San-Remo-Fes­ti­val 1968: Zum Des­sert gibt’s Happiness

Gleich zwei Welt­hits brach­te er her­vor, die­ser erst­ma­lig von der ita­lie­ni­schen TV-Grö­ße Pip­po Bau­do mode­rier­te Jahr­gang des ligu­ri­schen Lied­fes­ti­vals, und lus­ti­ger­wei­se schaff­te es kei­ner von ihnen unter die ers­ten Drei in der Jury­wer­tung. Was die Treff­si­cher­heit des angeb­li­chen Exper­ten­gre­mi­ums mal wie­der auf das Schöns­te illus­triert. Immer­hin auf Rang 6 fand sich das melo­di­sche ‘Quan­do m’in­na­mo­ro’ (‘Wenn ich mich ver­lie­be’) von Anna Iden­ti­ci. Des­sen ohren­schmei­cheln­de Hook­li­ne zog zahl­rei­che inter­na­tio­na­le Cover­ver­sio­nen nach sich, unter ande­rem vom Fin­nen Fre­di und der Por­tu­gie­sin Simo­ne de Oli­vei­ra. Zum Chart­brea­ker wur­de jedoch die eng­li­sche Fas­sung ‘A Man without Love’ des bri­ti­schen Schnul­zen­kö­nigs Engel­bert Hum­per­dinck. Der knack­te damit die Top Ten in prak­tisch jedem euro­päi­schen Land (dar­un­ter eine Num­mer 1 in Bel­gi­en, Irland und der Schweiz) und sogar die Top 20 in den USA und Kana­da. Bloß in Ita­li­en blieb ihm der Erfolg ver­wehrt. Dort hielt man sich ver­ständ­li­cher­wei­se lie­ber an das Ori­gi­nal: Frau Iden­ti­ci brach­te es in den hei­mi­schen Charts auf Platz 8, das US-ame­ri­ka­ni­sche Folk-Pop-Trio The Sand­pi­pers kam mit sei­ner sah­ni­gen Zweit­ver­si­on (wie schon in den Vor­jah­ren inter­pre­tier­ten immer zwei Künstler:innen das­sel­be Lied) bis Rang 13.

So schlei­mig schmalzt sonst nie­mand: Engel­bert ver­setz­te mit der Hit-Ver­si­on von ‘Quan­do m’in­na­mo­ro’ Euro­pas Eier­stö­cke in Schwingung.

Eine ähn­li­che Kar­rie­re leg­te der flot­te Beat-Schla­ger ‘Gli Occhi miei’ (‘Mei­ne Augen’) des dama­li­gen Tee­nie-Idols, San-Remo-Erst­teil­neh­mers und spä­te­ren Ölma­na­gers Euge­nio Zam­bel­li ali­as Dino hin. Im Ori­gi­nal ein ent­täu­schen­der Rang 11 in der Jury­wer­tung und ein Platz 10 in der ita­lie­ni­schen Ver­kaufs­hit­pa­ra­de, führ­te der Wali­ser Tom Jones die Num­mer mit einem vor pikan­ten Dop­pel­deu­tig­kei­ten nur so vibrie­ren­den eng­li­schen Text als ‘Help yourself’ zum inter­na­tio­na­len Erfolg: # 1 in Deutsch­land, # 3 in Öster­reich und der Schweiz, # 5 auf der Insel und immer­hin noch # 35 in den Staa­ten für die augen­zwin­kernd kaschier­te Auf­for­de­rung zur Fel­la­tio. Fast noch eine Pri­se köst­li­cher mute­te die deut­sche Cover­ver­si­on des anschei­nend zu Unrecht als bie­der und spie­ßig ver­schrie­nen Schwie­ger­mut­ter­lieb­lings Peter Alex­an­der an, der mit ‘Komm und bedien’ dich bei mir’ eine ori­gi­nal­ge­treue Adap­ti­on der schwei­ni­schen Vor­la­ge des Tigers ablie­fer­te – und die­se im Schla­ger­film Zum Teu­fel mit der Pen­ne auch noch vor einem Hau­fen von Schüler:innen zelebrierte!

Er hat so viel davon, nimm dir doch ruhig was: Tom Jones preist sei­ne Gaben an.

Da wür­de heut­zu­ta­ge der Jugend­schutz anrol­len: auch Peter Alex­an­der lei­det unter Samenstau.

