Bäp­pi la Bel­le oder Xavas: wer ret­tet Deutsch­land?

Es ist so erwart­bar wie unver­meid­lich: immer, wenn Deutsch­land beim Euro­vi­si­on Song Con­test mal wie­der beson­ders schlecht abge­schnit­ten hat, kom­men sie aus ihren Löchern gekro­chen und bie­ten sich als Ret­ter an: die Abge­half­ter­ten, die Hoff­nungs­lo­sen, die Träu­mer. Wir erin­nern uns an sol­che Grö­ßen wie Gott­hilf Fischer (2004), José Fer­rei­ras (2007) oder Alex Chris­ten­sen, der 2009 sogar durf­te, weil der NDR sonst abso­lut kei­nen Plan hat­te. Die legen­dä­ren Null Punk­te von Wien rie­fen nun gleich zwei Schla­ger­pär­chen auf den Plan, die gar nicht so viel von­ein­an­der trennt, wie es auf den ers­ten Blick scheint. Da sind zum Einen die bei­den Rap­per Kool Savas und Xavier Nai­doo, die gemein­sam als Xavas mit ‘Schau nicht mehr zurück’ 2012 den Bun­des­vi­si­on Song Con­test gewan­nen. Kool Savas brach­te sich vor weni­gen Tagen via Twit­ter ins Gespräch, im Inter­view mit der Welt ergänz­te er dann: “Die kön­nen mich und Xavier Nai­doo dafür in den Vor­ent­scheid schi­cken. Ich glau­be, wir könn­ten etwas von Deutsch­land reprä­sen­tie­ren, was sehr posi­tiv ist.” 2013 trau­te sich der von Moses Pel­ham Ent­deck­te noch nicht, da muss­te sei­ne Begleit­band Die Söh­ne Mann­heims ohne ihn zum Vor­ent­scheid – und schei­ter­te gegen Cas­ca­da.

Ich schau nicht mehr zurück / aber wenn ich zurück schau / seh ich nur mein Glück” – ja, was denn nun?

Im glei­chen Welt-Inter­view bezeich­ne­te Kool Savas übri­gens Con­chi­ta Wurst als “voll über­flüs­sig,” “bekloppt,” “häss­lich,” und führ­te damit die unse­li­ge Tra­di­ti­on homo­pho­ber Hip-Hop­per fort, die Euro­vi­si­ons-Jury­mit­glied Sido letz­tes Jahr bereits begann. Scha­de! Wenig Gefal­len dürf­te der Rap­per daher auch an sei­nen Mit­be­wer­bern fin­den: wie das Jour­nal Frank­furt heu­te berich­tet, zeigt näm­lich auch Frank­furts Tra­ves­tie-Iko­ne Bäp­pi La Bel­le Inter­es­se am Song Con­test. Bäp­pi führt als Tho­mas Bäpp­ler-Wolf eine Tanz­schu­le, die sich am Wochen­en­de als Thea­tral­l­al­la in eine Tra­ves­tie-Büh­ne ver­wan­delt und wo sie, eben­so wie als Prä­si­den­tin der Regen­bo­gen­sit­zung (jawohl, schwu­ler Fasching!), unter ande­rem mit herr­li­chen Per­si­fla­gen auf Frank­furts ehe­ma­li­ge OB Petra Roth und auf Ange­la Mer­kel glänzt. Auch Bäp­pi möch­te nicht allei­ne ran: “Mario und ich kamen auf die Idee am Abend nach dem ESC. Nach dem Mot­to ‚Ret­tet Deutsch­land, schlim­mer kann es nicht wer­den’ haben wir beschlos­sen, uns der Sache anzu­neh­men,” so ver­riet sie dem Jour­nal Frank­furt. Mario Stef­fen ist Schla­ger­sän­ger und trat bis­lang vor allem auf Stra­ßen­fes­ten auf.

Der Herr Stef­fen. Ein Video mit Bäp­pi gemein­sam ist der­zeit nicht ver­füg­bar.

