Albanien 2015: from Zero to Hero

Ein Herz für Randgruppen scheinen sie zu haben, die Skipetaren: als eindrücklichster Auftritt des 53. Festivali i Këngës (FiK), der seit 2004 zur Eurovisionsvorentscheidung genutzten albanischen Variante des feierlichen San-Remo-Festivals, bleibt eine zur Halbzeit eingeschobene, spielerisch-anrührende Vollplaybackperformance des jugendlichen Moderators Turjan Hyska in Begleitung eines aus Kindern aller Altersgruppen mit Down-Syndrom bestehenden Chores in Erinnerung. Aber auch für Ältere war viel Platz beim FiK: so berichtete der schätzungsweise achtzigjährige Enver Petrovci von seinem Besuch in der Oper letzten Sonntag und der darauffolgenden einwöchigen Sauftour durch die Spelunken Tiranas – jedenfalls ließen Outfit (ein fleckenstarrender, zerlumpter Frack und Zylinder), seine Knitterfalten sowie seine Grabesstimme keinen anderen Schluss zu. Sein namenlos bleibender Altersgenosse, der die hamsterbäckige Soulstimme Agim Poshka begleitete, war immerhin noch nicht ganz so stark abgestürzt, sondern knotterte am Bistrotisch sitzend erboste Tiraden über die hohen Brotpreise oder was auch immer in sein Glas Amselfelder. Das aber zumindest in ordentlicher Kleidung.

Aus dem Grab zurück auf die Bühne: Johannes Heesters als Zombie

Es war wie immer ein festlicher, wenn auch musikalisch nicht sehr ergiebiger Abend: gerade mal zwei der 18 Finalbeiträge wiesen so etwas wie eine Ahnung einer als solchen wahrnehmbaren Melodie auf. Nämlich die als große Ballade beginnende und als Schunkelschlager endende ‚Himn‘ des ebenfalls nicht mehr taufrischen Gjergj Leka sowie das erwartungsgemäß siegreiche ‚Diell‘ von Elhaida Dani. Die belegte nach Prinz-Blog-Recherche beim FiK für den ESC 2012 mit null Punkten den letzten Platz, gewann aber im Lieblingsemigrationsland der Skipetaren im Jahr darauf die Castingshow The Voice of Italy und legte nun, mit entsprechender innerer Attitüde und zurückgegelten Haaren ausgestattet, eine triumphale Heimkehr hin. Ihre Midtempoballade besteht aus dem bei den wie immer alleine stimmberechtigten albanischen Juroren (darunter die ihr seinerzeit den Sieg wegschnappende Rona Nishliu, die in Doppelfunktion als Intervalact für den als Stargast angekündigten, aber immer noch schmollenden Alexander Rybak einsprang) so beliebten Mix aus zuckersüßen Geigen und vorsichtig untergehobenen Rockgitarren, vor allem aber aus viel lautem Geschrei. Mit dem obligatorischen massiven Remix könnte daraus etwas zumindest Anhörbares werden, auch wenn es nicht zwingend für einen Finalplatz reichen dürfte. Am besten gefiel mir beim 53. FiK allerdings die bei den Kameraschwenks in das opulente Orchester immer mal wieder eingefangene Streichergruppen-Mitfrau mit dem Doppelkinn, in deren Gesicht sich alle Müdigkeit und Hoffnungslosigkeit der Welt spiegelte, was den Abend irgendwie treffend zusammenfasste.

Ich hoffe mal, auf Englisch klingt der Text harmonischer: Haarlacknixe Elhaida

Die obligatorische Frage: hat Elhaida Dani Chancen aufs Finale?

  • Mit dieser klassischen Eurovisionsballade? Locker! (45%, 27 Votes)
  • Da ist allerdings noch sehr viel Remix-Arbeit nötig. (35%, 21 Votes)
  • Scheiße kann man nicht aufpolieren: das wird nix. (20%, 12 Votes)

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2 Gedanken zu “Albanien 2015: from Zero to Hero

  1. Großes Kino, was da der Mann mit dem Hut brachte! Das Orchester spielt recht laut auf, aber Opa Enver steht nach wie vor wie angewurzelt da und brummt sein Lied ins Mikrofon. Klasse!

    Bei Elhaida merkt man sehr, dass „The Voice“ auf der Bühne stand. Nicht, dass ich das Lied irgendwie schlecht finden würde, aber eine Kürzung auf drei Minuten ist hier mehr als notwendig. Das ist fast schon Hersi mit einem Schuss Rona: Genauso wie beim letzten FiK-Siegertitel ist beim ersten Hören keine Trennung von Refrain und Strophen erkennbar – zumindest für mich. Aber was soll’s? Wichtiger ist es dann doch eher, die Dezibel in die Höhe zu treiben. Damit hatte man ja 2012 gefühlt gewonnen (in die Nähe des fünften Platzes kamen die Skipetaren sonst von der Premiere abgesehen nie). Aber das ist jetzt schon großes castingtypisches Emotionskino.

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