A Song for Euro­pe 1971: Das machen nur die Bei­ne von Dolores

Auch nach dem frü­hen Tod des BBC-Unter­hal­tungs­chefs und Euro­vi­si­ons­ver­ant­wort­li­chen Tom Slo­an kurz nach dem Con­test von 1970 im Alter von 50 führ­te sein Nach­fol­ger Bill Cot­ton das seit Jah­ren bewähr­te Vor­ent­schei­dungs­ver­fah­ren fort. Als Grand-Prix-Reprä­sen­tan­tin wähl­te man die Sän­ge­rin Clo­dagh Rod­gers aus, die bereits eine Hand­voll von Chart-Hits vor­wei­sen konn­te und auch auf­grund ihres attrak­ti­ven Äuße­ren (“The Best Legs in Bri­tish Show­busi­ness”) gern gese­he­ner Gast in TV-Shows war. Da der Wett­be­werb 1971 erst­ma­lig in Irland statt­fand, könn­te man die Ernen­nung der gebür­ti­gen Nord­irin als Beschwich­ti­gungs­ges­te im damals hit­zig geführ­ten Dis­put über den bri­tisch besetz­ten Teil der Insel inter­pre­tie­ren, wobei von dort Schmä­hun­gen als “Ver­rä­te­rin” und Todes­dro­hun­gen gegen­über Clo­dagh ein­gin­gen. Wie immer kom­mis­sio­nier­te eine Sen­der­ju­ry aus mehr als 200 ein­ge­reich­ten Lied­vor­schlä­gen sechs Titel, wel­che die Blon­di­ne zunächst in wöchent­li­chen Abstän­den ein­zeln in der Show It’s Cliff Richard vor­stell­te. Im A Song for Euro­pe-Fina­le sang sie dann alle sechs am Stück. Eröff­net wur­de die­se Gala mit einer Ren­di­ti­on des letzt­jäh­ri­gen bri­ti­schen Bei­trags ‘Knock know, who’s the­re’ – aller­dings nicht durch des­sen eigent­li­che Inter­pre­tin Mary Hop­kin, die ihn bekannt­lich hass­te, son­dern durch Cliff Richard persönlich.

Erhielt die höchs­te Ein­zel­wer­tung und führ­te im Jury­vo­ting für eine Wei­le: das schließ­lich zweit­plat­zier­te ‘Someo­ne to love me’, musi­ka­lisch sicher­lich der bes­se­re Titel.

Ein lang­wie­ri­ger Streik der bri­ti­schen Post ver­un­mög­lich­te die sonst stan­dard­mä­ßig zur Anwen­dung kom­men­de Publi­kums­ent­schei­dung per Kar­te. So griff die BBC not­ge­drun­gen auf acht regio­na­le Jurys mit jeweils zehn Mit­glie­dern zurück. Ein Umstand, der die am kom­mer­zi­el­len Erfolg inter­es­sier­te Inter­pre­tin besorg­te: “Wür­den wir den Song wäh­len, den auch das Publi­kum gewollt hat?”, äußer­te sie Gor­don Rox­burghs Fibel Songs for Euro­pe zufol­ge in einem Inter­view. “Denn völ­lig egal, ob ich den Song mag – ob das Publi­kum ihn mag, ist die wich­tigs­te Fra­ge,” so Clo­dagh. Doch die acht­zig Juror:innen tra­fen die offen­sicht­lichs­te Wahl und optier­ten mehr­heit­lich für den Kir­mes­schla­ger ‘Jack in the Box’, des­sen Autoren­team gegen­über einem Repor­ter offen zugab: “Wir haben ganz bewusst den Stil von ‘Pup­pet on a String’ stu­diert, um einen typi­schen Euro­vi­si­ons­song zu schrei­ben”. Und exakt so hör­te sich ihr Lied auch an, über wel­ches die Musik­zeit­schrift New Musi­cal Express sehe­risch urteil­te: “Es hat eine maß­ge­schnei­der­te, prä­zi­si­ons­ge­bau­te For­mel für den Euro­vi­si­on Song Con­test. Ein Stück ‘Pup­pet on a String’, eine groß­zü­gi­ge Por­ti­on ‘Congra­tu­la­ti­ons’, ein Sprit­zer ‘Boom Bang a Bang’ und ein La-la-Refrain. Es ist ein ver­trau­tes und bewähr­tes Mus­ter. […] Ob die euro­päi­schen Jurys den­ken, dass wir uns damit fest­ge­fah­ren haben, bleibt abzu­war­ten”.

Eine Instru­men­tie­rung wie Faust­schlä­ge ins Gesicht: der Video­clip zu ‘Jack in the Box’.

