Deut­scher Vor­ent­scheid 1956: Ach die armen, armen Leute

Zuge­ge­ben: anno 1956, als der Euro­vi­si­on Song Con­test zum ers­ten Mal statt­fand, sei­ner­zeit im schwei­ze­ri­schen Luga­no, weil­te ich noch nicht auf die­sem Pla­ne­ten; da war ich noch nicht mal in der Pla­nung. Der ers­te Grand Prix, den ich (als damals Elf­jäh­ri­ger) mit Sicher­heit live vor dem Fern­se­her sah, war der von 1979.

Für die Zeit davor kann ich mich nur auf Video­auf­zeich­nun­gen stüt­zen, wobei für 1956 aller­dings kei­ne zu exis­tie­ren scheint. Oder wie­der­ge­ben, was ande­re Quel­len offen­ba­ren, ins­be­son­de­re Jan Fed­der­sens kom­pe­ten­te (und sehr emp­feh­lens­wer­te) Euro­vi­si­ons­bi­bel ‘Ein Lied kann eine Brü­cke sein’ von 2001, die mir ein gutes Stück weit als Inspi­ra­ti­on und Grund­stock für die­sen Blog dien­te. Doch für das Grün­dungs­jahr des Grand Prix Euro­vi­si­on de la Chan­son sto­chert auch die­se ziem­lich im Nebel.

Ver­dammt es gab ihn, es gab ihn nicht?
Das unge­lös­te Rät­sel um den deut­schen Vor­ent­scheid von 1956

So schwebt bis heu­te ein dickes Fra­ge­zei­chen über der ers­ten deut­schen Grand-Prix-Vor­ent­schei­dung: zwar sei im Pre­mie­ren­jahr des euro­päi­schen Wett­be­werbs ein vor­ge­schal­te­tes natio­na­les Fina­le in den Teil­neh­mer­län­dern prin­zi­pi­ell vor­ge­schrie­ben oder zumin­dest als Soll­be­stim­mung drin­gend anemp­foh­len gewe­sen, wie im Jah­re 2017 aus­ge­gra­be­ne Doku­men­te aus dem Stadt­ar­chiv von Luga­no nahelegen.

Dem­entspre­chend ver­kün­de­te die sei­ner­zeit auf­la­gen­stärks­te deut­sche Pro­gramm­zeit­schrift Hör­Zu nach den flei­ßi­gen Recher­chen des Grand-Prix-Exper­ten und taz-Jour­na­lis­ten Fed­der­sen für den 1. Mai 1956 eine sol­che Sen­dung im Ers­ten Pro­gramm der ARD. Mit arri­vier­ten Stars die­ser Zeit, wie z.B. den bei­den Schla­ger-Mar­gots (näm­lich der Hiel­scher und der Eskens), dem Quar­tett Frie­del Hensch & die Cyprys (groß­ar­ti­ge Wirt­schafts­wun­der-Hits: Der Novak’, ‘Egon’, ‘Mein Ide­al’, ‘Wenn ich will, stiehlt der Bill’), dem Schmon­zet­ten­kö­nig Ger­hard Wend­land und der auch in Deutsch­land sehr erfolg­rei­chen schwe­di­schen Schla­ger­si­re­ne Bibi Johns.

Süd­ame­ri­ka­ni­sche Rhyth­men vor süd­deut­scher Wirts­haus­ku­lis­se (Reper­toire­bei­spiel): die Schla­ger­film-Iko­ne Mar­got Hiel­scher soll am ers­ten deut­schen Vor­ent­scheid teil­ge­nom­men haben. Wenn es ihn denn tat­säch­lich gab.

Die sich jedoch, soweit von Jan hier­zu befragt, an einen deut­schen Vor­ent­scheid in die­sem Jahr alle­samt nicht erin­nern konn­ten oder woll­ten. Hat also die hier­für berüch­tig­te Sprin­ger­pres­se mal wie­der wie üblich gelo­gen (die Hör­Zu erschien damals beim Axel-Sprin­ger-Ver­lag, der auch das rech­te Hetz­blatt Bild her­aus­gibt)? In die­sem Fall zumin­dest nicht vor­sätz­lich: die Druck­le­gung von TV-Zeit­schrif­ten erfolgt bereits Wochen im Vor­aus, kurz­fris­ti­ge Pro­gramm­än­de­run­gen las­sen sich dort nicht mehr berück­sich­ti­gen. Die Ankün­di­gun­gen von Hör­Zu & Co. kön­nen daher bes­ten­falls als Absichts­er­klä­rung ver­stan­den wer­den, nicht aber als über jeden Zwei­fel erha­be­ner Beleg.

Ganz prag­ma­tisch kom­men­tier­te die gan­ze Sache der in Wien gebo­re­ne und jahr­zehn­te­lang in Ham­burg leben­de deut­sche See­mann vom Dienst, Fred­dy Quinn, der in der Pro­gramm­an­kün­di­gung der Hör­Zu zwar nicht auf­tauch­te, den die ARD aber den­noch als einen von zwei Ver­tre­tern nach Luga­no ent­sand­te. Quinn erin­ner­te sich im Fed­der­sen-Inter­view zwar auch nicht mehr genau, an einer Vor­ent­schei­dung teil­ge­nom­men zu haben, mein­te aber:

Es muss eine statt­ge­fun­den haben. Wie hät­te es Wal­ter Andre­as Schwarz sonst schaf­fen sol­len? Er war vor­her nicht bekannt und hin­ter­her hat­te er auch kei­nen Hit”.

Eine ganz schön fie­se Bitch: Fred­dy Quinn mit sei­nem Wett­be­werbs­ti­tel ‘So geht das jede Nacht’.

Das mag man jetzt zwar als ganz schön her­ab­las­send emp­fin­den. Inhalt­lich ist der fie­se Wie­ner Burn jedoch unwi­der­leg­bar. Plat­ten­mil­lio­när Fred­dy (rap­por­tier­te Ver­kaufs­zah­len über die Gesamt­dau­er sei­ner Schla­ger­kar­rie­re: 60 Mil­lio­nen Ton­trä­ger!), der mit sei­nem legen­dä­ren Ever­green ‘Heim­weh’ den meist­ge­spiel­ten Song des Jah­res 1956 lan­de­te, schaff­te es auch mit sei­nem Euro­vi­si­ons­bei­trag ‘So geht das jede Nacht’ bis auf Rang 10 der Musik­box-Charts. Die­se monat­lich her­aus­ge­be­ne Lis­te maß die meist­ge­drück­ten Titel der damals noch deutsch­land­weit in Knei­pen sta­tio­nier­ten Juke­bo­xen. Eine offi­zi­el­le Ver­kaufs­hit­pa­ra­de gab es erst ab 1959.

Unver­hei­ra­tet und kinderlos
(Heim­li­che) que­e­re ESC-Reprä­sen­ta­ti­on gleich zum Start?

Der im Jah­re 1913 im sach­sen-anhal­ti­ni­schen Aschers­le­ben als Sohn jüdi­scher Eltern gebo­re­ne und in Wien stu­diert haben­de W. A. Schwarz hat­te die Ver­fol­gung durch die Nazis und das Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger nur des­we­gen über­lebt, weil der KZ-Lager­lei­ter ein frü­he­rer Schul­freund von ihm war. Schwarz fand sein Aus­kom­men sowohl vor als auch nach der Euro­vi­si­ons­teil­nah­me als Schau­spie­ler, Hör­spiel­spre­cher und nach­denk­lich-kaba­ret­tis­ti­scher Chan­son­nier, des­sen anspruchs­vol­le Wer­ke aller­dings eher in den Kul­tur­sen­dun­gen der ARD-Hör­funk­wel­len ihren Nischen­platz fan­den, anstatt wie Quinns Rock’n’Roll-Schlager und gefüh­li­ge Schmacht­fet­zen aus­ver­kauf­te Säle zum Kochen zu bringen.

Schwarz ver­starb im Jah­re 1992 – “unver­hei­ra­tet und kin­der­los”, wie Jan Fed­der­sen in sei­nem Buch notier­te. Ein sei­ner­zeit, als Homo­se­xua­li­tät noch als die Lie­be galt, “die ihren Namen nicht zu sagen wagt”, ger­ne ver­wen­de­ter, hüs­telnd-ver­blüm­ter Euphe­mis­mus. Ob der seit frü­hes­ter Kind­heit künst­le­risch inter­es­sier­te Wal­ter Andre­as nun tat­säch­lich zu den “Freun­den Doro­thys” zähl­te, ist indes nicht belegt.

Wie auch: als offen dem eige­nen Geschlecht zuge­neig­ter Jude hät­te sich der Mann unter den Nazis gleich einer Mehr­fach­ge­fähr­dung aus­ge­setzt. Und nach dem zwei­ten Welt­krieg ging es in der Bun­des­re­pu­blik mit der Schwu­len­ver­fol­gung (und ‑inhaf­tie­rung!) noch bis Ende der Sieb­zi­ger naht­los wei­ter. Auch über Quinn hiel­ten sich übri­gens jahr­zehn­te­lang hart­nä­cki­ge Gerüch­te, wel­che der mehr­fach (mit Frau­en) ver­hei­ra­te­te Sän­ger, Schau­spie­ler und Akro­bat frei­lich stets vehe­ment abstritt.

Vom “Kai der Ver­gan­gen­heit” in die Wirk­lich­keit: eine eher nach­denk­li­che als mah­ne­ri­sche Reflek­ti­on auf die deut­sche Geschichts­ver­ges­sen­heit vom KZ-Über­le­ben­den W.A. Schwarz.

Wer bin ich und wenn ja, wie viele?
Das Rät­sel um Lys Assia

Es geht aber noch bizar­rer: laut Hör­Zu soll 1956 auch die schwei­ze­ri­sche Grand-Prix-Ver­tre­te­rin Lys Assia an der deut­schen Vor­auswahl teil­ge­nom­men haben. Was die betrof­fe­ne Künst­le­rin auf Nach­fra­ge durch Jan Fed­der­sen weder bestrei­ten noch bestä­ti­gen woll­te, was aber in den wil­den Anfangs­jah­ren des euro­päi­schen Wett­be­werbs durch­aus vor­kam. Man stel­le sich vor, sie hät­te sich nicht nur in der Eid­ge­nos­sen­schaft, son­dern auch bei uns qua­li­fi­ziert: wäre sie dar­auf­hin im male­ri­schen Tes­sin, wo das ers­te euro­päi­sche Wett­sin­gen statt­fand, gleich für zwei Natio­nen angetreten?

Rein theo­re­tisch zwar durch­aus denk­bar, denn tat­säch­lich erließ die Euro­päi­sche Rund­funk­uni­on (EBU) – die Aus­rich­te­rin der mitt­ler­wei­le heiß­ge­lieb­ten jähr­li­chen Lie­der­fest­spie­le – erst im Jah­re 2003, als es die pol­ni­sche Band Ich Tro­je zeit­gleich sowohl in der sla­wi­schen Hei­mat als auch bei der deut­schen Vor­ent­schei­dung ver­such­te, eine ver­bind­li­che Vor­schrift, wonach ein Act beim Haupt­wett­be­werb immer nur ein Land pro Jahr­gang reprä­sen­tie­ren darf. 1956 hin­ge­gen exis­tier­te noch kein umfang­rei­ches Regel­werk. Man kam wohl gar nicht erst auf die Idee, dass das jemand ver­su­chen könne.

Ein ers­tes Licht in die Sache bringt der Hin­weis mei­nes Lesers Chris in den Kom­men­ta­ren: danach sei, wie er unter Bezug­nah­me auf ein im Jah­re 2005 erschie­ne­nes, mitt­ler­wei­le lei­der nicht mehr ver­füg­ba­res Buch des Nor­we­gers Tscha­jk Frei­berg ver­mel­det, ursprüng­lich wirk­lich ein deut­scher Vor­ent­scheid geplant gewe­sen, mit Lys Assia nicht als Wett­be­werbs­teil­neh­me­rin, son­dern als Star­gast im Rah­men­pro­gramm. Den die ARD jedoch kurz­fris­tig über Bord gewor­fen habe, weil die Poly­dor, Fred­dys Plat­ten­fir­ma, auf einer Direkt­no­mi­nie­rung ihres damals noch am Kar­rie­re­an­fang ste­hen­den, über Jah­re teu­er auf­ge­bau­ten Künst­lers bestand. Für den noch zu beset­zen­den zwei­ten Start­platz habe man dann eine Wild­card an die Ario­la gege­ben, bei wel­cher W.A. Schwarz unter Ver­trag stand.

Der hier ver­zehr­te Sekt kann sicher­lich nicht die ein­zi­ge Dro­ge sein, die bei der Ent­ste­hung Schla­ger­films ‘Sym­pho­ny in Gold’ mit der Vor­ent­scheid-Teil­neh­me­rin Frie­del Hensch eine Rol­le spiel­te (Reper­toire­bei­spiel).

Ob es nun so oder so oder anders war
Zwei Recher­chen, zwei Ergebnisse

Zum kom­plett gegen­sätz­li­chen Ergeb­nis kommt hin­ge­gen eine neue­re Recher­che mei­nes Lesers und frei­en Jour­na­lis­ten Clau­dio Minar­di aus dem Jah­re 2026. Einen ers­ten Hin­weis lie­fert dabei ein Pro­to­koll der TV-Pro­gramm­kon­fe­renz aller dama­li­gen ARD-Lan­des­rund­funk­an­stal­ten in Mün­chen von Ende März 1956, das Minar­di aus dem WDR-Archiv los­ei­sen konn­te. Die­ses beinhal­tet eine vor­läu­fi­ge Teil­neh­mer­lis­te, auf der die Gesangs­stars des deut­schen Vor­ent­scheids 1956 getrennt nach den sie jeweils ent­sen­den­den Lan­des­rund­funk­an­stal­ten auf­ge­führt sind.

Ausschnitt aus einem Rundfunkrats-Protokoll mit der Teilnehmerliste des deutschen Vorentscheids 1956.
Die vor­läu­fi­ge Teil­neh­mer­lis­te laut Pro­gramm­kon­fe­renz-Pro­to­koll | (Quel­le:) Clau­dio Minar­di / WDR_UA_11850

Und sie­he da: der Süd­deut­sche Rund­funk (heu­te Teil des SWR) benann­te laut Pro­to­koll “Lys Assia oder Bibi Johns”. Was die Ver­mu­tung beflü­gelt, dass der nach inter­na­tio­na­lem Flair gie­ren­de SDR die popu­lä­re Schwei­ze­rin Assia als Wett­be­werbs­teil­neh­me­rin haben woll­te. Die nicht min­der popu­lä­re Schwe­din Bibi hät­te dann als Ersatz­kan­di­da­tin gedient, für (den dann ja auch ein­ge­tre­te­nen) Fall, dass Lys beim nur weni­ge Tage vor­her statt­fin­den­den eid­ge­nös­si­schen Vor­ent­scheid obsie­gen soll­te. Und damit nach all­ge­mei­nem Ver­ständ­nis natür­lich nicht mehr für Deutsch­land antre­ten konnte.

Eine Schwe­din nur als zwei­te Wahl anstel­le einer Schwei­ze­rin: rührt aus die­sem Faux­pas die bis heu­te anhal­ten­de, auf­fal­len­de Bevor­zu­gung schwe­di­scher Bei­trä­ge durch die deut­schen Jurys her, so als unter­be­wuss­te Wie­der­gut­ma­chung? (Reper­toire­bei­spiel)

Aller­dings lagen zwi­schen der Pro­gramm­kon­fe­renz und der mög­li­chen deut­schen Vor­auswahl mehr als vier Wochen, in denen viel gesche­hen konn­te. Inso­fern belegt auch die­ses Pro­to­koll ledig­lich, dass eine sol­che Sen­dung geplant war, nicht jedoch, dass sie auch tat­säch­lich stattfand.

Das von dem Pro­to­koll auf­ge­wor­fe­ne wei­te­re Rät­sel, wer zur Höl­le eigent­lich die­se “Melit­ta Kil­len­berg” ist, wel­che der Süd­west­funk nach Köln ent­sandt haben soll, lös­te mein Leser Adri­an Wacho­wi­ak (vie­len Dank!) hilf­rei­cher­wei­se auf: es ist eine unter dem bür­ger­li­chen Namen Melit­ta Kil­len­ber­ger gebo­re­ne und kurz­zei­tig unter dem deut­lich weni­ger gewalt­tä­gig klin­gen­den Pseud­onym Melit­ta Berg auf­ge­tre­te­ne Schla­ger­sän­ge­rin vom Boden­see. Wie­wohl ihr Name (man­gels Pro­mi­nenz?) in der Ankün­di­gung der Hör­Zu fehlt, behaup­tet ein Bericht des Memo­ry Radios vom März 2001: “Im Mai 1956 ver­trat Melit­ta Berg den Süd­west­funk bei Nach­wuchs­wett­be­werb ‘Schla­ger und Chan­sons’ beim Fern­seh­sen­der Köln”. Wo sie aller­dings die ein­zi­ge Nach­wuchs­künst­le­rin in einem Feld bereits deut­lich arri­vier­te­rer Namen blei­ben sollte.

Den­noch zahl­te sich ihre Teil­nah­me in einer Signie­rung durch die Poly­dor aus. Obwohl, naja: bis zum Aus­lau­fen ihres Plat­ten­ver­trags im Jah­re 1962 brach­te die Berg gan­ze zwölf Sin­gles her­aus, von denen gera­de mal drei Titel in den Ver­kaufs­lis­ten notier­ten und ins­ge­samt eini­ge weni­ge hun­dert­tau­send Exem­pla­re über die Laden­ti­sche gin­gen. Der Löwen­an­teil ent­fiel auf eine Cover­ver­si­on: ‘To know him is to love him’ hieß das Erst­lings­werk der US-ame­ri­ka­ni­schen Musik­pro­du­zen­ten­le­gen­de Phil Spec­tor, das ihm 1958 (als Teil des Tri­os Ted­dy Bears) einen US-Num­mer-Eins-Hit bescher­te und den Beginn einer bedeu­ten­den Welt­kar­rie­re mar­kier­te. ‘Nur du, du, du allein’, die Ein­deut­schung von Melit­ta Berg, beleg­te 1959 Platz 2 in den deut­schen Charts. Wei­te­ren Ver­su­chen mit Euro­vi­si­ons­ti­teln wie der Ein­deut­schung von ‘Roman­ti­ca’ (IT 1960) oder ‘Eine Rose aus San­ta Moni­ca’ (Deut­scher Vor­ent­scheid 1962) blieb der kom­mer­zi­el­le Erfolg versagt.

Willst Du Schwan­ger­schaft ver­hü­ten, nimm Melit­ta Fil­ter­tü­ten! (Reper­toire­bei­spiel). 

Nach­dem sich die laut Memo­ry-Radio von Frau Kil­len­ber­ger ange­streb­te Chan­son- und Thea­ter­kar­rie­re nach­hal­tig nicht mani­fes­tier­te, schul­te sie schließ­lich zur Alten­pfle­ge­rin um und übte die­sen Beruf wohl bis zur Ren­te aus. Womit sich zeigt: selbst aus Euro­vi­si­ons­teil­neh­men­den kann noch etwas Ver­nünf­ti­ges werden!

Ausschnitt des Sendeprotokoll des Ersten vom 1. Mai 1956 mit Listung der Sendung "Grand Prix 1956".
Das Sen­de­pro­to­koll vom 1. Mai 1956. Quel­le: Clau­dio Minar­di / UA WDR

Doch zurück zum Haupt­er­zähl­strang! Mehr Bedeu­tung als dem Kon­fe­renz-Pro­to­koll kommt einem wei­te­ren Doku­ment des WDR-Archivs zu, näm­lich dem vom Sen­de­lei­ter para­phier­ten offi­zi­el­len Sen­de­pro­to­koll des Ers­ten Deut­schen Fern­se­hens vom 1. Mai 1956. In sol­chen Nie­der­schrif­ten wur­de sei­ner­zeit der tat­säch­li­che Sen­de­ab­lauf fest­ge­hal­ten. Was um so glaub­wür­di­ger erscheint, da das Pro­to­koll minu­ti­ös die Über­zie­hung der ursprüng­lich nur bis 22 Uhr geplan­ten TV-Aus­strah­lung um gan­ze 27 Minu­ten (!) notierte.

Lei­der gibt es kei­ne detail­lier­ten Anga­ben zum Inhalt der Show, also den Teilnehmer:innen. Aller­dings spricht eine Sen­de­zeit von gan­zen zwei­ein­halb Stun­den nicht dafür, dass ledig­lich Quinn und Schwarz als intern Nomi­nier­te ihre Bei­trä­ge dort vor­ge­stellt hät­ten. Und dass die aus­ge­boo­te­ten, ursprüng­lich für den Wett­be­werb ange­frag­ten ande­ren Künstler:innen nun­mehr ledig­lich als schmü­cken­des Bei­werk in der Sen­dung auf­ge­tre­ten wären, erscheint mir kaum vorstellbar.

Minar­di berich­tet außer­dem, mit einer oder einem auf eige­nen Wunsch unge­nannt blei­ben­den Ver­wand­ten von W.A. Schwarz gespro­chen zu haben, welche:r den Vor­ent­scheid sei­ner­zeit selbst am Fern­se­her ver­folgt habe. Nun lässt sich die­ser Augen­zeu­gen­be­richt genau­so wenig veri­fi­zie­ren wie die (Nicht-)Existenz des wei­ter oben ange­spro­che­nen Buches von Tscha­jk Frei­berg oder des­sen Quel­len. Das Sen­de­pro­to­koll exis­tiert aller­dings offen­sicht­lich wirk­lich und scheint mir damit ein ziem­lich hand­fes­ter Beweis dafür zu sein, dass der deut­sche Vor­ent­scheid 1956 tat­säch­lich statt­fand und über die Anten­ne ging.

Hoch­gra­dig span­nend: die Recher­chen von Clau­dio Minar­di zum ers­ten deut­schen Vorentscheid.

Beibt die Fra­ge, wes­we­gen auch Fred­dy Quinn ins Tes­sin ent­sandt wur­de, wo er doch vor­ab in kei­ner Teil­neh­mer­lis­te auf­tauch­te. Denk­bar (wenn­gleich pure Spe­ku­la­ti­on), dass er erst im Nach­gang zur Pro­gramm­kon­fe­renz, mit­hin zu spät für die Hör­Zu, nomi­niert wur­de und sich ganz regu­lär dem Wett­be­werb stell­te. Oder aber, dass die ARD auf die von Frei­berg erwähn­te Bedin­gung der Poly­dor ein­ging und ihm einen fixen Start­platz für Luga­no zuschanz­te, wäh­rend man beim den­noch durch­ge­führ­ten Wett­be­werb in Köln nur noch um den zwei­ten ESC-Slot sang und rang.

Macht doch, was ihr wollt
Das Lais­sez-fai­re der EBU

Die­ser, nen­nen wir es mal: sehr fle­xi­ble Umgang mit der Aus­wahl der natio­na­len Repräsentant:innen stieß und stößt in Genf auf kei­ner­lei Gegen­wehr. Denn auf wel­che Art und Wei­se die betei­lig­ten Rund­funk­an­stal­ten ihre:n Vertreter:in bestim­men, da mischt sich die EBU bis zum heu­ti­gen Tage nicht ein. Ob inter­ne Aus­wahl, öffent­li­cher Vor­ent­scheid oder rei­ne Song­selek­ti­on bei fest­ste­hen­dem Künst­ler; ob Jury- oder Tele­vo­ting; die (Nicht-)Einhaltung der Drei-Minu­ten- und der Sechs-Per­so­nen-Regel; die Ver­wen­dung von Play­back-Chor­stim­men, die Aus­ge­stal­tung der Sen­dung oder die Staats­bür­ger­schaft der Komponist:innen und Interpret:innen: all das kön­nen die natio­na­len Sen­der hal­ten, wie immer sie lus­tig sind. In man­chen Län­dern hat sich dabei ein über die Jah­re gele­gent­lich sanft ange­pass­tes, aber von der Grund­struk­tur her unver­än­der­tes For­mat ent­wi­ckelt (Stich­wort: Melo­di­fes­ti­valen), ande­re nut­zen bereits bestehen­de, tra­di­tio­nel­le Fes­ti­vals (San­re­mo, Fes­ti­vali i Kën­ges), man­che Staa­ten wie Deutsch­land hin­ge­gen erfin­den ger­ne jedes Jahr das Rad neu. Und genau das macht die­se Shows so wun­der­bar viel­fäl­tig und oft­mals inter­es­san­ter als den Haupt­wett­be­werb selbst!

Und die Gans ruft ga-ga-ga: bereits 1955 ver­öf­fent­lich­te Mar­got Eskens unter ande­rem die­se Per­le deut­scher Dicht­kunst (Reper­toire­bei­spiel).

Vor­ent­scheid DE 1956

Grand Prix Euro­vi­si­on – Schla­ger & Chan­sons. Diens­tag, 1. Mai 1956, aus dem Gro­ßen Sen­de­saal des NWDR in Köln. Zwölf Teilnehmer:innen, Mode­ra­ti­on: Heinz Piper.

Inter­pre­tenSong­ti­telErgeb­nisCharts
Angè­le Durand(unbe­kannt)
Bibi Johns(unbe­kannt)
Eva Busch(unbe­kannt)
Fred­dy QuinnSo geht das jede Nachtqualf.10
Frie­del Hensch & die Cyprys(unbe­kannt)
Ger­hard Wendland(unbe­kannt)
Hans Arno Simon(unbe­kannt)
Lys Assia(unbe­kannt)
Mar­got Eskens(unbe­kannt)
Mar­got Hielscher(unbe­kannt)
Rolf Baro(unbe­kannt)
Wal­ter Andre­as SchwarzIm War­te­saal zum gro­ßen Glückqua­lif.

Letz­te Über­ar­bei­tung: 07.08.2026

Deut­scher Vor­ent­scheid 1957 >

6 Comments

  • Es mag ja sein, das Lys Assia an der mög­li­chen deut­schen Vor­end­schei­dung teil­ge­nom­men hat, aber dann eher nicht mit die­sem Titel. Nach mei­nen Recher­chen stammt der Titel “Ein klei­ner gold’ner Ring” aus dem Jah­re 1961 und star­te­te bei den Deut­schen Schla­ger­fest­spie­len 1961. Dort kam er auf den 3. Platz.

  • Dan­ke für den Hin­weis! Wiki­pe­dia bestä­tigt das, was Du sagst. Ich hab es aus dem Text wie­der rausgenommen.

  • Der ursprüng­lich geplan­te deut­sche Vor­ent­scheid 1956 wur­de gekippt, als die Plat­ten­fir­ma Poly­dor Fred­dy Quinn, damals ein auf­stei­gen­der Star, als deut­schen Ver­tre­ter für Luga­no ins Gespräch brach­te – unter Bedin­gung einer Direkt­no­mi­nie­rung (Fred­dy Quinn zähl­te zu kei­ner Zeit zu den geplan­ten Vor­ent­schei­dungs­teil­neh­mern). Die ARD nahm die­ses Ange­bot an und ver­gab den zwei­ten deut­schen Start­platz an die Plat­ten­fir­ma Ario­la, die dar­auf­hin Wal­ter Andre­as Schwarz nomi­nier­te (der im Gegen­satz zu Quinn auch am Vor­ent­scheid hät­te teil­neh­men sollen).
    Die trei­ben­den Kräf­te bei der Aus­wahl der bei­den ers­ten deut­schen Reprä­sen­tan­ten waren also gro­ße Plat­ten­fir­men. Wobei die Durch­füh­rung eines öffent­li­chen natio­na­len Vor­ent­scheids von Sei­ten der EBU eine Emp­feh­lung war, kei­ne Verpflichtung.
    Und Lys Assia hät­te in Deutsch­land nicht als Wett­be­werbs­kan­di­da­tin mit­wir­ken sol­len, son­dern als Gast­star aus der Schweiz, Aus­tra­gungs­land des inter­na­tio­na­len Finales. 

    Die­se Zusam­men­hän­ge hat Tscha­jk Frei­berg für sein Buch “Tu te recon­naî­tras – The Sto­ry of Euro­vi­si­on” aus dem Jah­re 2005 recherchiert.

  • @chris
    Ich bin frei­er Jour­na­list und recher­chie­re der­zeit zum ers­ten ESC. Gibt es eine Mög­lich­keit, an das Buch her­an­zu­kom­men? