DVE 2002: Will our Ears sur­vi­ve?

Corinna May, DE 2002
Die Tra­gi­sche

Ech­ter Fort­schritt bei der deut­schen Vor­ent­schei­dung: brauch­te es in den Neun­zi­gern man­gels Kon­kur­renz noch eine Teil­nah­me am Euro­vi­si­ons­fi­na­le, um sich die lah­men­de Kar­rie­re end­gül­tig zu Schan­den zu sin­gen (vgl. Mün­che­ner Frei­heit, DE 1993), so konn­te man das die­ser Tage bereits kos­ten­spa­rend bei der Vor­auswahl erle­di­gen. Nach dem Big-Bro­ther-Star Zlat­ko Trpkov­ski im Vor­jahr tausch­te dies­mal die geschmack­lich hoch­gra­dig kon­tro­ver­se, kom­mer­zi­ell aber um so erfolg­rei­che­re Kel­ly Fami­ly die aus­ver­kauf­ten Stadt­hal­len wie­der gegen die Fuß­gän­ger­zo­nen. Und Schuld war wie­der mal die Bild.

Seit das Bou­le­vard­blatt 1998 mit einer Skan­dal­kam­pa­gne (“Darf die­ser Mann für Deutsch­land sin­gen?”) den Meis­ter nach vor­ne schrieb, herrsch­te dort offen­bar die Auf­fas­sung, dass es der Bild-Redak­ti­on nun zustün­de, neben dem Bun­des­kanz­ler, dem Papst und dem Natio­nal­trai­ner auch den deut­schen Grand-Prix-Gesand­ten zu bestim­men. Nach Guil­do Horn fie­len aber sämt­li­che Ver­tre­ter des Lügen­blatts beim Publi­kum durch. Dies­mal setz­te Bild-Chef­re­dak­teur Kai Diek­mann auf sei­nen per­sön­li­chen Spe­zi Die­ter Boh­len. Der hat­te, ent­ge­gen sei­ner im Vor­jahr geäu­ßer­ten Befürch­tung, doch noch ein jun­ges Mäd­chen fin­den kön­nen und sei­nem Schütz­ling Isa­bel Soares eine wun­der­hüb­sche Bal­la­de (‘Will my Heart sur­vi­ve’) geschrie­ben. Die­ters dama­li­ge Lebens­ab­schnitts­ge­fähr­tin Nad­ja Apfel Fahr­rad lieh der put­zi­gen Deutsch­por­tu­gie­sin für den Auf­tritt gar selbst­los ihr atem­be­rau­ben­des rotes Abend­kleid. Den­noch wit­ter­te man in Ham­burg Gefahr. Denn eine der umstrit­tens­ten Bands Euro­pas, von vie­len abgrund­tief gehasst, von ihren glü­hen­den Fans umso bedin­gungs­lo­ser ver­ehrt, ging eben­falls ins Ren­nen: die Kel­ly Fami­ly.


Rab­bit in the Head­light, wie der Bri­te sagen wür­de: Isa­bel Soares

Die ehe­ma­li­gen Stra­ßen­mu­si­kan­ten hat­ten zwar ihren Zenit längst über­schrit­ten, waren aber noch immer für ihre fana­ti­schen Anhän­ger berüch­tigt, denen man zutrau­te, so oft anzu­ru­fen, bis die Lei­tun­gen glüh­ten und die Fin­ger­chen blu­te­ten. Also mach­te die Bild das, wofür sie berüch­tigt ist: sie fuhr eine mas­si­ve Kam­pa­gne gegen die Kel­lys. Erst gab es tage­lang Berich­te über das angeb­lich arro­gan­te Auf­tre­ten des sin­gen­den Wan­der­zir­kus’ in Kiel (die kein ande­rer Teil­neh­mer bestä­tig­te). Dann leg­te man Joe Kel­ly ein Zitat in den Mund, nach dem er auf­dring­li­che weib­li­che Fans als “Mons­ter wie aus einem Hor­ror­film, und das auch noch mit Über­ge­wicht” beschimpft haben soll. Klug kal­ku­liert: da die meis­ten Kel­ly-Fans weder zu den Schlanks­ten noch den Schöns­ten im Lan­de gehör­ten, ver­fing die per­fi­de Abwehr­stra­te­gie. Obwohl die Kel­lys mit der – ange­sichts der auf­ge­heiz­ten Stim­mung äußerst iro­nisch beti­tel­ten – Spit­zen­bal­la­de ‘I wan­na be loved’ den mit Abstand bes­ten Titel des Abends am Start hat­ten und sich die groß­ar­ti­ge Mai­te, wie immer, die See­le aus dem Leib sang, ging ihr Auf­tritt in einem Meer von Pfif­fen unter. Auch bei der Tele­fon­ab­stim­mung reich­te es nur für den vier­ten Rang. Scha­de, da lie­ßen sich die Deut­schen einen poten­ti­el­len Sie­ger­ti­tel weg­neh­men.