Zu den pro­mi­nen­ten Namen, die 1968 ihr San-Remo-Debüt hin­leg­ten, gehör­te der aus ärm­li­chen Ver­hält­nis­sen stam­men­de, aber mit gutem Aus­se­hen und einer ange­neh­men Stim­me geseg­ne­te Mas­si­mo Ranie­ri (bür­ger­lich: Gio­van­ni Calo­ne), der Ita­li­en zwei Mal beim Euro­vi­si­on Song Con­test ver­tre­ten soll­te, wenn­gleich noch nicht in die­sem Jahr. Optisch etwas beschei­de­ner aus­ge­stat­tet, dafür stimm­lich um so stär­ker, schmalz­te sich auch ein gewis­ser Al Bano Car­ri­si erst­ma­lig beim San-Remo-Fes­ti­val durch die Müt­ter­chen­schnul­ze ‘La Sie­pe’. Zu die­sem Zeit­punkt hat­te er mit dem Som­mer­hit ‘Nel Sole’ (1967) bereits sei­ne ers­te Num­mer Eins und mit Romi­na Power, die er bei einem Film­dreh ken­nen­lern­te, bereits sei­ne künf­ti­ge Ehe­frau und Duett­part­ne­rin gefun­den. Mit ihr soll­te auch Al Bano zwei Mal sein Land beim Grand Prix reprä­sen­tie­ren. Auf nur eine Euro­vi­si­ons­teil­nah­me brach­te es Faus­to Lea­li, der hier mit dem enga­giert geschrie­nen ‘Debo­rah’ debü­tier­te. Die in ihrer Melo­die­füh­rung stel­len­wei­se ganz leicht ori­en­ta­lisch anmu­ten­de Num­mer wur­de aller­dings vor allem in ihrer Zweit­ver­si­on der US-ame­ri­ka­ni­schen Soul­le­gen­de Wil­son Pickett zum natio­na­len Hit.

Die Play­list: alle 28 Finalist:innen in der Auf­tritts­rei­hen­fol­ge ihres Ergeb­nis­ses, plus die Vorrundensongs.

Pickett war einer von ins­ge­samt fünf Schwar­zen Stargäst:innen des dies­jäh­ri­gen Line-ups, neben den nicht min­der legen­dä­ren inter­na­tio­na­len Grö­ßen Dion­ne War­wick, Shir­ley Bas­sey, der spä­te­ren Dis­co-Köni­gin Ear­tha Kitt und dem Trom­pe­ter Lou­is Arm­strong. Der sorg­te für Auf­se­hen, weil er glaub­te, für ein gan­zes Kon­zert gebucht zu sein, und nach sei­nem Wett­be­werbs­bei­trag ‘Mi va di can­t­are’ anhob, noch wei­te­re Titel spie­len zu wol­len. Pip­po Bau­do muss­te ihn unter­bre­chen und von der Büh­ne kom­pli­men­tie­ren. Satch­mos Kom­men­tar: “Für nur ein Lied war mei­ne Gage zu hoch”. Zu den weni­gen inter­na­tio­na­len Gäs­ten hel­le­rer Haut­far­be zähl­ten Udo Jür­gens sowie der fran­zö­si­sche Chan­son­nier Sacha Dis­tel. Der teil­te sich sein Lied mit der Sech­zehn­jäh­ri­gen Giu­seppa Romeo, die unter dem Künstler:innennamen Gui­sy Romeo zuvor den Nach­wuchs­wett­be­werb von Cas­tro­ca­ro gewon­nen hat­te. Spä­ter soll­te sie sich dann Giuni Rus­so nen­nen und kurz­zei­tig bei der deut­schen Plat­ten­fir­ma BASF unter Ver­trag ste­hen. Romeo, die haupt­säch­lich Welt­mu­sik mit hohem künst­le­ri­schen Anspruch und wenig kom­mer­zi­el­lem Erfolg pro­du­zier­te, starb im Jah­re 2004 im Alter von nur 53 Jah­ren an Krebs.

Wil­de Tem­pi­wech­sel, außer­ge­wöhn­li­che Melo­die­füh­rung, schrei­en­der Gesang: ‘Debo­rah’ war kein bra­ves Mädchen.

