Finale 2017: Gift im Instrument

Es war ein denkwürdiger Abend der Verzauberung am gestrigen Samstag in Kiew. Ein Mann schaffte es, einem ganzen Kontinent den Kopf zu verdrehen und Millionen von Menschen tief in ihren Herzen berühren. Und das mit einer extrem zurückgenommenen Inszenierung und einem völlig aus der Zeit gefallenen Lied, das klang, als sei es für eine romantische Filmschnulze aus den Fünfzigerjahren geschrieben worden, bei dem man im eigenen Kopfkino die junge Audrey Hepburn mit tränenvernebeltem Blick durch das schwarzweiß fotografierte Lissabon spazieren sehen konnte. Salvador Sobral, so der Name des koboldhaften jungen Portugiesen, verweigerte sich als Einziger der 26 Finalacts der Nutzung der gigantischen, futuristisch aufgebrezelten Showbühne im Internationalen Ausstellungszentrum der ukrainischen Metropole und sang stattdessen inmitten des andächtig schweigenden, von seiner intimen Darbietung ebenso wie die Fernsehzuschauer/innen tief ergriffenen Hallenpublikums auf der kleinen Satellitenbühne stehend seine zerbrechliche, hauchzarte Trennungsschmerzballade ‚Amar pelos Dois‘, ein flehendes Abschiedslied an seine Verflossene, in welcher er in poetischen Worten seine Trauer, seine noch immer sanft glimmende Hoffnung auf eine Rückkehr der Geliebten und seine Entschlossenheit, seine Liebe niemals sterben zu lassen, vor uns ausgoß. Was ich im Übrigen nur weiß, weil ich die Übersetzung seines in Landessprache verfassten Songtextes gegoogelt habe. Doch die Sprachbarriere spielte keine Rolle: auch ohne ein Wort zu verstehen, konnte man die mit dem Lied verbundenen Emotionen fühlen, ja geradezu mit Händen greifen. Die Bildregie des veranstaltenden Senders blendete im Anschluss an seinen Auftritt in den Green Room, wo sich die armenische Teilnehmerin Artsvik Harutyunyan gerade ein Tränchen aus dem Auge wischte und damit wohl auf den Punkt brachte, was wir alle (oder jedenfalls alle mit einem offenen Herzen) in diesem Moment empfanden. Es war eine seltener Moment der Überwältigung, ein Sieg der „Musik, die wirklich etwas ausdrückt,“ wie der portugiesische Adelsspross sagte, als man ihn am Ende des Abends zur Reprise auf die Bühne holte.

Jackett frisst Künstler: Hutzelmännchen Salvador überzeugte dennoch (PT)

Überwältigend auch das Ergebnis: Salvador konnte nicht nur den langersehnten, ersten Sieg seines Landes beim Eurovision Song Contest sichern, sondern auch einen neuen Punkterekord holen. Gleichermaßen fand er sowohl bei den Jurys als auch beim Publikum Anklang, die ihn unisono zum König der Herzen krönten. Und ja: wie schon der vorhergehende Siegertitel, ‚1944‘ von Jamala, wird sein Lied nicht die europäischen Charts stürmen, wird keinerlei Radio-Airplay generieren, wird selbst in hart gesottenen Fan-Zirkeln kaum mehr angehört werden, kaum dass dieser Abend vorüber ist und die freudigen Nachwellen um den kaum noch für möglichen gehaltenen Sieg des kleinen, sympathischen Außenseiterlandes und seines sympathischen Außenseiterkandidaten abgeebbt sind. Aber darum geht es längst nicht mehr bei der größten TV-Unterhaltungsshow der Welt: in den Zeiten digitaler Downloads und durch Internetstreams jederzeit grenzenlos verfügbarer Musik sind Verkaufshitparaden, die früher noch zum Abgleich der Relevanz des Eurovision Song Contest mit der realen Popwelt dienten, längst irrelevant geworden und haben ihre Aussagekraft verloren. Der magische Moment der Verzauberung hingegen, er ist heute noch so entscheidend wie schon in den Fünfzigern, er ist das, was im kollektiven Gedächtnis bleiben wird. Und er kann nur erschaffen werden von jemandem, der ein wirkliches Anliegen hat, der eine Geschichte erzählen möchte, der an das glaubt, was er da tut, so wie man es bei dem Portugiesen in jeder Sekunde spürte. Mit Sobral siegte ein Teilnehmer, der sich der perfekten Show, dem auf dem Reißbrett konstruierten Lied, der „Plastikmusik“, wie er es nennt, verweigert und der damit so ziemlich gegen alles steht, was die EBU mit dem Wettbewerb in den letzten Jahren angestellt hat.

Fast vier Stunden volles Programm: das Finale des ESC 2017 am Stück

Bände spricht dabei der Umgang der Genfer mit dem Engagement des Portugiesen für Flüchtlinge. In der Pressekonferenz nach dem ersten Semifinale am vergangenen Dienstag, das Salvador ebenfalls einhellig gewann, trug er ein „S.O.S. Refugees“-T-Shirt und erläuterte, von einem Journalisten darauf angesprochen, was jeder verständige Mensch eigentlich auch so weiß, was aber in der hasserfüllten öffentliche Debatte der letzten Zeit in den Hintergrund geraten ist: dass die derzeit vom Krieg in ihren Heimatländern zu uns fliehenden Menschen keine normalen Immigranten seien, sondern nur versuchten, „dem Tod zu entkommen,“ und dass man ihnen keine unnötigen bürokratischen Hürden in den Weg legen dürfe, wie das zurzeit geschehe, sondern vielmehr „legale, sichere“ Einreisemöglichkeiten für sie schaffen müsse. Eine von Herzen kommende humanitäre Botschaft also, die doch eigentlich ganz im Sinne der sich selbst stets gerne als Speerspitze der Demokratie und der Menschenrechte inszenierenden EBU sein sollte und die unter den anwesenden Fans auch ungeteilten Beifall fand. Stattdessen aber trat man von offizieller Seite mit der Bitte an die portugiesische Delegation heran, dass der zu diesem Zeitpunkt in den Wettbüros bereits als Sieger gehandelte Künstler das Shirt mit der als „politisch“ empfundenen Botschaft künftig nicht mehr tragen solle. Und auch, wenn man natürlich spätestens seit den Vorfällen rund um den Eurovision Song Contest 2012 in Baku, bei dem man sich in Genf gerne zum Steigbügelhalter eines autoritären Regimes machte, weiß, dass die Selbstbeweihräucherung der Europäischen Rundfunkunion als Gralshüterin der Meinungsfreiheit nichts als Folklore ist, so kann ich doch an dieser Stelle nicht so viel essen, wie ich kotzen möchte. Zumal die EBU – richtigerweise! – keinerlei Probleme damit hatte, dass der ebenfalls als Siegeskandidat geltende italienische Vertreter Francesco Gabbani sich für seinen Auftritt einen Streifen in den Farben der Regenbogenflagge in seinen Anzug genäht hatte und damit als Botschafter für die Rechte der LGBTI-Community fungierte. Selbst das für seine gesellschaftliche Akzeptanz Schwuler und Lesben nicht gerade berühmte Gastgeberland wollte im Bemühen um die Wahrnehmung als fortschrittliche, offene Nation im Zuge der Eurovisions-Festwochen in Kiew noch ein ehemaliges Denkmal der russisch-ukrainischen Völkerfreundschaft zum überdimensionalen Regenbogen umstreichen lassen, brach das Vorhaben nach der gewalttätigen Einmischung nationalistischer Kreise aber mittendrin ab.