Bei­de Schla­ger­pär­chen eint, dass sie auf deutsch sin­gen wol­len (Bäp­pi: “Ich den­ke, dass Schla­ger immer wie­der ankommt. Selbst­ver­ständ­lich wird deutsch gesun­gen. Wie sich das eigent­lich gehört”) und Kon­zep­ten der Ver­gan­gen­heit anhän­gen. Sei­en es über­kom­me­ne Gen­der-Ste­reo­ty­pen wie bei Savas (“Die Tür­kei hat doch Bülent Ersoy, eine Frau, die ursprüng­lich ein Mann war. Die auch immer noch ihren Her­ren­na­men Bülent führt. Da wird jetzt gesagt, Gott habe ihn in einem fal­schen Kör­per gebo­ren. Aber das ist natür­lich auch irgend­wie Quatsch.”) oder der vor sech­zig Jah­ren in die Welt gesetz­te, nicht tot zu krie­gen­de Irr­glau­ben “was die meis­ten ver­ges­sen: Der ESC ist ein Kom­po­nis­ten- und Tex­ter­wett­be­werb” (Bäp­pi). Stöhn. Bei­de ver­bin­det zudem, dass sie Musik für ein rein deut­sches Publi­kum machen (Savas auf die Fra­ge, ob es nicht schwie­rig sei, mit deutsch­spra­chi­gem Rap einen euro­päi­schen Wett­be­werb zu gewin­nen: “Das weiß ich nicht. Wir müs­sen jetzt ein biss­chen lang­sam zum Ende kom­men”), und dass sie mit ihrer öffent­li­chen Bewer­bung natür­lich in die Kate­go­rie der Küb­lböcks fal­len, die sich kei­ner­lei Chan­cen aus­zu­rech­nen brau­chen – außer, der NDR ist mal wie­der plan­los und ver­zwei­felt…

Ähn­lich Elec­tro Vel­vet (UK 2015), ähn­li­ches Ergeb­nis: ASOS

 

Wer soll Deutsch­land ret­ten: Bäp­pi oder Xavas?

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14 Gedanken zu “Bäp­pi la Bel­le oder Xavas: wer ret­tet Deutsch­land?”

  1. Dass ihm Con­chi­ta nicht beha­ge, weil eine Frau kei­nen Bart tra­gen soll­te” war ja noch das höf­lichs­te Zitat von “Xavas”. Da haben wir uns die Fin­ger wund­ge­schrie­ben wegen Mans Zelmer­low homo­pho­ber Aus­sa­gen und im Vor­jahr Aram MP3 aus Arme­ni­en aus dem sel­ben Grund einen klei­nen Shit­s­torm ent­facht und jetzt wird ein Typ mit ähn­lich vor­gest­ri­gen spie­ßi­gen Äuße­run­gen ins Spiel gebracht und dazu Herr Nai­doo, der ja aus dem sel­ben Grun­de und dem Deck­manetel von christ­li­chem Mis­sons­drangs schon mal eine Anzei­ge wegen Volks­ver­het­zung kas­sier­te. Im übri­gen weißt die­ser “Kool Savas” offen­bar nicht, dass es in Jahr­märk­ten frü­her eine Frau mit Bart gab und dass es sich bei Con­chi­ta ledig­lich um eine Tra­ves­tie-Künst­le­rin dach­te. Es sei dem Herrn mit dem pseu­do-flip­pi­gen Namen des­halb der Wunsch aus­ge­spro­chen, er sol­le ein­mal eine Frau mit rasch wach­sen­dem Damen­bart haben. Zu Bep­pi kann ich nichts sagen, da ich sie nicht ken­ne.

  2. Bei­de ver­bin­det zudem, dass sie […] mit ihrer öffent­li­chen Bewer­bung natür­lich in die Kate­go­rie der Küb­lböcks fal­len, die sich kei­ner­lei Chan­cen aus­zu­rech­nen brau­chen.”

