Zwei­ter Super­sams­tag 2017: Rotz­gö­ren und schlech­te Lover

Was für ein Abend: ins­ge­samt sie­ben Vor­ent­schei­dungs­run­den lie­fen am gest­ri­gen Sams­tag­abend par­al­lel zuein­an­der, davon zwei Fina­le (näm­lich in Ita­li­en und Spa­ni­en). Den Auf­takt mach­te mal wie­der das Gast­ge­ber­land Ukrai­ne, wo sich wei­te­re acht Semi­fi­na­lis­ten dem Jury-Trio aus Vor­jah­res­sie­ge­rin Jama­la, Andrij Danyl­ko (der Mann hin­ter der Büh­nen­fi­gur Ver­ka Ser­dutsch­ka [→ UA 2007]) und einem TV-Pro­du­zen­ten stel­len muss­ten. Das kegel­te mit sei­ner Stimm­macht einen der Publi­kums­fa­vo­ri­ten her­aus, den Sän­ger Rus­lan Kuz­net­sov, umstrit­te­ner Gewin­ner der Wild­card-Vor­run­de im Inter­net und Zweit­plat­zier­ter im Tel­e­vo­ting. Umstrit­ten des­we­gen, weil das ukrai­ni­sche Fern­se­hen ihm und ein paar Mit­strei­tern im Novem­ber 2016 Mani­pu­la­ti­ons­ver­su­che vor­warf und all sei­ne bis dato ange­sam­mel­ten Stim­men annul­lier­te. Inner­halb weni­ger Tage hat­te er die­se aber wie­der zusam­men und zog ins Semi ein – umsonst. Zu den dama­li­gen Schumm­lern soll auch die Gothic-Punk-Band Aghiaz­ma gehört haben, die ges­tern Abend eben­falls antrat, aller­dings mit einem ande­ren Bei­trag als in der Wild­card-Run­de. Sie schei­ter­ten sowohl an der Jury als auch an den Zuschauer/innen, und das ist eine gute Nach­richt für Epileptiker/innen, denn die Licht­show der sechs Tokio-Hotel-Epi­go­nen war durch­aus geeig­net, bei ent­spre­chend dis­po­nier­ten Men­schen Anfäl­le aus­zu­lö­sen. Trotz­dem scha­de um den Song: ‘Syn­thetic Sun’ über­zeug­te durch einen guten Schub und sehr ordent­lich brat­zen­de Hard­rock-Gitar­ren. Außer­dem prä­sen­tier­te sich das lus­tig fri­sier­te und geschmink­te Sata­nis­ten-Sex­tett im Jury-Inter­view außer­ge­wöhn­lich sym­pa­thisch: ich habe kei­ne Ahnung, über was der Mode­ra­tor und Jama­la end­los mit ihnen scherz­ten, aber es muss sehr wit­zig gewe­sen sein – und die Aghiaz­ma-Lead­sän­ge­rin sehr schlag­fer­tig, jeden­falls der Publi­kums­re­ak­ti­on nach zu urtei­len.

Schi­cker Hals­muff! (UA)

Eben­falls Fei­er­abend war ges­tern Abend zu mei­nem gro­ßen per­sön­li­chen Bedau­ern für das schrä­ge Damen­trio Pani­val­ko­va, das in ein­heit­li­chen, schnit­ti­gen blau­en Klei­dern und ori­gi­nel­len, aus diver­sen Her­ren­ober­be­klei­dungs­tex­ti­li­en zusam­men­ge­näh­ten Tur­ba­nen auf­trat. Ihr auf herr­lich unter­halt­sa­me Art und Wei­se skur­ri­ler Bei­trag ‘Doku­ch­ayu’ bestand fast aus­schließ­lich aus einem man­tra­ar­tig wie­der­hol­ten “Ay ay aya­ja”, zum Auf­takt noch mit­tels eines an den Kehl­kopf geklopf­ten Fin­gers modu­liert, sowie einem sphä­risch-ver­spiel­ten Syn­the­si­zer-Klang­tep­pich. Und es war rund­her­aus fan­tas­tisch! Etwas in die­ser Preis­klas­se bekam man frü­her (damals, als alles noch bes­ser war, Sie erin­nern sich) auch des Öfte­ren mal beim Eesti Laul gebo­ten, des­sen ers­tes von zwei Semi­fi­na­len denn am glei­chen Abend über die Büh­ne ging, dies­mal aller­dings vor allem musi­ka­li­sche Ent­täu­schun­gen bereit­hielt. Mög­li­cher­wei­se liegt es auch ein­fach an der merk­wür­di­gen, seit ein paar Jah­ren prak­ti­zier­ten Idee, die Live-Auf­trit­te alle schon an einem geson­der­ten Abend (zwar eben­falls vor Publi­kum) auf­zu­zeich­nen und im est­ni­schen Semi­fi­na­le als Kon­ser­ve abzu­spie­len, dass der dem bal­ti­schen Vor­ent­scheid einst­mals inne­woh­nen­de, zau­ber­haf­te Glanz sich mitt­ler­wei­le irgend­wie ver­flüch­tigt zu haben scheint? Oder doch eher an mei­ner durch die eins­ti­ge Fül­le an her­aus­ra­gen­den Bei­trä­gen in nicht auf Dau­er zu befrie­di­gen­den Höhen getrie­be­ne Erwar­tungs­hal­tung?