Um es kurz zu machen: sie dach­ten es. Nach durch­gän­gig ers­ten oder zwei­ten Plät­zen für das Ver­ei­nig­te König­reich seit 1967 muss­te Clo­daghs Ergeb­nis mit Rang 4 als leich­te Ent­täu­schung gel­ten. Bei aller unbe­streit­ba­ren Ein­gän­gig­keit wirk­te die bri­ti­sche Grand-Prix-For­mel mitt­ler­wei­le etwas abge­grif­fen. Dass Clo­dagh, die anders als wei­land San­die Shaw, kein Pro­blem mit dem extra­or­di­när sexis­ti­schen Song­text hat­te, in wel­chem sie sich zum jeder­zeit berei­ten und nach Benut­zung weg­werf­ba­ren Spiel­zeug degra­dier­te, auf der Euro­vi­si­ons­büh­ne rosa­far­be­ne, glit­zern­de Hot Pants trug, um ihre viel­ge­rühm­ten Bei­ne zu prä­sen­tie­ren, unter­strich die Sex-sells-Atti­tü­de und soll­te als opti­sches Allein­stel­lungs­merk­mal die­nen. Wel­ches ihr die direkt vor ihr auf­ge­tre­te­ne mone­gas­si­sche Ver­tre­te­rin Moni­que Mel­sen jedoch strei­tig mach­te, die sich für ein genau­so frei­zü­gi­ges Out­fit ent­schied. So wirk­te das gan­ze Paket ein wenig ver­zwei­felt. Das Pech soll­te Rod­gers auch im Anschluss ver­fol­gen: ihren Plan, den bei A Song for Euro­pe letzt­plat­zier­ten Pop-Ban­ger ‘Ano­t­her Time, ano­t­her Place’ als Nach­fol­ge­sin­gle zu ver­öf­fent­li­chen, durch­kreuz­te der spä­te­re ESC-Kol­le­ge Engel­bert Hum­per­dinck, der sei­ne Cover­ver­si­on frü­her her­aus­brach­te und ihr damit einen poten­ti­el­len Hit wegnahm.

Weni­ger Tem­po, mehr vibrie­ren­der Schleim: Engel­bert ver­sülz­te Clo­daghs Vor­ent­schei­dungs­bei­trag und hat­te mit sei­ner Ver­si­on einen Hit.

Ande­re Titel flopp­ten mit einer Aus­nah­me. 1977 kop­pel­te Clo­dagh als letz­ten ver­geb­li­chen Ver­such vor dem Ver­lust ihres Plat­ten­ver­trags den coun­try­las­ti­gen Dis­co­schla­ger ‘Save me’ aus, der aller­dings erst zwei Jah­re spä­ter in der auf­ge­pimp­ten Ver­si­on der süd­afri­ka­ni­schen Girl­group Scout zum Euro­hit wur­de. Wenig zu ihrer Popu­la­ri­tät trug ein Zwi­schen­fall aus dem Jahr ihrer Euro­vi­si­ons­teil­nah­me bei: bereits fest für eine zehn­wö­chi­ge Varie­te­show gebucht, in wel­cher sie knapp die Hälf­te des Pro­gramms bestrei­ten soll­te, stürm­te sie nach einem Dis­put über Kür­zun­gen ihrer Show-Antei­le nur 15 Minu­ten vor der Pre­miè­re aus dem Thea­ter. 1995 muss­te Rod­gers, in den Acht­zi­gern eine pro­mi­nen­te Wer­be­fi­gur, Bank­rott anmel­den, nach­dem sie und ihr zwei­ter Ehe­mann, der noch im sel­ben Jahr starb, sich mit einem Restau­rant über­nom­men hat­ten. 1999 schaff­te es ein remix­ter Sam­ple ihrer drei Jahr­zehn­te alten Hit­sin­gle ‘Come back and shake me’ auf den Sound­track der bahn­bre­chen­den bri­ti­schen TV-Serie Queer as Folk. Neben Auf­trit­ten in Musi­cals und TV-Shows spiel­te Rod­gers Anfang der 2000er eben­falls in einer TV-Serie mit. 2015 zog sie sich aus dem Geschäft zurück.

Wirkt noch etwas unaus­ge­go­ren und unfer­tig: Clo­daghs Ori­gi­nal­ver­si­on von Clouts Chart-Hit ‘Save me’ (Reper­toire­bei­spiel).

Vor­ent­scheid UK 1971

A Song for Euro­pe. Sams­tag, 20. Febru­ar 1971, aus dem TV-Stu­dio der BBC in Lon­don. Eine Teil­neh­me­rin (Son­g­ent­scheid). Mode­ra­ti­on: Cliff Richard. Acht regio­na­le Jurys.
#Inter­pre­tinSong­ti­telJuryPlatz
01Clo­dagh RodgersLook left, look right0605
02Clo­dagh RodgersIn my World of beau­ti­ful Things1204
03Clo­dagh RodgersJack in the Box2201
04Clo­dagh RodgersAno­t­her Time, ano­t­her Place0606
05Clo­dagh RodgersWind of Change1703
06Clo­dagh RodgersSomeo­ne to love me1702

Zuletzt aktua­li­siert: 19.07.2021

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