Dome­ni­co Mod­ug­no durf­te nicht mit sei­nem eige­nen Lied ‘Meraviglio­so’ antre­ten, weil sich die­ses text­lich mit dem The­ma Sui­zid aus­ein­an­der­setz­te – ein Jahr nach dem dra­ma­ti­schen Frei­tod des San-Remo-Teil­neh­mers Lui­gi Ten­co in Fol­ge sei­ner schlech­ten Bewer­tung durch die Jury ein deut­lich zu hei­ßes Eisen für die Fes­ti­val-Ver­ant­wort­li­chen. Er muss­te sich statt­des­sen mit Tony Renis des­sen Bal­la­de ‘Il Pos­to mio’ (‘Mein Zuhau­se’) tei­len und schied in der Vor­run­de aus. Noch schlech­ter traf es hin­ge­gen den Sän­ger und Schau­spie­ler Aldo Capo­ni ali­as Don Backy, der die auf den Rän­gen zwei und drei lan­den­den Lie­der ‘Casa bian­ci’ und ‘Can­zo­ne’ geschrie­ben hat­te und eigent­lich auch selbst inter­pre­tie­ren woll­te. Unglück­li­cher­wei­se über­warf er sich zuvor mit sei­nem Label­chef Adria­no Cel­en­ta­no, der ihm aus Rache einen eige­nen Auf­tritt ver­wehr­te. Das ‘Wei­ße Haus’ ging dar­auf­hin an die wie immer sen­sa­tio­nel­le Ornel­la Vano­ni, das ‘Lied’ an die nicht min­der hin­rei­ßen­de Mil­va und an Cel­en­ta­no selbst, der sich mal wie­der öffent­lich als Enfant ter­ri­ble insze­nier­te, in dem er auf der Büh­ne rauch­te und einem Ton­tech­ni­ker vor lau­fen­den Kame­ras Trink­geld gab.

Wie kön­nen sich so viel Talent, Stimm­kraft, Aus­strah­lung und Anmut in nur einer Per­son ver­ei­nen? Die abso­lut gött­li­che Milva.

Wenigs­tens durf­te Don Backy sein ‘Can­zo­ne’ als eige­ne Auf­nah­me her­aus­brin­gen und ver­kauf­te davon deut­lich mehr Exem­pla­re als sein rüpel­haf­ter Clan­chef. Den größ­ten kom­mer­zi­el­len Erfolg auf dem Hei­mat­markt konn­te aller­dings der in der Jury­wer­tung ledig­lich fünft­plat­zier­te, musi­ka­lisch kar­ne­val­es­ke Schun­kel­schla­ger ‘La Tra­mon­ta­na’ (‘Der Nord­wind’) des fran­zö­si­schen Hip­pie-Künst­lers Pierre Antoi­ne Murac­cio­li errin­gen, der selbst den San-Remo-Sie­ger­song ‘Can­zo­ne per te’ von und mit Ser­gio End­ri­go über­hol­te. Wie bereits im Vor­jahr dele­gier­te die Rai den Gewin­ner des ligu­ri­schen Lie­der­wett­be­werbs zum Euro­vi­si­on Song Con­test, aller­dings nicht mit eben jenem Titel, son­dern mit einem neu­en, wie­der­um vom Künst­ler selbst geschrie­be­nen. Ob man das ursprüng­li­che ‘Lied für dich’ nun als für zu schlecht für die euro­päi­sche Büh­ne erach­te­te oder im Gegen­teil als für zu gut, mag dahin­ge­stellt blei­ben. Ser­gi­os Kon­kur­rent Cliff Richard gefiel jeden­falls, was die­ser in Lon­don statt­des­sen vor­trug: er cover­te ‘Mari­an­ne’. Auch eine Art von Ritterschlag.

Mit Rang zehn ange­mes­sen ent­lohnt: Ser­gio End­ri­go mit dem ESC-Bei­trag ‘Mari­an­ne’.

Vor­ent­scheid IT 1968

Fes­ti­val del­la Can­zo­ne ita­lia­na di San­re­mo. Sams­tag, 3. Febru­ar 1968, aus dem Casinò Muni­ci­pa­le in San Remo. 28 Teilnehmer:innen. Mode­ra­ti­on: Pip­po Bau­do und Lui­sa Rivelli.
#Interpret:inInterpret:inTitelJuryPlatzCharts
01Gian­ni PettenatiAntoi­neLa Tra­mon­ta­na1720501 | 20
02Ser­gio EndrigoRober­to CarlosCan­zo­ne per te3060102 | 05
03Al BanoBob­by GentriLa Sie­pe0920912 | –
04Lara Saint PaulLou­is ArmstrongMi va di cantare0491307 | –
05Wil­ma GoichDinoGli Occhi miei07111– | 10
06Ornel­la VanoniMari­sa SanniaCasa bian­ca2550205 | 02
07Giglio­la CinquettiGiu­lia­na ValciSera09708– | –
08Anna­ri­ta SpinachiYoko KichiSta­not­te sen­ti­rai una Canzone05212– | –
09Mas­si­mo RanieriI Gigan­tiDa Bam­bi­no12307– | 10
10Litt­le TonyMario Guar­ne­raUn Uomo pia­n­ge solo per Amore0821007 | –
11Anna Iden­ti­ciThe Sand­pi­persQuan­do m’innamoro1260608 | 13
12Tony del MonacoDion­ne WarwickLa Voce del Silenzio02814– | –
13Faus­to LealiWil­son PickettDebo­rah22404– | 03
14Adria­no CelentanoMil­vaCan­zo­ne2510303 | –

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