    Du glaubst du nicht wirk­lich, oder? Der NDR leckt sich doch die Fin­ger nach einem Act wie Xavas – die sind doch noch eine Klas­se höher als Unhei­lig. Bei­de zusam­men kom­men immer­hin auf elf Num­mer-Eins-Alben. Und bei dem Gedan­ken an den Medi­en­buzz, den ein homo­pho­ber Rap­per und ein rechts­kon­ser­va­ti­ver Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker als Vor­ent­schei­dungs­teil­neh­mer aus­lö­sen, hat Herr Schrei­ber doch seit min­des­tens drei Tagen einen media­len Dau­er­or­gas­mus. Ich wet­te drei Euro, dass der NDR-Prak­ti­kant bereits mit den Ver­trä­gen Rich­tung Mann­heim auf­ge­bro­chen ist.

  3. Nein, die­ser kif­fen­de Got­tes­säus­ler mit sei­nen homo­pho­ben Ansich­ten – oh Herr, ver­scho­ne uns! Schlimm auch sei­ne Zie­gen­me­cker­stim­me, die – ja wen nur? – immer noch ein paar “Ari­er” (?) anspricht.
    Bap­pi La Bel­le – braucht es jetzt auch nicht und – Schla­ger, ich weiß nicht.
    Ruhig mal was wagen! Die Bei­trä­ge aus Bel­gi­en und Lat­via haben ein­drucks­voll demons­triert: Avant­gar­de gewinnt (wenn es auch für ganz oben aufs Trepp­chen nicht immer rei­chen mag).

  4. Typisch Deutsch, kaum wagt mal ein bekann­ter Act sein Inter­es­se am ESC zu bekun­den, schon wird er nie­der­ge­macht. Anstatt ein­fach mal abzu­war­ten, ob er tat­säch­lich mit­macht oder auf den Song zu war­ten. Und ihr wun­dert euch, war­um kein bekann­ter und erfolg­rei­cher Act für Deutsch­land star­ten will. Ich wür­de mich freu­en, wenn Kool Savas mit Xavier Nai­doo bei einer VE star­ten wür­de. Und wer für sich selbst (zu Recht)Toleranz und Akt­zep­tanz erwar­tet, der soll­te auch gegen­über ande­ren Mei­nun­gen etwas tole­ran­ter sein.

  5. @escfan05 Moment mal Tole­ranz, Akzep­tanz gegen­über Schwu­len ist was ande­res als Tole­ranz gegen­über Homo­pho­bie. Du wür­dest ja auch Ras­sis­ten gegen­über nicht tole­rant sein, oder?

  6. @bebi dol:

    Heut­zu­ta­ge kann man sich doch nicht mehr äußern, ohne das sich irgend­ei­ne Min­der­heit auf den Schlips getre­ten fühlt. Aus jeder Mücke wird ein Ele­fant gemacht. Hier wäre viel­leicht etwas mehr Locker­heit ganz gut. Mir sind zuviel Berufs­em­pör­te dabei. Wenn ihm Con­chi­ta nicht gefällt, was solls? Das ist Geschmacks­sa­che. Nicht jedem, dem Con­chi­tas Auf­tre­ten oder Musik nicht gefällt, ist gleich homo­phob. Ich mag ja auch gewis­se Sän­ger nicht.

  7. Und damit wir uns nicht miß­ver­ste­hen: Ich fin­de Con­chi­ta toll. Aber nicht jeder der die Musik oder das Out­fit von Con­chi­ta nicht mag, ist nicht gleich homo­phob.

    Es wür­de ja auch kaum jemand dar­auf kom­men, Euro­pa als mehr­heit­lich Behin­der­ten­feind­lich zu bezeich­nen, nur weil die Fin­nen 2015 im Semi­fi­na­le aus­ge­schie­den sind.

  8. P.S: Mans Selmerlöw hat sich ehr­lich für sei­ne Äuße­run­gen ent­schul­digt, jetzt soll auch mal gut sein.

  9. Es ist aber trotz­dem ein Unter­schied, ob man sagt “ihr Auf­tre­ten und ihre Musik sind nicht mein Geschmack” oder ob man sagt “die ist häss­lich und bekloppt”. Letz­te­res ist eine Krän­kung und Belei­di­gung und gehört defi­ni­tiv nicht tole­riert. Aber das ist ja eh gera­de in Mode, dass sich manch ein unge­ho­bel­ter Zeit­ge­nos­se als Opfer sti­li­siert (“Die Min­der­heit schenkt mir kei­nen Applaus wenn ich sie mit Hass­re­den schmä­he, die sind ja so into­le­rant und ter­ro­ri­sie­ren die Mehr­heit, mimi­mi.”). Da geht mir lang­sam echt die Hut­schnur hoch, wenn ich wie­der sowas lesen muss.

  10. @Maxi: Das ist für mich immer noch kein Anzei­chen von einer grund­sätz­li­chen Homo­pho­ben Ein­stel­lung. Selbst der Mas­ter­mind (Oli­ver Rau) die­ser Sei­te, hat schon mehr­mals auf die­ser Sei­te gesagt, das er von der Musik von Cold­play Brech­reiz kriegt. Ist er des­halb hete­ro­phob? Nein, er mag halt die Musik nicht. Und es bleibt ein­fach Geschmack­sa­che. Es fin­den auch vie­le Hei­no total doof, ohne das man ihnen eine grund­sätz­lich nega­ti­ve Ein­stel­lung unter­stellt. Wer als Künst­ler in der Öffent­lich­keit auf­tritt, der pola­ri­siert, und der muss bis zu einer gewis­sen Gren­ze, damit leben, das er halt nicht nur Fans hat. Beson­ders wenn man so spek­ta­ku­lär auf­tritt wie Con­chi­ta Wurst.

    Außer­dem was ich nicht ver­ste­he. Bei Russ­land wol­len alle, das die Poli­tik raus­ge­hal­ten wird und die Künst­ler nicht aus­ge­buht wer­den sol­len. Und hier soll sich ein Künst­ler schon dis­qua­li­fi­zie­ren beim ESC mit­zu­ma­chen, nur weil ihm Con­chi­ta Wurst nicht gefällt? Das ist doch heuch­le­risch.

  11. Behin­der­ten­feind­lich sind ja nur die Jurys, denen die Fin­nen ihr Aus­schei­den ver­dan­ken – wäre es nach den Anru­fern gegan­gen, wären die Punks im Fina­le. Das war ja letz­tes Jahr schon so, dass Con­chi­ta bei den Jurys schlech­ter abschnitt als im Tele­vo­ting – das Publi­kum ist fort­schritt­li­cher und tole­ran­ter als die ver­knif­fe­nen Kon­ser­va­ti­ven in den Jurys (sie­he Sido).

    Und natür­lich kön­nen Xavas ger­ne beim Vor­ent­scheid antre­ten, da habe ich ja nichts dage­gen. Ich will auch nicht in Abre­de stel­len, dass sie kom­mer­zi­ell erfolg­reich sind. Ich mag sie halt nur weder musi­ka­lisch (sie machen m.E. seich­te Lang­wei­ler­mu­cke mit wir­ren Tex­ten) noch per­sön­lich (sie sind nun mal bei­de offen­sicht­lich homo­phob) und wür­de sie nicht wäh­len – und ich hal­te sie auch für die fal­sche Wahl für den Con­test, weil sie eben auf den deut­schen Geschmack zuge­schnit­ten sind, aber inter­na­tio­nal nicht wett­be­werbs­fä­hig. Und das hat nichts damit zu tun, dass sie auf deutsch sin­gen: Michel­le hat 2001 ja bewie­sen, dass man sogar mit deut­schem Schla­ger eine gute Plat­zie­rung holen kann – inso­fern wäre ver­mut­lich sogar Bäp­pi die bes­se­re Wahl.

  12. Du erkennst wirk­lich nicht den Unter­schied zwi­schen “deren Musik fin­de ich grot­tig” und “ich fin­de den Künst­ler an sich schei­ße”?

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