„Die Vielfalt feiern“ (so das Contestmotto), aber gleichzeitig die Festung Europa ausbauen? Nicht richtig, findet Salvador

Doch zurück zur Musik: die Verzauberung, die von Salvador ausging, überschattete die Strahlkraft eines weiteren außergewöhnlichen Beitrags, nämlich von ‚Occidentali’s Karma‘, dem fröhlich-eingängigen Popsong mit den tiefgehenden Lyrics des soeben erwähnten Italieners. Was natürlich auch daran gelegen haben könnte, dass der supercharmante Francesco aufgrund der völlig antiquierten und dringend überarbeitungsbedürftigen → Drei-Minuten-Regel gezwungen war, das Hackebeil an sein Canzone zu legen und die zweite Strophe brutal zu amputieren. Dies nahm seinem ebenfalls landessprachlich vorgetragenen Text, einer hochgradig cleveren Kritik am werteentleerten westlichen Lebensstil und seiner völlig oberflächlichen Vereinnahmung fernöstlicher Philosophien und Religionen, viel von seiner ursprünglichen, bissigen Kraft. Dennoch erstaunt es, im welchem Ausmaß ausgerechnet die Jurys den Song verschmähten. Was nur den einen Schluss zulässt: dass nämlich die völlig oberflächlichen und wertschätzungsfreien Juroren nicht weiter zu sehen vermochten als bis zu dem Tänzer im Gorillakostüm, den Francesco mit auf die Bühne brachte und den die Wertungsmafiosi meinten, in altbewährter Gimmicks-sind-böse-Manier abstrafen zu müssen. Während es dem deutlich intelligenteren Publikum vorbehalten blieb, den Sinn der Inszenierung zu durchschauen, nämlich den inhaltlichen Bezug zur zentralen Textstelle „la Scimmia nuda balla“ („der nackte Affe tanzt“), mit dem der Italiener auf das Buch ‚Der nackte Affe‘ von Desmond Morris rekurrierte, einem der Wegbereiter zeitgenössischer Philosophie, der damit den Menschen als haarlosen Primaten bezeichnete. Nehmen wir die heimische Jury als Beispiel: während die deutschen Televoter/innen wenigstens noch vier Punkte erübrigten, gab es von Nicole (→ DE 1982), Joy Denalane, Produzent Andreas Herbig, Adel Tawil und DSDS-Zögling Wincent Weiss nichts. Und ja, ich möchte jeden einzelnen von ihnen dafür ins Gesicht schlagen vor Wut. Oder nein, das ist falsch. Schlechter Geschmack ist ja nicht strafbar und deren Privatsache. Geschlagen gehören die EBU-Verantwortlichen und Juryfreunde, die glauben, die Einzelmeinung dieser fünf Personen sei aus irgendeinem mirakulösen Grunde um ein Zwanzigtausendfaches wertvoller als die der Anrufer/innen. So oder so: mit Rang sechs bleibt ‚Occidentali’s Karma‘ sträflich unterbewertet.

Haltet die Welt an, es fehlt ein Stück (IT)

Das gilt auch für den ungarischen Roma-Rapper Joci Pápai, der seinen Beitrag ‚Origo‘ ebenfalls in Landessprache darbot und damit ebenfalls einen bewegenden Moment schuf. Auch bei ihm musste man die Worte nicht verstehen, um den darin liegenden tiefen Schmerz über die noch immer bestehenden massiven Vorurteile gegen sein Volk, das nicht nur in seinem Heimatland nach wie vor unter massiver Verfolgung und sozialer Ächtung leidet, aber auch seinen unbändigen Stolz auf seine Kultur und seine Begabung als Musiker zu spüren. Der in einer westeuropäische Ignoranten wie mich unwillkürlich an eine Zirkusdirektorenuniform erinnernden Tracht auftretende und bei seinem Vortrag völlig in sich versunkene, nicht mal die Andeutung eines anbiedernden Lächelns übrig habende Künstler erzählte von seiner Gitarre, in deren Tönen „die Tränen Tausender klingen“ und die eine Waffe sei, die Gott ihm in die Hand gegeben habe: „es ist ein Gift im Instrument,“ so Joci, „viele Leute habe ich damit getränkt“. Ein wenig martialisch vielleicht, doch kraftvoll in der Metapher, und das übertrug sich auch in der Musik. Das Publikum spürte und belohnte das wenigstens noch mit rund 150 Punkten, drei Mal so vielen, wie die professionellen Juroren bei sich finden konnten, die wohl angesichts der Schwächlichkeit des üblicherweise von ihnen verbrochenen, radiofreundlichen Geplodderes berechtigte Minderwertigkeitskomplexe empfanden und diese in Ablehnung wandelten. Anders jedenfalls lässt sich die Platzierung auf Rang 8 nicht erklären.