Sub­ti­le Kri­tik am Patri­ar­chat oder ein­fach nur ein tol­ler Look? Die Hem­den-Tur­ba­ne von Pani­val­ko­va (UA)

Jeden­falls gab es am gest­ri­gen Sams­tag bei der Eesti Laul bes­ten­falls Durch­schnitt zu beschau­en, und das ent­täuscht mich ein­fach. Immer­hin lie­fer­ten die Esten aber auch einen unfrei­wil­li­gen Höhe­punkt der Komik ab, näm­lich in Form von Lau­ra Prits und ihrer Mädels­cli­que, wel­che den wohl schau­rigs­ten Spi­ce-Girls-Gedächt­ni­sact aller Zei­ten gaben. Beglei­tet von einem krib­bel­b­un­ten Büh­nen­hin­ter­grund, ein paar Kin­der­fahr­rä­dern als Büh­nen­de­ko­ra­ti­on und einem äußerst arm­se­li­gen, gera­de­zu mit­leid­erre­gen­den Metall­flit­ter­re­gen, san­gen die mit Gold­kett­chen, Leg­gings und Flo­ka­ti-Jäck­chen stil­echt als klas­si­sche Pre­ka­ri­ats-Gören ver­klei­de­ten Damen in ‘Hey Kid­do’ eine Lie­bes­er­klä­rung ans schwer­erzieh­ba­re Kind, wel­ches Lau­ra aber bei allen Wid­rig­kei­ten und trotz des per­ma­nen­ten Ärgers mit den Nach­barn nie­mals weg­zu­ge­ben geden­ke, wie sie uns mehr­fach ver­si­cher­te. Mut­ma­ße ich jetzt jeden­falls mal, denn einen “Trou­ble” brin­gen­den Lover, den sie alter­na­tiv womög­lich besang, kriegt sie in dem Out­fit und mit der Perü­cke wohl eher nicht ab. Oder soll­te es sich um eine Anti-Abtrei­bungs-Hym­ne han­deln? Jeden­falls sah die Dar­bie­tung schwer nach Kin­der­ka­nal aus. Und klang auch so. Die Juro­ren und die Zuschauer/innen zeig­ten Lau­ra jedoch die rote Kar­te: für sie war ges­tern Abend Schluss.

Bei so einer Mama kann aus dem Kid­do aber auch nichts Anstän­di­ges wer­den (EE)

Ins Fina­le schaff­te es hin­ge­gen erwar­tungs­ge­mäß die heu­er solo antre­ten­de Eli­na Born (→ EE 2015), die sich in dem Büh­nen­out­fit, dass sie beim Eesti Laul trug, aller­dings auch in Eli­na Porn umbe­nen­nen könn­te. Ihr Lied han­del­te nun zwei­fels­frei vom Ärger mit ihrem Lover, der sich augen­schein­lich ent­we­der sehr unge­schickt anstell­te oder aber nur sehr wenig vor­zu­wei­sen hat­te: “Are you in or out?” lau­te­te Eli­nas im Refrain ihres druck­voll-pop­pi­gen Songs ein­dring­lich wie­der­hol­te Fra­ge. Den wür­de ich aber abschie­ßen, Girl­fri­end! Jeden­falls haben wir an die­ser Stel­le den bis­lang ein­gän­gigs­ten Bei­trag der lau­fen­den Sai­son gefun­den, und ich hät­te nichts dage­gen, den in Kiew wie­der­zu­hö­ren. Viel­leicht doch nicht ganz so ent­täu­schend, wie ich dach­te, die est­ni­sche Vor­ent­schei­dung. Obschon die rest­li­chen acht der ins­ge­samt zehn vor­ge­stell­ten Songs alle­samt der Rede nicht wei­ter wert waren, was auch für den (ins Fina­le ein­ge­zo­ge­nen) Bei­trag der Viel­fach-Eesti-Laul-Teil­neh­me­rin und Vanil­la-Nin­ja-Front­frau (→ CH 2005) Len­na Kuur­ma gilt: ‘Slingshot’ woll­te zu glei­chen ele­gi­sche Bal­la­de und radio­freund­li­cher Mid­tem­pos­eich sein und blieb so zwi­schen den Stüh­len sit­zen.