Is she asking too much? Mai­te Kel­lys Fle­hen um etwas Lie­be wird zurück­ge­wie­sen

Genutzt hat es Bild übri­gens nichts: das büh­nen­un­er­fah­re­ne Foh­len vom Boh­len sang vor lau­ter Auf­re­gung ohrenz­er­mür­bend schief. Und zog dazu ein Gesicht, als habe Nad­del das Kleid vor dem Auf­tritt innen mit But­ter­säu­re bestri­chen. Abge­schla­gen lan­de­te sie im Mit­tel­feld. Wenn zwei sich strei­ten, freut sich die Drit­te: in die­sem Fall Corin­na May (DVE 1999, 2000) die bei ihrem drit­ten Ver­such mit einem typi­schen Senio­ren­dis­co-Pot­pour­ri von Ralph Sie­gel gewann. ‘I can’t live wit­hout Music’ – war­um er sie dann so schän­den muss, dafür blieb uns Ral­fie bis heu­te die Erklä­rung schul­dig. Corin­na wur­de in einem herbst­brau­nen Leder­fet­zen­man­tel, der irgend­wie an eine ver­un­glück­te Laub­sä­ge­ar­beit von Grund­schü­lern erin­ner­te, auf die Büh­ne geführt, wo sie zu den hoff­nungs­los cam­pen Dis­co­beats hilf­los (und ohne jedes Takt­ge­fühl) hin und her wank­te. Um die optisch-akus­ti­sche Dis­kre­panz noch zu ver­stär­ken, voll­führ­ten ihre Backing­sän­ge­rin­nen hin­ter ihr fröh­lich beschwing­te Tän­ze. Das pass­te zusam­men wie die Faust aufs Auge.


Corin­na May: ‘John­ny Blue’ wäre wohl der bes­se­re Song für sie gewe­sen

Das rest­li­che Teil­neh­mer­feld: eine bun­te Mischung. Neben zahl­rei­chen dicken Frau­en – Mai­te Kel­ly, das einst­mals Dis­co­ge­schich­te geschrie­ben haben­de Hanau­er Mut­ter-und-Toch­ter-Duo The Wea­ther Girls sowie Joy Fle­ming (DE 1975, DVE 1986, 2001), dies­mal in einem etwas dezen­te­ren Kleid und unter­stützt von dem fan­tas­ti­schen Gos­pel­chor Jam­ba­la­ya, was aber die so selbst­refen­ti­el­le wie schwa­che Num­mer ‘Joy to the World’ auch nicht mehr ret­ten konn­te – und über­flüs­si­gen Not­be­hel­fen wie den Tues­days, zusam­men­ge­wür­felt aus ein paar Redak­ti­ons­se­kre­tä­rin­nen und Kabel­hil­fen, schmück­ten auch wie­der reich­lich Spaß­ac­ts das Pro­gramm. Sen­sa­tio­nell das Frank­fur­ter Come­dy­duo Mund­stuhl, deren Ode an das ‘Fleisch’ (“Ich kratz vom Schnit­zel die Pana­de / dafür bin ich mir zu scha­de”) selbst ich als ein­ge­fleisch­ter über­zeug­ter Vege­ta­ri­er unglaub­lich lus­tig fand. Wie auch ihren Auf­tritt in Gum­mi­stie­feln und Metz­gerschür­zen – und, wie sich beim Büh­nen­ab­gang her­aus­stell­te, ohne was drun­ter (Axel Bult­haupt: “Hof­fent­lich haben sich die Jungs nichts ver­kühlt!”). Wie ich Axel ein­schät­ze, hat er sich selbst in der Gar­de­ro­be der “Jungs” davon über­zeugt. Und Ande Wer­ners ver­kühl­te Tei­le wür­de ich noch heu­te jeder­zeit per­sön­lich lie­be­voll wie­der anwär­men!