The whole World’s Pain (HU)

Ebenfalls auf die Landessprache setzten (erstmalig) Weißrussland und (leider nicht ganz konsequent) Frankreich. Das Nachbarland der Ukraine entsandt (nach beherztem Eingreifen der Jury im heimischen Vorentscheid) ein fröhliches Folkduo, das von der ‚Historyja majho žyccia‘, der Geschichte ihres Lebens, berichtete, welches bislang ziemlich sonnig und sorgenfrei verlaufen sein muss, denn es dominierten die „Hey! Hey!“-Mitsingparts in dem BPM-stärksten Beitrag des aktuellen Jahrgangs. Die gute Laune der Naviband wirkte dabei jedoch keinesfalls aufgesetzt und angenehm ansteckend, und so reichte es für einen komfortablen Finaleinzug und einen guten Mittelfeldplatz. Bitte mehr davon! Für eine angenehme Überraschung sorgte die Französin Alexandra Maquet alias Alma, vom selben Komponisten – Nazim Khaled –  mit einem rundheraus fantastischen Beitrag versorgt, der schon den Vorjahresherzbuben Amir Haddad so gut bestückte. Das melancholisch-flotte ‚Requiem‘ setzte sich auf äußerst erbauliche, ebenfalls sehr poetische Weise mit philosophischen Fragen nach Leben und Tod auseinander und erwies sich in der Studiofassung als echte Song-Contest-Perle. Bei Liveauftritten Almas im Vorfeld der Festspiele klang das Ganze dann allerdings weniger erquicklich, was zum einen an dem überflüssigen stellenweisen Wechsel ins Englische lag, hauptsächlich aber am horrenden Gesang der sichtbar überforderten Chanteuse. Erstaunlicherweise bekam es das gallische Team am Samstag aber irgendwie hin, es gut klingen (und vermittels eines fantastischen Backdrops mit der computeranimierten Kulisse von Paris bei Nacht zudem gut aussehen) zu lassen. Auch die Sängerin selbst wirkte befreit und nicht mehr ganz so steckensteif, wie man sie bislang kannte. Ein guter zehnter Rang im Televoting war der angemessene Lohn. Dennoch wünsche ich mir stark, dass Herr Khaled beim nächsten Mal jemanden nimmt, der nicht nur gut aussieht, sondern seine Lieder auch so fabelhaft interpretiert, wie es das Material verlangt. Denn dann könnte es nach dreißigjähriger Pause mal wieder nach Paris gehen.

Embrasse-moi, tell me that you love me! Mais certainment! (FR)

Neben der Ansteckungskraft authentischer Gefühle und der Philosophie hielt der 62. Eurovision Song Contest zum Glück aber auch noch etwas Platz für schlichten Spaß parat. Den lieferten in diesem Jahr die balkanesischen Bruderländer Moldawien und Rumänien. Das im Vorjahr noch aus pekuniären Gründen rüde ausgeschlossene Land bediente sich dabei einer uralten Gesangstradition der Bergvölker, die nicht nur im Alpenraum und in der Volkstümlichen Hitparade ihr Zuhause hat, sondern auch in den Karpaten: des Jodelns nämlich! Aufgepeppt mit einer Rap-Einlage und generischem Pop, fand das von Ilinca Băcilă und Axel Florea energisch und gesanglich tadellos vorgetragene ‚Yodel it!‘ so großen Zuspruch bei den Zuschauer/innen, dass noch nicht einmal die stur strafvotenden Spielverderber/innen von der Jury etwas gegen die Top-Ten-Platzierung des kommenden Skihütten-Hits ausrichten konnten. Genau so wenig übrigens wie beim moldawischen Bierzeltstampfer ‚Hey Mamma!‘, mit dem das SunStroke Project (→ MD 2010) – natürlich nur echt mit dem Epic Sax Guy – zum Contest zurückkehrte und seinem Land nach dreijähriger Durststrecke eine Bronzemedaille und damit die beste Platzierung bis dato holte. Die drei blondierten Jungs studierten zu ihrem sexistischen Stumpf-ist-Trumpf-Knaller eine lustig anzuschauende Fußstampf-Choreographie und nahmen sich zur Verstärkung drei singende Bräute mit – komplett mit Trickkleid und mit als Blumenstrauß verkleideten Mikrofonen. Damit folgten sie einem der in diesem Jahr virulenten Inszenierungstrends, spielten Hochzeitskleider doch bei dermaßen vielen Auftritten eine zentrale Rolle, dass Fans schon vermuteten, dass in der Ukraine in den nächsten Monaten keine Vermählungen mehr stattfinden können, weil die entsprechenden Brautmodeläden komplett ausverkauft sein müssen.

Laka (BA 2008) hat angerufen und will seine Braut zurück (MD)

Als weiterer Trend ließ sich die Rückkehr zur Infantilisierung des Wettbewerbs ausmachen. Eine ganze Reihe gerade erst siebzehnjähriger Teenager nahm an diesem Wettbewerb teil, teils deutlich erwachsener wirkend. Wie zum Beispiel die blasse Belgierin Blanche, die zwar offensichtlich unter höllischem Lampenfieber litt und im zweiten Semifinale wirkte, als nässe sie sich vor Panik gleich ein, während sie am Samstag etwas mehr Selbstvertrauen geschöpft hatte und zwischendrin sogar mal ansatzweise lächelte, die aber aufgrund ihrer erstaunlich tiefen Stimme und ihrer Körpergröße alles andere als einen kindlichen Eindruck hinterließ. Ihren fantastischen, unbestimmt apokalyptisch-düsteren Elektrokracher ‚City Lights‘ retteten in der Qualifikationsrunde die verständigen Televoter/innen vor dem Ausscheiden. Danke dafür, denn der Song hat absolut das Zeug zu einem europaweiten Hit! Im krassen Gegensatz zu ihr stand der Silbermedaillengewinner Kristian Kostov aus Bulgarien, der erste in diesem Jahrtausend geborene Grand-Prix-Künstler (Gott, ich bin so alt!), der allerdings aussah wie ein Zwölfjähriger. Oder vielmehr wie eine zwölfjährige Lesbenanwärterin. Sein passend betitelter Song ‚Beautiful Mess‘ besetzte in diesem Jahr den Emmelie-de-Forest-Slot für den Beitrag, den scheinbar alle anderen außer mir toll finden und der an mir einfach nur vorüberzieht, ohne den geringsten Eindruck zu hinterlassen. A propos Emmelie: die dänische Siegerin von 2013 schrieb den britischen Beitrag 2017, das angesichts des Brexit beinahe sarkastische ‚Never give up on you‘, von der äußerst robusten Musicalsängerin Lucie Jones im für eine Frau ihrer Statur irgendwie unpassenden Goldlamékleidchen und vor einer Art illuminierter Kurmuschel stimmkompetent vorgetragen. Und von den Jurys, für welche die Ballade ohrenhörlich konzipiert wurde, angemessen bepunktet.

Zum Thema „beiläufig wirkende Handbewegungen“ gehst Du aber vielleicht noch mal bei Mary Roos in die Schule, Liebes! (BE)

Den Car-Crash des Jahrgangs lieferte zweifellos der Kroate Jacques Houdek ab, den der Sender HRT nach unzähligen gescheiterten Versuchen bei der EMA als singende Discokugel heuer direkt nominierte, vermutlich, um es endlich hinter sich zu haben. Der menschgewordene Marshmallow-Mann trat mit einer jeglicher Beschreibung spottenden Musicalnummer an, bei der er abwechselnd in Tenorlage und mit mädchenhaft hoher Pop-Stimme sang, was er durch eine Halb-und-Halb-Verkleidung mit Frack und Lederjacke visualisierte. Wobei das Vorbild für letzteres Utensil fraglos im Videoclip von Michael Jacksons Pop-Klassiker ‚Bad‘ zu finden ist, einer, wenn man mal darüber nachdenkt, mindestens genau so schrägen und unglaubwürdigen Inszenierung eines offensichtlich fehl in seinem Körper seienden Diana-Ross-Anbeters als vermeintlich böser Bube. Nur, dass man – und ja, ich bringe selbst nicht sehr viel weniger als der Kroate auf die Waage und ich peitsche mich für diesen Gedankengang gerade fortwährend aus, während ich ihn aufschreibe – während Houdeks Darbietung im Kopfradio stattdessen fortwährend die Zeile „You know, I’m fat / I’m fat / Really, really fat“ laufen hörte. Das angenehm gruselige audiovisuelle Entsetzen über diese drei Minuten bester Unterhaltung lenkten jedoch leider davon ab, dass es sich bei seinem Titel ‚My Friend‘ mit ihrem hoch pathetischen Text eigentlich um eine an ihn selbst gerichtete Coming-Out-Nummer handelte, mit welcher der im Heimatland gerüchteweise homophober Äußerungen (die er bereits dementierte) bezichtigte, heterosexuell verheiratete Familienvater sich und anderen Schrankschwulen Mut zusingen wollte, den schmerzlichen Weg der Freiheit zu gehen.

Zwei Stimmen wohnen, ach, in meiner Brust: Jacques Houdek (HR)

Gehen ist etwas, das der Botox-Boy Robin Bengtsson indes nicht mehr kann. So behauptete er es jedenfalls in seinem ultrahochglanzpolierten Schwedenschlager ‚I can’t go on‘. Nur, um diese Aussage mit seiner Inszenierung auf einem Fitnesstudio-Laufband (!) Lügen zu strafen. Das in seiner Choreografie gerne und oft verwendete Handzeichen des zum „O“ geformten Daumens und Zeigefingers hat bekanntlich je nach Kulturkreis unterschiedliche Bedeutungen, von „sehr gut“ über eine Beleidigung bis hin zum Obszönen (nämlich in Form der damit angedeuteten Vagina). So verhält es sich auch mit Robins Songtext, der mit viel gutem Willen als Kompliment über die Schönheit seiner Angebeteten gelesen werden kann, realistischerweise aber auch als eine Art Date-Rape-Song, in welchem der dank seines bis zur Mimikunfähigkeit gespritzten Gesichts einen ziemlich schleimigen Eindruck hinterlassende Schwede sogar durchscheinen lässt, auf welche Art er es tun möchte: „Hands down to the Floor“ bietet da wenig Interpretationsspielraum. Als dermaßen sexistisch erweist sich die Nummer, dass ich stündlich darauf warte, dass Roland Kaiser (→ Vorentscheid DE 1980) sie covert und mit der deutschen Hookline „Ich kann nicht gehn / hab einen stehn / denn Du bist so verfickt wunderschön“ versieht. Doch nicht nur Schweden schickte einen singenden Wüstling, sondern auch Spanien. Der Surferboy Manel Navarro, als ungeliebter Sieger einer im Tumult geendeten Vorentscheidung von der sich im Klammergriff der Musikindustrie befindlichen Jury gegen den Willen der Zuschauer/innen nach Kiew manipuliert, versuchte in seinem hoch repetitiven Sommer-und-Strand-Song ‚Do it for your Lover‘ eine arme Maid durch pausenloses Totnerven zu einer nicht näher spezifizierten Handlung zu überreden, von welcher sie sich mit Sicherheit eine hartnäckige Infektion einfangen würde. Doch das Karma schlug zurück: Navarro jaulte dermaßen ohrenzerreißend schief, dass das Befürchtete eintrat und er uns den letzten Platz in der Gesamtwertung (und damit das goldene Rote-Laternen-Triple) wegnahm.

Kellerkind Robin und seine Anwaltspossee (SE)

Die deutsche Diseuse Levina Lueen vermochte, dank einer großzügigen Drei-Punkte-Spende des Schweizer Publikums, einen sensationellen vorletzten Rang klarzumachen. Was möglicherweise auch damit zu tun hatte, dass die ARD ganz offiziell per laufender Bildunterschrift die sich außerhalb des Heimatlandes befindlichen Zuschauer/innen (erstmals übertrug auch das Auslandsfernsehen der Deutschen Welle) so massiv wie schamlos dazu aufforderte, von dort aus für Deutschland anzurufen. Wie tief sind wir eigentlich schon gesunken? Der Kommentator Peter Urban und die Rahmenprogramm-Moderatorin Barbara Schöneberger zeigten sich angesichts des mauvaisen Ergebnisses pflichtgemäß fassungs- und ahnungslos. Und betonten, völlig zu Recht, dass es an der vom Sender in sämtlichen Einspielern als Miss Congeniality inszenierten Interpretin nicht lag: die hatte nun, bei ihrem Auftritt strahlend wie eine frisch vom Heiligen Geist geschwängerte, jugendliche Carola (→ SE 1983, 1991, 2006), wirklich ihr Bestes gegeben. Aber auch sie verfügte nicht über Superheldinnenkräfte und vermochte nun mal aus einer liedgewordenen Sounddiarrhoea keinen Diamanten zu formen. Solange die Songfindungskommission des NDR weiterhin mit Menschen bestückt bleibt, die irrtümlich glauben, ihre Aufgabe liege darin, einen möglichst ecken- und kantenfreien, auf keinen Fall irgendwie auffälligen Song herauszusieben, der im Dudelfunk gespielt werden könnte, ohne irgendjemand zu verschrecken; solange man sich in Hamburg daher weiterhin von „internationalen Hitmachern“ irgendwelche aus gutem Grund unverkäuflichen Albumfülltitel andrehen lässt – solange kämpfen wir beim größten Musikwettbewerb der Welt weiterhin ausschließlich ums Schlusslicht.