Tja, wenn Du das nicht beant­wor­ten kannst, dann läuft was schief (EE)

In Litau­en und Ungarn lie­fen ges­tern Abend eben­falls wei­te­re Vor­ent­schei­dungs­run­den, die­se dien­ten jedoch nur dazu, das bereits bekann­te Feld wei­ter aus­zu­dün­nen und boten so nichts Neu­es mehr. Wol­len wir also an die­ser Stel­le für eine kur­ze Gedenk­mi­nu­te inne­hal­ten für das schon hier abge­fei­er­te Come­dy-Meis­ter­werk ‘I love my pho­ne’, das in Litau­en auf der Stre­cke blieb. Scha­de! In Ungarn ret­te­te sich der Wie­der­ho­lungs­tä­ter András Kal­láy-Saun­ders (→ HU 2014, Vor­ent­scheid 2016) mit sei­nem mit­tel­präch­ti­gen Song ‘17’ übri­gens nur mit Hil­fe der Zuschau­er knapp ins Fina­le am nächs­ten Sams­tag. Kom­men wir nach Schwe­den, wo das zwei­te Vier­tel­fi­na­le des Melo­di­fes­ti­va­len eben­falls nur mit­tel­präch­tig begeis­ter­te. Dort sorg­te der Euro­vi­si­ons­ve­te­ran Roger Pon­ta­re (→ SE 1994, 2000) für einen Moment der Besorg­nis. Der sah ja bei sei­nem Grand-Prix-Auf­tritt zur Jahr­tau­send­wen­de bereits aus wie ein schwer ver­ka­ter­ter India­ner­häupt­ling, der schon zu lan­ge zu stark dem Feu­er­was­ser zuspricht. Dies­mal erschien er im Eth­no-Eso­te­rik-Schick und hat­te sich eigens eine selbst­ge­hä­kel­te Schul­ter­ta­sche umge­hängt, in wel­cher er wohl sei­nen unver­zicht­ba­ren Flach­mann ver­steck­te. In sei­nem zot­te­li­gen Rent­ner­ro­cker-Zau­sel­bart hin­ge­gen nis­tet garan­tiert aller­lei Getier. Sein zäher Bei­trag ‘Him­mel och Hav’ schied Gott sei Dank aus, eben­so wie die Nor­we­ge­rin Stel­la Mwan­gi (→ NO 2011), die sich unter dem Tarn­na­men Etzia ins Mel­lo schmug­gel­te, wo sie ihren frisch auf­ge­bü­gel­ten, dama­li­gen Euro­vi­si­ons­song ‘Haba haba’ mit leicht ver­än­der­tem Arran­ge­ment und in einer zum haut­engen Kleid umge­ar­bei­te­ten, eben­falls frisch auf­ge­bü­gel­ten Häkel­gar­di­ne als ‘Up’ prä­sen­tier­te. Lei­der sang sie noch ohrenz­er­mür­ben­der schief als damals.

Autsch, autsch, autsch! (SE)

