Ein Lied für Rom 1991: Kein Land in Sicht

Vier Mal inner­halb der letz­ten Deka­de ein Platz ganz weit hin­ten beim euro­päi­schen Wett­sin­gen, dar­un­ter zwei letz­te und ein Nul­poin­ter, ein nach­träg­lich dis­qua­li­fi­zier­ter Vor­ent­schei­dungs­sie­ger im Vor­jahr: der Euro­vi­si­on Song Con­test genoss bei den Österreicher:innen Anfang der Neun­zi­ger nicht unbe­dingt das bes­te Anse­hen. Zumal er sich musi­ka­lisch nie­mals wei­ter weg vom aktu­el­len Pop­ge­sche­hen prä­sen­tier­te als zu jener Zeit, nicht zuletzt auf­grund des noch immer gel­ten­den Lan­des­spra­chen­zwangs: auch in der hei­mi­schen Hit­pa­ra­de domi­nier­ten sei­ner­zeit fast aus­schließ­lich eng­lisch­spra­chi­ge Pop-Pro­duk­tio­nen, als ein­zi­ge Aus­nah­men konn­ten sich die frü­he­re Vor­ent­schei­dungs­teil­neh­me­rin Jazz-Git­ti und die Blö­del­trup­pe EAV unter die Top 30-Jah­res­charts mischen. Von den bei­den war jedoch beim aktu­el­len natio­na­len Fina­le kei­ne Spur zu fin­den, eben­so wie von der Sen­dung selbst heu­te auf You­tube. Statt­des­sen führ­te, wie bereits 1982, der spä­ter als Mode­ra­tor einer Heim­wer­ker­sen­dung bekann­te Andre­as Stepp­an durch einen Abend der musi­ka­li­schen Abgrün­de, bei dem sich wei­test­ge­hend namen­lo­se San­ges­stern­chen mit kraft­lo­sen Schla­ger­chen das Mikro in die Hand gaben.

Die Play­list mit fünf der zehn Vor­ent­schei­dungs­ti­teln, fast alle nur in der Audio­ver­si­on zu finden.

So prä­sen­tier­ten eine Eli­sa (wer?) und ein Alex (wer?) mit ‘Du und ich’ eine kitsch­trie­fen­de Schla­ger­bal­la­de, die in Anbe­tracht der dort ver­sam­mel­ten musi­ka­li­schen und text­li­chen Kli­schees nur aus dem Hau­se Sie­gel / Mei­nun­ger stam­men kann. Das milch­ge­sich­ti­ge Schul­mäd­chen­duo Fresh sang einen nicht min­der alt­ba­cke­nen Grand-Prix-Schla­ger aus der Feder des ehe­ma­li­gen Danu­be-Mit­glieds Marc Ber­ry, der im Chor mit­kräh­te. Die frü­he­re ESC-Reprä­sen­tan­tin Ani­ta Span­ner ver­such­te es ein wei­te­res Mal, ertrank aber trotz ‘Land in Sicht’ im Meer der musi­ka­li­schen Nich­tig­keit. Das 1997 gegrün­de­te Damen­t­rio Three Girl Mad­house, in dem Bet­ti­na Soirat mit­wirk­te, ver­such­te es ver­ge­bens mit Tanz­ba­rem. Der aus einer bur­gen­län­di­schen Roma-Fami­lie stam­men­de Anton Hans Sar­kö­zi hat­te in den bei­den Jah­ren zuvor unter dem Pseud­onym “Tony Vegas” zwei eng­lisch­spra­chi­ge Sin­gles her­aus­ge­bracht, die klan­gen, als sei­en sie von Die­ter Boh­len pro­du­ziert, jedoch flopp­ten. Für sei­ne Teil­nah­me am Grand-Prix-Vor­ent­scheid änder­te er sei­nen Namen in das etwas seriö­se­re Wegas und ver­such­te es mit einer eben­falls von Marc Ber­ry ver­bro­che­nen Bau­kas­ten­bal­la­de namens ‘Wun­der die­ser Welt’, was für die Sil­ber­me­dail­le reich­te. Der ORF soll­te ihn dar­auf­hin im Fol­ge­jahr fix als Ver­tre­ter buchen, lus­ti­ger­wei­se tat­säch­lich mit einem Werk des deut­schen Pop-Titanen.

