose Drumcomputerorgie unendlich schlecht. Aber unter der Superfinalauswahl zwischen Pest, Cholera und Vogelgrippe noch das geringere, und die deutliche Betonung liegt auf dem zweiten Wort, Übel.


In dem Outfit käme sie in Frankfurt in keine „Discotheque“ rein: Lou

Zu dem Song gibt es einen unglaublich campen Zeichentrick-Videoclip, in dem Ralph Siegel mit Hilfe der kreisrunden Lou und einer Überdosis bunter Glückspillen einiger Gotcha-Bällchen auch seine Erzrivalen Stefan Raab (DE 2000, wer sonst sollte der Typ mit dem Goatee und der Baseballcap sein?) und Dieter Bohlen (der Blonde) überzeugen kann, sich seiner sinnlos aufgetriedelten Heiterkeit zu ergeben. Zum Schluss des knallbunten Abenteuers überfährt Bohlen gar noch den bösen grauen Herrn der Langeweile (vermutlich Jürgen Meier-Beer). Zum Schreien komisch und unbedingt sehenswert!


Lou beim Drogenverchecken

Der Rest des Feldes lohnt der Rede eigentlich nicht. DJMDG gab mit ‚Die Seite, wo die Sonne scheint‘ den singenden Friedensaktivisten (an der Seite seines ihn auf dem Flügel begleitenden Vaters), quasi die moderne Inkarnation von Nicole (DE 1982) und Maxi & Chris Garden (DE 1988). Blöd für ihn: für die Schlagerfans sah er nicht unschuldig-bieder genug aus. Und bei der Jugend verspielte er mit seiner seichten Schlagerballade, in der Ironie oder Tiefgang auch mit viel Wohlwollen nicht auszumachen sind, jeden Kredit. Ein weiteres jähes Karriereende. Dass Kultur nicht demokratisch zu organisieren ist, bewies das Ergebnis des von Jan Feddersen betreuten taz-Leserwettbewerbs für den schönsten Songtext. ‚Herz aus Eis‘ erinnerte nicht nur vom Titel her an einen Langnese-Werbesong. Es handelte sich auch tatsächlich um einen langweiligen Schlager voll platter Klischees, den die schöne Senait Mehari dank verpassten Einsatzes und Whitney-im-Endstadium-Gejodels live auch noch gründlich vergeigte.


Von der taz ausgewählt, leider mit einem drögen Song geschlagen: Senait

Einen „ästhetischen Quantensprung“ vollführte der diesjährige Countdown lediglich beim Auftritt der polnischen Band (Ich) Troje. Die hatte zu diesem Zeitpunkt mit dem mehrsprachigen, herzerwärmenden Weltfriedensschlager ‚Żadnych Granic / Keine Grenzen‘ bereits die Eurovisionsvorentscheidung in unserem östlichen Nachbarland gewonnen. Mit ‚Liebe macht Spaß‘ gaben sich Michał Wiśniewski und seine deutsche Ersatzsängerin Elli Mücke dementsprechend weniger Mühe, denn für zwei Länder gleichzeitig durften sie – das hatte die EBU bereits klargestellt – ohnehin nicht antreten. Schade eigentlich! Dennoch machte es Spaß, den beiden im aktuellen FDJ-Schick gestylten Sängern zuzuschauen, wie sie über die Bühne hüpften. Sehr lustig wurde es auch noch mal, als Michał bei der Siegerehrung Lou auf den Arm nahm – vor lauter rot gefärbten Haaren konnte man die Zwei fast gar nicht mehr voneinander unterscheiden.


Bei dem anspruchsvollen Text kann man schon mal durcheinanderkommen: Troje

Unter dem restlichen Füllmaterial fanden sich noch der spätere (DVE 2008, ‚La Histeria‘) Marquess-Frontmann Sascha Pierro mit einem erbärmlichen Schlichtschlager sowie die niedersächsische Girlgroup EarCrash LoveCrush, die angeblich den Talentwettbewerb eines örtlichen Radiosenders gewonnen haben soll. Die vier Elsen schafften es ungelogen, ganze drei Minuten lang schmerzhaft und konsequent jeden einzelnen (!) Ton zu verfehlen. Beim Refrain musste man sich zwar die Ohren zuhalten, um keinen Tinnitus zu erleiden, konnte sich aber an den bedröppelten Gesichter der Kreischgirls weiden, denen ihr Versagen wohl bewusst war. Jeden Moment erwartete man, dass entrüstete Aktivisten von PETA oder einer anderen Tierschutzorganisation die Bühne stürmten, um die Katzen zu retten, die hier dem Ohrenschein nach schlimmste Folter zu durchleiden hatten. Wie auch die Zuschauer! In seiner Faszination des Schreckens entsprach diese Darbietung einem schlimmen Verkehrsunfall auf der Autobahn, bei dem man nicht wegschauen kann, obwohl man will. Aber das ist ja beim Grand Prix oft so.