Lut­schen ger­ne an der Wurst: Mund­stuhl

Come­dy­be­ga­bung zeig­te auch Axel Bult­haupt, als er vor dem Auf­tritt von SPN-X, der “schnells­ten Band der Welt” aus Cott­bus, die “Ich will in die Bra­vo” for­der­ten, einen Bra­vo-Star­schnitt von Nino de Ange­lo (DE 1989) ent­roll­te, der garan­tiert frü­her in Klein-Axels Jugend­zim­mer hing! Der deut­sche Eros Rama­zot­ti ver­such­te sich näm­lich höchst­selbst bei die­ser Vor­ent­schei­dung an einem Come­back, konn­te mit dem Kin­der­ver­herr­li­chungs­schla­ger ‘Und wenn Du lachst’ aber nicht punk­ten. Zwar strahl­te Nino trotz frisch über­stan­de­ner Sal­mo­nel­len­ver­gif­tung sie­ges­wil­lig in die Kame­ra wie kein Ande­rer, dafür nerv­te der pene­tran­te Ein­satz sei­ner bei­den Gören (“Gib Gas, Papa!”) im Ein­spie­ler und im Publi­kum um so mehr. Sehr erhei­ternd dage­gen die Jun­ge-Chris­ten-Kapel­le Nor­mal Genera­ti­on. Optisch in kei­nem Kel­ly-Fami­ly-Fan­club deplat­ziert, führ­ten die Vier zu ihrem pop­pi­gen, wenn auch arg schief gesun­ge­nen Prei­set-den-Herrn-Schla­ger ‘Hold on’ eine schrei­end pein­li­che Syn­chrontanz­cho­reo­gra­fie mit zahl­rei­chen Pirou­et­ten auf. Die­se lach­krampf­aus­lö­sen­de Spit­zendar­bie­tung der unfrei­wil­li­gen Komik ermu­tig­te wohl zahl­rei­che Trash­freun­de, für sie anzu­ru­fen: der musi­ka­li­sche Bibel­kreis lan­de­te über­ra­schend auf dem drit­ten Platz.


Die lus­tigs­te Euro­vi­si­ons­cho­reo­gra­fie­par­odie aller Zei­ten: Nor­mal Genera­ti­on?

Und damit deut­lich vor den aller­letz­ten Auf­rech­ten des deut­schen Schla­ger­un­we­sens, Bern­hard “Pudel­fri­sur” Brink (DVE 1984, 1987, 1988, 1992) und Ire­en “Kopf­weh” Sheer (LU 1974 und 1985, DE 1978). Ihr bedeu­tungs­schwe­rer, hoch­po­li­ti­scher 9/11-Schla­ger ‘Es ist nie­mals zu spät’ setz­te den New Yor­ker Ter­ror­an­schlä­gen, die kein hal­bes Jahr zuvor die west­li­che Welt in ihren Grund­fes­ten erschüt­tert hat­ten, ein muti­ges “Steh auf und sag nein” ent­ge­gen. Das tat das Publi­kum auch: es sag­te zu Recht “nein” zu sol­cher­art sich anbie­dern­der Schla­ger­wa­re. Ganz weit hin­ten lan­de­te lei­der Lin­da Car­rie­re. Sie kam als Abge­sand­te des Frank­fur­ter 3p-Stalls um Moses Pel­ham, der die Her­aus­for­de­rung durch Die­ter Boh­len annahm. ‘Hig­her Ground’ war jedoch für den Wett­be­werb zu hoch­klas­sig und zu ruhig: in den sanf­ten Song ver­liebt man sich erst nach dem zwan­zigs­ten Hören. Als Komik-Höhe­punkt die­ses Auf­tritts ent­pupp­te sich, neben dem von Ill­ma­tic (wenn ich das anfü­gen darf: was für eine gei­le Sau!) gerapp­ten “Take it hig­her, yo”, der 3p-Pro­du­zent Tho­mas Hof­mann, der wäh­rend der Anmo­de­ra­ti­on des Titels dem sicht­lich amü­sier­ten Axel Bult­haupt stän­dig von der Sei­te ins Mikro kräh­te. So sind sie, die har­ten Jungs aus Rödel­heim!


In Lin­das Back­ground­chor: Cas­san­dra Ste­en, Deutsch­lands schöns­te Soul­stim­me

Lus­ti­ger­wei­se gelang der vom Bild-ver­hetz­ten Publi­kum geschmäh­ten Kel­ly Fami­ly von allen Kom­bat­tan­ten die höchs­te Chart­po­si­ti­on (# 31), noch ein paar Posi­tio­nen vor Isa­bel Soares – und ganz weit vor der blin­den Tan­te vom Sie­gel. Den­noch setz­te sich Corin­na May beim Tele­vo­ting im drit­ten Anlauf dank der Hecken­schüt­zen aus dem Hau­se Sprin­ger durch. Und an die­ser Stel­le fand die 1998 ein­ge­lei­te­te deut­sche Grand-Prix-Auf­bruch­pha­se ihr unrühm­li­ches Ende; der für weni­ge Jah­re auch bei jün­ge­ren Men­schen auf iro­ni­sche Wei­se kre­di­ble Event ver­kam erneut zum pein­li­chen Kurio­si­tä­ten­ka­bi­nett. Dan­ke, Bild!

Deut­sche Vor­ent­schei­dung 2001

Count­down Grand Prix. Frei­tag, 22. Febru­ar 2002, aus der Ost­see­hal­le in Kiel. 15 Teil­neh­mer, Mode­ra­ti­on: Axel Bult­haupt.
#Inter­pretTitel%1%2PlatzCharts
01Dis­co Bro­thers + Wea­ther GirlsGet up*-13-
02Nor­mal Genera­ti­on?Hold on12,026,40347
03Nino de Ange­loWenn Du lachst*-09100
04Unity 2You never walk alo­ne*-15-
05Mund­stuhlFleisch*-11-
06Isa­bel SoaresWill my Heart sur­vi­ve*-0636
07Lin­da Car­rie­reHig­her Ground*-12-
08S-PNXBra­vo Punk*-08-
09ZarahTo be or not to be*-14-
10Ire­en Sheer + Bern­hard BrinkEs ist nie­mals zu spät*-07-
11Kel­ly Fami­lyI wan­na be loved*-0431
12Tues­daysDu bist mein Weg*-10-
13Corin­na MayI can’t live wit­hout Music19,541,10172
14Nata­lieDon’t say good­bye*-0574
15Joy Fle­ming + Jam­ba­la­yaJoy to the World14,032,502-

*Anmer­kung zur Tabel­le: der NDR gab nur die Ergeb­nis­se der ers­ten drei Plät­ze bekannt, der Rest ist Hören­sa­gen.

4 Gedanken zu “<span class="caps">DVE</span> 2002: Will our Ears sur­vi­ve?”

  1. Ich habe nicht mal ver­sucht, dort anzu­ru­fen (war eh immer besetzt), da ich wegen der Fans von einem siche­ren Sieg der Kel­lys aus­ging. Statt­des­sen kam die Frau, die immer den Mikro­fon­stän­der umstieß, so kann man sich irren. Als Nicht-Bild-Leser habe ich von der Schmutz­kam­pa­gne im Vor­feld nichts mit­be­kom­men.

  2. Ich hab’s damals durch­aus ver­sucht – meh­re­re Male – immer besetzt. Dann ein Tes­t­an­ruf für Corin­na May – kam durch. Dann wie­der für die Kel­lys ver­sucht – besetzt, besetzt, besetzt. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt!

  3. Also die Kel­lys – ganz beson­ders Mai­te – aus­zu­bu­hen, fin­de ich schon gemein. Aber wenn man die Bild-Zei­tung gegen sich hat, kann man halt nichts mehr machen.

    Isa­bel ist neben Juhrub, der spä­ter in Tal­linn von einer Ver­kaufs­ver­an­stal­tung getürmt ist, ein wei­te­res Bei­spiel dafür, dass man­che Sänger/innen aus dem Süden es doch bes­ser unter­las­sen soll­ten, auf Eng­lisch zu sin­gen. Wo sie doch schon so wun­der­vol­le Spra­chen wie Por­tu­gie­sisch, Spa­nisch und Ita­lie­nisch haben. Auch wenn man sie dann doch bes­ser ver­steht als die Ost­eu­ro­pä­er.
    Und bei dem Lied denkt man sofort an DSDS. Es lässt sich also manch­mal erah­nen, wer da die Fin­ger im Spiel hat­te.

  4. Die­ter Boh­len war zu dem Zeit­punkt übri­gens mit Este­fa­nia Küs­ter zusam­men. Ich hät­te mir damals Isa­bel als unse­re ESC-Ver­tre­tung gewünscht

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