Overselling it: da stürzte Levina vor lauter energischem Köpfchenschütteln doch glatt die Fönwelle ins Gesicht (DE)

Rechnerisch besser, dramaturgisch aber noch bitterer als für Levina lief es für den Tiroler Nathan Trent, ursprünglich mal in der Auswahl der Besten 33 für den deutschen Vorentscheid 2017 dabei, dann aber vom ORF mit dem Lockmittel, einen von ihm selbst geschriebenen Song vortragen zu können, weggeschnappt. Sein wolkenwatteweiches Liedlein ‚Walking on Air‘ gab zunächst ebenfalls wenig Anlass zur Hoffnung. Doch dann fuhren die Österreicher eine geschickte Inszenierung mit dem rundweg sympathischen Dauergrinser als Mann im Mond auf, die visuell so beeindruckte, dass man die öde Musik darüber fast vergaß. Und nachdem Nathan damit den Finaleinzug packte, konnte der blonde Charmebolzen mit guten Grund glauben, es geschafft zu haben und von allen geliebt zu werden. Im zweigeteilten Final-Voting am Samstagabend übergossen ihn die Juroren denn auch verhältnismäßig freundlich mit 93 Punkten: kein Spitzenergebnis, aber eine solide Ausgangsbasis, so sollte man meinen. Um so brutaler die eiskalte Realitäts-Dusche zum Auftakt der Zuschauerabstimmung, als es für Nathanaele ganz null Punkte gab. Wie sich in der Nacht noch herausstellte, hatten die Juroren den Ahnungslosen ausgetrickst und bereits in der Qualifikationsrunde gegen den Publikumswillen ins Finale gemogelt, um ihn dort vor die Wand laufen zu lassen. Wie bösartig! Genauso machten sie es übrigens auch mit dem australischen Epheben Isaiah Firebrace und seiner nicht minder langweiligen Kräutlein-rühr-mich-nicht-an-Ballade ‚Don’t come easy‘, nur dass hier der Punktesplit noch monumentaler ausfiel. Zwei magere Zähler von den Zuschauer/innen, aber 171 Punkte von der Jury – ob der blutjunge Aborigine den Profi-Wertern eine Abkehr von seiner Preispolitik („I don’t come cheap“) versprach oder sie etwas völlig anderes hörten und sahen als der Rest der Menschheit, bleibt ein Rätsel. Oder gab es eine (natürlich inoffizielle) Direktive der EBU, dass das erst zum dritten Mal startende, geologisch definitiv nichteuropäische Land ins Finale kommen muss, um keine Kritik an dessen Teilnahme aufkommen zu lassen?

Der Justin Timberlake aus Tirol: Nathan bezirzte nur die Juroren (AT)

Im Arsch ist nunmehr jedenfalls der Ruf der Ukraine (deren nicht rockende Rockband O.Torvald erwartungsgemäß weit hinten landete) als Eurovisions-Austragungsland. Zum einen aufgrund der mehr als chaotischen Organisation im Vorfeld mit mehreren Rücktritten von Senderverantwortlichen und einem in letzter Sekunde von der EBU erzwungenen Fly-in von Mello-Mastermind Christer Björkman (→ SE 1992) plus des schwedischen Produktionsteams als Retter des Abendlandes. Zum zweiten wegen eines für die Security mehr als peinlichen Vorfalls während der Wertungspause, als ein australischer Hooligan der als australischer Fan verkleidete notorische Störer Vitalii Sediuk die Satellitenbühne stürmte, auf welcher die Vorjahressiegerin Jamala gerade ihre aktuelle, seltsam farblose Single präsentierte, und sein nacktes Hinterteil in die Kamera streckte. Was, wenn man ehrlich ist, als Einziges von diesen drei Minuten bzw. dem gesamten Rahmenprogramm des ukrainischen Fernsehens in Erinnerung bleibt. Drittens aber, und man mag es schon gar nicht mehr aufschreiben, weil es so furchtbar ist: das unnötige Drama um die russische Teilnehmerin Julia Samaylova, von der Föderation im Wissen um einen Auftritt der Rollstuhlfahrerin auf der annektierten Krim nur zu dem einzigen Zwecke nominiert, den Kriegsgegner Ukraine alt aussehen zu lassen und das – dann auch prompt verhängte – Einreiseverbot zu provozieren. Zum Thema wurde bereits alles gesagt, verloren haben alle vier beteiligten Parteien: Russland, dass sich als Opfer darstellt, für jedermann klar erkennbar aber der Täter ist; die Ukraine, von Russland am Nasenring durch die Manege geführt und so oder so in einer schlechten Position: hätte man nachgegeben und Julia zugelassen, hätte man Schwäche gezeigt – so aber präsentierte man sich der Welt als kleinlich und unbarmherzig; die völlig hilflos und einseitig agierende EBU, welche das Schlamassel durch ihre eigene Laxheit im Vorfeld zu verantworten hat; und schließlich die Sängerin selbst, die sich spätestens durch ihren neuerlichen Krim-Auftritt am Tag des ersten Semifinales (und russischen Zweiter-Weltkrieg-Feiertag) endgültig um jede Sympathie brachte und ihr wahres Gesicht als willfährige Provokateurin offenbarte.

Viel Licht, aber auch viel Schatten beim ESC 2017 (NL)

Es bleibt zu hoffen, dass man in Genf nun die richtigen Lehren zieht und seine Austragungsregularien vorausschauend verschärft. Denn bei allem verbalen Ramtamtam um den Eurovision Song Contest als jährliche Zelebration der europäischen Einigkeit und Freiheit: es ist nun mal nicht alles Friede, Freude, Einschaltquoten. Man kann sich nicht mehr länger um die Diskussion um den Umgang mit totalitären und semidemokratischen Regierungen drücken. Wie das Beispiel Baku gezeigt hat, führt das temporäre Einfallen des eurovisionären Wanderzirkusses in einem Unterdrückungsstaat eben nicht zu einer Infektion des Landes mit dem Virus der Demokratie, werden Regimekritiker dort weiterhin gnadenlos weggesperrt. Auch die (vergleichsweise eher kindischen) Kabbeleien zwischen Armenien und Aserbaidschan zeigen, dass Auseinandersetzungen eben auch in den Contest getragen werden, und es hilft nichts, sich die Ohren zuzuhalten und „ich bin aber unpolitisch!“ zu rufen. Das allermindeste, was jetzt passieren muss, ist eine verbindliche Regel, die besagt, dass ein Land, welches den Wettbewerb austragen will, die Teilnahme aller Nationen gewährleisten muss, auch wenn dies nationalen Vorschriften widerspricht, und die andernfalls eine Verlegung der Show in ein anderes Land nach sich zieht. Auch wenn man sich in Portugal diesbezüglich sicher keine Gedanken machen muss. Noch besser wäre, die EBU würde verbindliche, nachprüfbare demokratische Mindeststandards, beispielsweise in Sachen Meinungs- und Pressefreiheit oder Minderheitenrechte aufstellen und die Nationen, welche diese nicht erfüllen, rauswerfen. Denn der Contest ist nun mal, ob man das will oder nicht, politisch, und dies zu leugnen, macht alles nur noch schlimmer.

ESC 2017, Finale

Finale des Eurovision Song Contest 2017, Samstag, der 13. Mai 2017, 21 Uhr, aus dem International Exhibition Center in Kiew, Ukraine. Moderation: Oleksandr Skichko, Volodymyr Ostapchuk und Timur Miroshnychenko, 26 Teilnehmer.
#LKInterpretTitelPkt
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TV
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01ILImri ZivI feel alive0392300523
02PLKasia MośFlashlight0642204112
03BYNaviHistoryja majho žyccia0831703313
04ATNathan TrentRunning on Air0931600026
05AMArtsvik HarutyunyanFly with me0791802118
06NLO'geneLights and Shadows1501101519
07MDSunStroke ProjectHey Mamma!3740326403
08HUJoci PápaiOrigo2000815207
09ITFrancesco GabbaniOccidentali's Karma3340620806
10DKAnja NissenWhere I am0772000821
11PTSalvador SobralAmar pelos Dois7580137601
12AZDiHajSkeletons1201404211
13HRJacques HoudekMy Friend1281310309
14AUIsaiah FirebraceDon't come easy1730900225
15GRDemyThis is Love0771902915
16ESManel NavarroDo it for your Lover0052600522
17NOJowstGrab the Moment1581002916
18UKLucie JonesNever give up on you1111501220
19CYHovig DemirjanGravity0682103214
20ROIlinca Băcilă + Axel FloreaYodel it!2820722405
21DELevina LueenPerfect Life0062500324
22UAO.TorvaldTime0362402417
23BEBlancheCity Lights3630425504
24SERobin BengtssonI can't go on3440512608
25BGKristian KostovBeautiful Mess6150233702
26FRAlmaRequiem1351209010

16 Gedanken zu “Finale 2017: Gift im Instrument

  1. @ Meikel

    Beides. Drei Jury-Punkte aus Irland, drei Televoting-Punkte aus der Schweiz.

  2. @Peter Edelweiß. natürlich wird dies nicht erwähnt. Die Argumente werden ja selektiv wahrgenommen, je nachdem ob sie das leidige Jurybashing unterstützen oder nicht.

  3. Ach ja. Ein in Landessprache vorgetragenes Lied, in dem echte Emotionen durchklingen, gewinnt, und ein reiner Spaßbeitrag aus Osteuropa landet in den Medaillenrängen. Schön war das.

    Aber genug von Helsinki 2007.

    Ich verstehe es nicht. Was für den Hausherrn dieses Jahr Bulgarien war – der Song, den alle außer einem selbst super finden – war für mich und meine Mitzuschauer Portugal. Das war nicht emotional, das war auch nicht „authentisch“, das war schlicht langweilig. Und scheinheilig ist es obendrein, denn natürlich ist dieser Auftritt kein Stück weniger durchgeplant als Schweden oder Italien – nur eben in die andere Richtung. Das war bei Serbien 2007 letztlich auch so, aber mit dem nicht unwichtigen Unterschied, dass das Lied mich damals erreicht hat. „Amar pelos dois“ hingegen finde ich – und fanden alle, die mit mir im Raum waren – so interessant wie einen leeren Eimer aus Luft und so berührend wie meine letztjährige Steuererklärung.

    Aber das ist nicht das Schlimmste an diesem Sieg (der den Portugiesen nach 53 Jahren gegönnt sei, und ich gestehe auch sofort, dass der Fehler wohl bei mir liegen muss, wenn ich es nicht begreife). Das Schlimme ist die Flut an Imitatoren, die jetzt zu erwarten steht, und die wahrscheinlich alle die falschen Schlüsse aus diesem Sieg ziehen werden. Ich hoffe, dass zumindest in einigen Ländern eine Art Absetzbewegung von der Balladenflut der letzten Jahre einsetzt, aber mit diesem Song als Sieger dürfte das das Pfeifen im Walde sein.

    2016 und 2017 gehörten schon zu den langweiligeren Jahrgängen des ESC (17 nicht ganz so schlimm wie 16, zugegeben). Bitte gib, wer auch immer verantwortlich ist, dass 2018 nicht noch langweiliger wird.

  4. Amar Pelos Dois wird den Test der Zeit überstehen und zukünftig in jedem Jazz-Fakebook zu finden sein.
    Natürlich wird es nicht in den „fast food“-Radiosendern laufen, muss es wegen mir auch nicht.
    Alexander Rybak ist ja schon einer der „Imitatoren“ der es auf englisch nachgespielt hat und das sehr schön.
    Bin allerdings etwas entsetzt was ihm gerade auf den Youtube-Seiten für ein Hass von vielen Kommentatoren entgegenschlägt. Sind hoffentlich alles nur 12-Jährige Kristian Kostov Fans die sowas schreiben…

    Für Deutschland habe ich erst wieder Hoffnung auf ein besserse Abschneiden wenn ein wütender Mob enttäuschter ESC Fans den NDR stürmt und alle Verantwortlichen für den Bewerb teert und federt

    Den Wettbewerb allgemein fand ich musikalisch besser als letztes Jahr, aber von der Show war es gerade im Vergleich zu den letzten 3 Jahren ein herber Rückschlag. Ich musste auch vor lauter fremdschämen bei Trick, Tick und Track irgendwann immer den Ton stummschalten.

    Die Politik war währen der 2 Wochen Gott sei Dank weitgehend kein Thema und mit einem unpolitischem, unstrittigen Sieger sowohl beim Publikum als auch den Jurys kann ich mich auf das wunderschöne Portugal im nächsten Jahr freuen.

    Francesco hat Platz 6 nicht verdient, ich fand sein Auftritt trotz ein paar Ermüdungserscheinungen immer noch wunderbar.Der ESC braucht mehr von der Sorte!

    Danke Oliver für die vielen sehr unterhaltsamen Artikel, ich lese seit letztem Jahr regelmäßig mit und aufrechtgehn & ESC gehören für mich seither zusammen!

  5. Einspruch, Peter Edelweiß, JOWST feat. What’s-His-Face kommt genau 17 Jahre zu spät. Inszenatorisch sogar 20, wenn man mal von den Pseudo-Hologrammen absieht. Es sollte Daft Punk sein und ist Bomfunk MCs geworden.

    Wahrlich modern und erfreulicherweise vom Publikum honoriert worden: „City Lights“. Gerade da zeigt sich, wie scheiße die Jury dieses Jahr war. Und manipulativ noch dazu, wie Kommentar 3 dort zeigt:
    http://blog.prinz.de/grand-prix/esc-voting-2017-die-votingergebnisse-von-oesterreich/#comments

  6. Ospero, tausend, tausend Dank für Deinen Kommentar, dem ich in allen Punkten zustimme. Mein persönlicher Favorit war Italien, und ich bin nach wie vor der Meinung, dass das der mit Abstand beste Song des Jahrgangs war. Der sechste Platz war schon sehr sehr arg, leider war die Kameraführung beim Auftritt mehr an der Bühne als an Francesco interessiert. Habe mir gestern (nicht nur) aus Trotz das neue Album gekauft.

    Was Portugal angeht, fühle ich mich in diesem Jahr sehr, sehr einsam im Meer der ganzen Salvadorable-Schreier. Natürlich gönne ich Portugal seinen ersten Sieg, und das Lied tut auch nicht weh und hätte das auch vor 60 Jahren nicht getan. Aber ich kann Salvador absolut nichts abgewinnen und fand sein Sieger-Statement unmöglich. Kann man denken, völlig unrecht hat er auch nicht, aber gegenüber seinen Mitsängern war diese Aussage ein Schlag ins Gesicht. Ich habe zum ersten Mal in meinem Leben die Siegerreprise nicht angeschaut und musste draußen auf dem Balkon erstmal tief durchatmen. Ein absolut gebrauchter Abend.

    Platz 25 für Levina war sehr traurig, aber leider mit diesem schwachen Lied zu erwarten. Ich habe genügend ESCs gesehen und an genügend privaten Contests teilgenommen, um eine Sache gelernt zu haben: Nach unten durchgereicht wird nicht, wer schlecht ist oder unangenehm auffällt (es sei denn, man ist GANZ schlecht, siehe Manel). Nach unten durchgereicht wird, wer gar nicht auffällt. So lange der NDR auf Nummer Sicher geht, wird sich daran auch nix ändern. Für Levina tut es mir unendlich leid, sie muss den ganzen Mist ausbaden und bekommt von so blöden Wichsern wie Bushido noch einen mitgegeben (ich zitiere mal seinen Tweet: „Gratuliere Levina zum vorletzten Platz. Starke Leistung du Null!“) und kann absolut GAR NICHTS dafür. Ich hoffe, dass sie ihren Plan A weiter verwirklichen kann, sie ist wirklich eine tolle Sängerin und hat Deutschland in Kiew sehr würdig und charmant vertreten. Hm – mir ist, als hätte ich genau das schon letztes und vorletztes Jahr geschrieben…

    Was die zu erwartende Retro-Balladen-Flut angeht: Gnade Euch. Gnade Euch allen, wenn ich hier oder irgendwo anders Gemecker drüber lesen muss, dass ja 2018 wieder sooooooooo viele Balladen am Start sind. Ihr wisst doch ganz genau, dass im Jahr drauf alle den Sieger kopieren.

    Eine Hoffnung habe ich allerdings, nicht nur aus einem ganz bestimmten Eigeninteresse: Ich hoffe, mit einem nicht englischsprachigen Sieger werden wir nächstes Jahr wieder mehr Beiträge in Landessprache haben.

  7. Cal, okay, okay – aber gegen das Kind aus Bulgarien, gegen die Jodelschnepfe und Österreichs Mann im Mond, war Norwegen wenigstens halbwegs am Puls der Zeit.
    Ich finde Portugals „Jazz-Walzer“ auch fad(o) und nicht weniger kalkuliert als das Machwerk des gespaltenen unerträglichen Schleimbatzens aus Kroatien. Dänemark – geht ja gar nicht, ein Lied, wie für den ESC aus Abfall zusammengeschustert (so wie auch Deutschlands Beitrag). Australien? Seicht bis dort hinaus. Francesco (meine nummero due) hätte ich den Sieg auch gegönnt – das hatte Frische und Itelligenz. Polen? Uäääh – ich weiß jetzt nur noch, die Sängerin war blond und trug ein weißes Kleid. Die Belgierin (guter Song!) sah aus, als erwarte sie eine Wurzelbehandlung. Aber soooo innovativ und originell, ist „City Lights“ nun auch wieder nicht. Die Darbietungsweise schon zweimal nicht.

  8. Ich fand die Aussage Sobrals nicht gegen die Künstler gerichtet sondern gegen die Verantwortlichen sowohl bei der EBU als auch in den Nationalen Vorentscheiden. Die bestimmen doch mit Ihrer Vorauswahl und Juryzusammensetzung wohin die Reise musikalisch geht.
    Da sitzen dann weichgespülte Musiker wie Nicole, Tawil und Ihre Mentoren deren musikalischer Horizont nicht über ihren eigenen Gartenzaun reicht.
    Wenn dann so Paradiesvögel wie Houdek, Slavko oder die Rumänen kommen und die Menge aus dem Koma befreien in das sie durch Anja, Lucie oder Isaiah gefallen sind dann sind sie bei der Punktevergabe total überfordert und gehen auf Nummer sicher und wählen JOWST oder Nathan.

    Das immer mehr Länder sich dann seelenlosen schwedischen Plastik-Pop kaufen ohne Ecken und Kanten und den zum ESC schicken ist dann das Ergebnis. Diese Länder sollen sich dann ruhig angesprochen fühlen.
    Auch Deutschland, obwohl´s hier trotzdem nicht klappt.

    Und wenn man mehr Landessprache will (die meistens 10mal mehr „feeling“ hat als diese „anglifizierten“ Nummern hat man wieder die Jurys gegen sich die das gnadenlos runterwerten wie man das in der Liste oben wieder eindrücklich sieht. Und trotzdem haben es alle 5 beim Publikum bis min. Platz 14 im Finale geschafft, ein echter Lichtblick! (OK, die spanische Grütze hab ich nicht mitgezählt)

    Ich kann jeden verstehen der Salvador zum einschlafen findet, mir gings bei JOWST halt so obwohl die Nummer gut produziert war. Ist ja eben das schöne am ESC das er so eine vielfältige Wundertüte ist bei der für jeden was dabei ist.

  9. @Tamara Fabian: Nein, ich muss mich bedanken. Ich dachte schon, mein Wohnzimmer sei in irgendein Paralleluniversum versetzt worden, und ich und meine fünf Mitgucker hätten einen ganz anderen portugiesischen Beitrag gesehen als (offenbar) Resteuropa. Wir haben uns die Siegerreprise übrigens auch nicht angesehen, aber aus anderen Gründen (es war nach 1 Uhr, und keiner von uns hatte mehr Lust, sich die Grütze nochmal anzutun). Und was die Hoffnung auf mehr Songs in Landessprache angeht: hat das vor zehn Jahren nach „Molitva“ geklappt? Meine persönliche Hoffnung ist eher, dass sich durch den Sieg des absoluten Underdogs Portugal vielleicht ein paar andere Verweigerer beseelt fühlen, es doch noch mal zu probieren (und damit meine ich nicht Russland). Wenn das Muster der beiden letzten Contests weitergeht – es gewinnt ein Land, das im Jahr davor nicht dabei war – wäre es mir lieber, wir fahren 2019 nach Sarajevo oder Bratislava als nach Moskau oder St. Petersburg…

  10. @Ospero: Ich habe gerade mal durchgezählt. Wenn ich mich nicht verzählt habe, waren 2007 24 Songs auf englisch (GB, IE und MT mit eingerechnet), 6 Songs zweisprachig mit englisch und 12 Songs ohne Englisch. 2008 waren es 25 Songs rein englisch, 2 zweisprachig mit englisch und 16 komplett nicht englisch. Es ist damals zumindest nicht schlechter geworden. Angesichts heutiger Größenordnungen (4 komplett nicht englisch, 3 zweisprachig und die restlichen 36 (!!) rein englisch) möchte ich jetzt ein bisschen weinen. Früher war alles besser. Molitva hab ich nämlich geliebt und tu das bis heute.

    Deshalb: Ja, da hoffe ich, dass der Trend zur Anglifizierung sich umdreht!

  11. Molitva war (und ist) großartig. Und dieser Dauer-Anglifizierungstrend ist schrecklich frustrierend. Dieses Jahr war es immerhin so, dass alle angetretenen (teil-)landessprachlichen Songs auch das Finale erreicht haben (oder schon da waren, aber bei Spanien machte es nun wirklich keinen Unterschied, ob die Sülze auf Spanisch, Englisch, Deutsch, Ungarisch oder Klingonisch gesungen wurde). Vielleicht hilft das zusammen mit dem Sieg für einen Song in einer eher sperrigen Sprache (für meine unbedarften Ohren klingt Portugiesisch immer, als ob ein betrunkener Russe versucht, Spanisch zu sprechen – bitte nicht böse sein), dass Europa endlich mal wieder die eigenen Sprachen auspackt. Wir hatten ja die letzten Jahre schon ein paar Kandidaten, die das recht erfolgreich gemacht haben – Il Volo, Jamala, Amir, Poli Genova, Ruth Lorenzo.

    Apropos Jamala: Wie lange ist es her, dass zwei nicht vollständig englischsprachige Songs nacheinander gewonnen haben? Mein spontaner Gedanke ist 1991 (Fangad av en stormvind/Insieme: 1992). Sechsundzwanzig Jahre. Uff. Und da gab es noch die Sprachregel.

  12. Ich fühlte mich heuer durch den ESC wieder sehr gut unterhalten – im Finale und auch in den Semis war für jeden etwas dabei, und mit dem Siegertitel kann ich sehr gut leben, ich freue mich, dass nach vielen Jahren mit großem Rahmenprogramm auf den Stockerl heuer unter den ersten 6 Beiträgen 5 dabei waren, die ohne das ganz große Brimborium und Feuerwerk auskamen. Da waren guter Gesang, gute Kompositionen, gute Botschaften und lässige Heiterkeit dabei. Naja, und Schweden halt. Wenn ein Siegertitel ohne Nachbarschaftsvoting aus ganz Europa Stimmen erhält, dann kann so viel nicht falsch sein. Ich habe auch dafür angerufen. Und die Siegerreprise mit den Geschwistern Sobral war meiner Meinung nach großartig und ich war frohe diese gesehen zu haben. Und ich will ihm nicht absprechen, dass er seine Konkurrenten nicht respektiert hat. Etwas mehr Entspannung und weniger Goldwaage bei einzelnen Worten täte gut. Ich freue mich auf einen ESC in Lissabon und wenn ich denke, wie viele Balladen heuer am Start waren… nun ja, da bin ich ganz entspannt und wenn sie gut sind: gerne 🙂

    Aber danken möchte ich doch an dieser Stelle dem werten Blogger, der mich wieder gut und sicher durch die Session geführt hat. Ich freue mich auch auf 2018 hier bei aufrechtgehn. Danke sehr dafür.

  13. Dem schließe ich ,mich gerne an. Eigentlich war ja für mich der hiesige Jahrgang einer der schlechtesten in der ESC-Geschichte überhaupt. Nach dem Finale muß ich sagen: Es gab musikalisch durchaus noch miesere, etwa 2014 in Kopenhagen…. Vor allem wurde ich durch DIESEN Siegerauftritt dafür entschädigt. Endlich gewinnt Portugal – Emotionen pur. Das ist ESC – muite obrigado !!!!!

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