In die Andra Chan­sen (AC) zog Lisa Ajax, die ihrem Song ‘I don’t give a’ gefühlt sechs­hun­dert Mal das Wört­chen “Fuck” unter­brach­te. Soll­te sie es nach Kiew schaf­fen, was aller­dings als extrem hypo­the­ti­sche Annah­me gel­ten darf, dann stün­de uns ein neu­es Face­book-Gate bevor, denn durch die EBU-Zen­sur gin­ge die­ser Text so nicht. Ins AC muss auch das Gen­der-Ben­der-Quar­tett Diss­mis­sed; vier jun­ge, sehr schmu­cke und sehr andro­gy­ne Her­ren, deren Out­fit und Make-up es allei­ne schon wert wären, dass sie gen Kiew zögen. Wäre da nur nicht der eher mit­tel­präch­ti­ge Poprock­song ‘Hearts align’, der lei­der mit der Fabel­haf­tig­keit der Jungs nicht mit­hal­ten kann und bereits nach zehn Sekun­den maß­los lang­weilt. Scha­de! Direkt til Glo­ben (DTG) schaff­te es der Per­nil­la-Wahl­gren-Sohn und Kin­der-Mel­lo-Gewin­ner von 2006, Ben­ja­min Inkas­so Ingros­so. Des­sen (für ihn jedoch nicht erreich­ba­res) Idol scheint der gro­ße Jus­tin Tim­ber­la­ke zu sein, jeden­falls klang Ben­ja­mins Bei­trag ‘Good lovin” schwer nach dem letzt­jäh­ri­gen Euro­vi­si­ons-Pau­se­nact. Und auch in Sachen Cho­reo­gra­fie steht er dem US-ame­ri­ka­ni­schen Vor­bild in nichts nach. Nur, dass der Wahl­gren-Spröss­ling dabei trotz­dem irgend­wie tap­sig und nerd­haft wirkt. Und ins­ge­samt noch deut­lich zu jung für sol­cher­lei Lied­gut. Bleibt noch Mari­et­te als zwei­te DTG’lerin. Das ras­ta­zo­p­fi­ge Bügel­brett lie­fer­te mit ‘A Mil­li­on Years’ end­lich mal wie­der einen ordent­li­chen Mel­lo-Schla­ger sowie eine fan­tas­ti­sche Begleit­cho­reo­gra­fie mit engels­gleich an Stri­cken schwe­ben­den Tänzer/innen ab und wur­de prompt belohnt. Gefällt mir! Den Höhe­punkt des Abends bil­de­te aber mal wie­der der Pau­se­nact, für den sich der min­des­tens zwei­fa­che Mel­lo-Teil­neh­mer (u.a. 2012, 2013) und dies­jäh­ri­ge Ko-Mode­ra­tor David Lind­gren durch ein extrem kurz­wei­li­ges Pot­pour­ri von Mel­lo-Songs sang und tanz­te und die dazu­ge­hö­ri­gen Kos­tü­me oder Cho­reo­gra­fi­en auf die Schip­pe nahm. Groß­ar­tig!

Ja, natür­lich war auch ‘Bad­na Naka’ mit von der Par­tie (SE)

5 Gedanken zu “Zwei­ter Super­sams­tag 2017: Rotz­gö­ren und schlech­te Lover

  1. Die Esten-Auf­trit­te in den Semis wer­den aber seit jeher im Vor­feld auf­ge­zeich­net. Dar­an kann es also micht lie­gen. 😉

  2. Hat David Lind­gren nicht mehr als zwei­mal am Mel­lo teil­ge­nom­men? Ganz sicher 2016, denn da gefiel mir sein Pseu­do-Tee­nie-Auf­ritt gar nicht.

  3. Ja was ist denn mit den Schwe­den pas­siert? Ich habe mich ges­tern direkt nach der Prä­sen­ta­ti­on der Titel aus der Sen­dung her­aus­ge­schal­tet und dann spä­ter die Ergeb­nis­se auf esc­to­day nach­ge­schla­gen. Nor­ma­ler­wei­se ärge­re ich mich ja immer schwarz dar­über, dass der chao­tischs­te Blöd­sinn in Schwe­den wei­ter­kommt und die Per­len sofort aus­ge­siebt wer­den. Viel­leicht liegt es dar­an, dass so wirk­li­che Per­len nicht aus­zu­ma­chen waren, aber mit Aus­nah­me von Ben Inkas­so ent­spricht die gewähl­te Rei­hen­fol­ge dies­mal doch tat­säch­lich mei­ner eige­nen Wer­tung, inklu­si­ve des sofor­ti­gen Ver­wei­ses auf Platz 6 und 7 der schlimms­ten Zumu­tun­gen.
    Die Wei­te­kom­mer sind alle­samt eher harm­los, aber erträg­lich.

  4. In der Ukrai­ne tut es mir natür­lich auch leid für Pani­val­ko­va. Fand ich eben­falls ganz neckisch (in mei­ner Ein­schät­zung hät­ten sie sich mit Mila Nitich den zwei­ten Platz geteilt). So kann ich nun wei­ter auf einen Sieg von Illa­ria hof­fen, die ja offen­bar von Publi­kum und Juries glei­cher­ma­ßen Unter­stüt­zung erfährt. Zu Recht, wie ich fin­de.

  5. EST: Go Eli­na! Mit Abstand der bes­te Bei­trag die­ses Jahr. Für Lee­met Onno hät­te ich mich noch erwär­men kön­nen, aber mir war sofort klar, dass das nicht mehr­heits­fä­hig sein wird.

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