Womöglich die schlechteste Eurovisionsperformance aller Zeiten

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7 thoughts on “DVE 2003: Ich hoff, es geht Dir schlecht

  1. War zwar alles Schrott, aber wenigstens konnte man noch aus 14 Songs auswählen. Diese Zahl ging ja in den nächsten Jahren runter auf Null.

  2. Ich finde Herz aus Eis soo toll:) und wäre viel besser gewesen als Lets get happy. Zwar hat sie es nicht Perfekt geusngen aber es war sooo toll:) schade das sie es nicht schaffte! lg pasi

  3. „Golden Key“ von Isgaard war in diesem Jahr mein absoluter Favorit – hatte mir dann auch ihre CD zugelegt 😉 Und mit dem Song wären wir beim ESC recht weit gekommen – war ja wohl so ca. die gleiche Musikrichtung wie der belgische Beitrag (Stichwort: Mystera-Sampler), der im Finale den 2. Platz belegte.

  4. Erinnere mich noch sehr gut an diesen Vorentscheid. Wie man einfach nur hoffte dass nicht die Gerd Show gewinnt – als die Nummer sogar unter die letzten drei kam machte ich mir schon ernsthaft Sorgen (man stelle sich vor es hätte damals nur einen Wahlgang gegeben um den Sieger zu ermitteln). Die Gerd Show wäre ein an Sicherheit grenzender Null-Punkte-Kandidat gewesen. Mal ganz abgesehen davon dass der musikalische Wert des Titels gleich null war – nationaler Humor,  noch dazu in unserer Landessprache die der großen Mehrheit der Europäer doch eher fremd ist, hat beim ESC seit jeher keinen Platz.
    Ich meine mich zu erinnern dass ich damals Beatbetrieb den Sieg gegönnt hätte, Lou war dann ein Act mit dem man letzten Endes leben konnte. Der verlinkte Videoclip zu „Let’s Get Happy“ ist ja mal zu genial! Musste erst mal kräftig lachen, wie offensichtlich und unbeholfen da versucht wurde, Siegels „Erzfeinde“ Raab und Bohlen zu karikieren.

  5. Gegönnt hätte ich es Beatbetrieb auch. Allerdings weckt der Song auch ein paar Erinnerungen an das weinerliche „Viel zu weit“ der Münchner Freiheit.

  6. Germany, 12 points, ne? Mit Joachim Deutschland hätte das prima geklappt. Er hätte zwar nicht gewonnen, aber Fünfter wäre er sicherlich geworden.
    Und ich frage mich, wie er überhaupt zum Vorentschied kam, von dem er danach ausgeschlossen wurde, wenn man sich seine Wortwahl durch den Kopf gehen lässt.

    Aber gut, dass es nicht die Gerd-Show wurde, so sehr ich den Steuersong auch liebe. Aber „Alles wird gut“ war nicht gut.

    „Lovecrush“ gewannen nicht nur angeblich den Talentwettbewerb eines örtlichen Radiosenders, sondern – wie eurovision.de zu berichten weiß – den „ffn-Radiostar-Wettbewerb“ des großen niedersächsischen Radiosenders ffn. Die Mädels waren als die Besten unter 3000 Teilnehmern gekürt worden und in der Jury saßen u.a. Lotto King Karl und Nena.
    Und wären die Elsen beim Vorentscheid nicht ganz unten, sondern ganz oben gelandet, hätten sie in jedem Fall in Sachen Talentfreiheit auf der ESC-Bühne die russische Boygroup vom ESC des Vorjahres 2002 bei Weitem übertroffen. Da hat man ja am Ende echt Kopfschmerzen!

    Und der animierte Clip von „Let’s Get Happy“ ist natürlich fantastisch! 🙂
    Auch wenn mit „let’s be gay“ eher „lasst uns fröhlich sein“ gemeint ist („gay“ bedeutet nicht nur „schwul“).

  7. Wer im Jahr 2003 „gay“ in einem Song für den ESC-Vorentscheid verwendet, der kennt die Bedeutung(en) des Begriffs ganz genau. Man kann Ralph Siegel ja vieles nachsagen, aber so hohl ist er dann wohl doch nicht.

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