Ich schwin­ge nur mein Glied heut Nacht: schon 1989 zog Tho­mas Forst­ner alle Regis­ter des gepfleg­ten Schachtlappentums.

Der hat­te bereits 1989 für den sei­ner­zeit eben­falls intern aus­ge­wähl­ten Talent­show­ge­win­ner Tho­mas Forst­ner, des­sen “atem­be­rau­ben­de Farah-Faw­cett-Fön­wel­le fri­su­ren­tech­nisch die Essenz des Wett­be­werbs” dar­stell­te, um aus Tim Moo­res hoch unter­halt­sa­men Buch Null Punk­te zu zitie­ren, und der sich aktiv bei dem Ham­bur­ger Kom­po­nis­ten als Inter­pret für den bereits fest­ste­hen­den Song bewarb, sei­ne alte Chris-Nor­man-Num­mer ‘Mid­ni­ght Lady’ noch­mal als ‘Nur ein Lied’ frisch auf­ge­bü­gelt. Ein fünf­ter Rang in Lau­sanne und ein Num­mer-Eins-Hit zuhau­se waren der Mühen Lohn. Nach einer eher mit­tel­präch­tig lau­fen­den Nach­fol­ge­sin­gle ende­te die Zusam­men­ar­beit bereits wie­der und der ehe­ma­li­ge Wie­ner Sän­ger­kna­be war erneut auf sich allei­ne gestellt. Sein Lied für Rom ent­sprang dem Hirn­st­überl eines Song­schrei­bers mit dem schö­nen Namen Rob­by Musen­bich­ler, und mehr muss man über den ran­zi­gen Schla­ger­quark namens ‘Vene­dig im Regen’ eigent­lich gar nicht wis­sen. Dass er mit dem inhalt­lich sinn­frei­en Mach­werk die Kon­kur­renz in Wien den­noch able­dern konn­te, dürf­te damit zu tun haben, dass deren Ange­bo­te sich als noch schlech­ter erwie­sen und man von Tho­mas zumin­dest wuss­te, dass er schon mal beim Grand Prix Erfolg hat­te. Oder aber es lag an dem feschen, gold­be­stick­ten Bolero­jäck­chen, das er bei sei­nem Vor­ent­schei­dungs­auf­tritt trug.

Ohne quiet­schen­de Trom­pe­ten und schief gesun­ge­ne Töne sogar eini­ger­ma­ßen anhör­bar: Vien­na im Regen, der Vorentscheidungsauftritt.

In der ita­lie­ni­schen Metro­po­le wur­de der Gold­kna­be jedoch vom Pech ver­folgt: sei­ne pracht­vol­le Fuß­bal­ler­mat­te zeig­te sich qua­si stünd­lich schüt­te­rer (beim Auf­tritt im Euro­club im Umfeld des ESC 2015 in Wien prä­sen­tier­te sich Forst­ner mit Voll­glat­ze), das schrei­en­de Lila sei­nes Eis­läu­fer­kos­tüms tat im Auge weh, das unfä­hi­ge Rai-Orches­ter und das pom­pös-schlep­pen­de Arran­ge­ment raub­ten der Schla­ger­bal­la­de ihre ursprüng­li­che, sanf­te Melan­cho­lie. Der ver­zwei­fel­te Sän­ger dreh­te dar­auf­hin sein pro­to­ty­pi­sches Over­ac­ting auf Stu­fe elf, konn­te damit aber nichts mehr ret­ten: die nächs­ten bit­te­ren Nul Points für Öster­reich und das Kar­rie­re­en­de für den Inter­pre­ten, auch wenn ‘Vene­dig im Regen’ noch­mal Rang 5 in den hei­mi­schen Charts erober­te. Doch anders als in frü­he­ren Jah­ren, wo die Aus­tria-Pres­se schlech­te Ergeb­nis­se beim euro­päi­schen Schla­ger­wett­be­werb stets als unver­dien­tes Schick­sal ach­sel­zu­ckend hin­nahm, rich­te­te sich nun erst­ma­lig der Zorn gegen den Reprä­sen­tan­ten und gab ihm die Schuld am “rot­weiß­ro­ten Natio­nal­be­gräb­nis in Rom”, wie Die Pres­se es for­mu­lier­te. Sei der “Bade­meis­ter-Charme des 21jährigen” 1989 noch mit einem “skan­da­lös guten fünf­ten Platz hono­riert wor­den, so rück­ten die Schieds­rich­ter heu­er die Din­ge ent­schie­den zurecht,” so die Zei­tung. Auch die Kro­ne glaub­te: “Ganz Euro­pa kann nicht irren”.

Forst­ner zufol­ge sei die mise­ra­ble Rai-Ton­tech­nik ver­ant­wort­lich: das, was über den Sen­der ging, habe mit der Live-Dar­bie­tung nichts zu tun gehabt. Okay…

Der in Wien leben­de deut­sche Künst­ler Tex Rubi­no­witz mach­te in sei­nem Tho­mas­evan­ge­li­um – einem sati­ri­schen Gast­bei­trag zum 2015 erschie­ne­nen Buch Frie­de, Freu­de, Quo­ten­brin­ger von Mario Lack­ner und dem Blog­be­trei­ber – gar einen “reli­giö­sen Grund” für die Plei­te aus: “Tho­mas hat kei­ne Ohr­läpp­chen, wodurch er etwas Sata­ni­sches bekommt. Das in einem alt­ka­tho­li­schen Land wie Ita­li­en geht gar nicht”. In Öster­reich eben­so wenig: so mas­siv fiel die media­le Hexen­jagd aus, dass der in Deutsch-Wagram Gebo­re­ne auf Tauch­sta­ti­on gehen muss­te. In der Musik­in­dus­trie habe man ihn – jeden­falls sei­ner eige­nen Erzäh­lung zufol­ge – zur “Per­so­na non gra­ta” erklärt, weil er die ihm danach über­haupt noch ange­bo­te­nen Grot­ten­schla­ger nicht sin­gen woll­te. Forst­ner such­te sich gezwun­ge­ner­ma­ßen einen neu­en Brot­job als Pro­gram­mie­rer. Heu­te lebt er auf einem eige­nen Bau­ern­hof in Kärn­ten und hält dort Scha­fe, die er “vor dem Kebap geret­tet” hat, wie er in einem Radio-Inter­view ver­riet. Im Mai 2021 ver­öf­fent­lich­te er dann wie­der eine Sin­gle: das chil­li­ge ‘Sum­mer Dream’, eigent­lich ein schö­nes Stück für die Strand­bar. Scha­de nur, dass es in die­sem Jahr kei­nen rich­ti­gen Som­mer gab…

Vom Regen in die Son­ne: klingt gleich viel besser!

Vor­ent­scheid AT 1991

Ein Lied für Rom. Sams­tag, 16. März 1991, aus den ORF Stu­di­os in Wien. Zehn Teilnehmer:innen. Mode­ra­ti­on: Andre­as Stepp­an, Nico­le Fen­de­sack. Jury (50%) und Tele­vo­ting (50%).
#Inter­pre­tenSong­ti­telPlatz
01AlexZurück zu dir08
02Erwin BrosNur vom Frie­den zu reden04
03Nata­schaGebt den Kin­dern die­ser Welt10
04Three Girl Madhouse100109
05Ani­ta SpannerLand in Sicht07
06FreshSpürst du06
07Tony WegasWun­der die­ser Welt02
08Curt StrohmFeu­er05
09Alex + ElisaDu und ich03
10Tho­mas ForstnerVene­dig im Regen01

Letz­te Aktua­li­sie­rung: 11.10.2021

< Ein Lied für Zagreb 1990

Ein Lied für Mill­street 1993 >

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Kommentare werden moderiert. Es kann etwas dauern, bis dein Kommentar angezeigt wird.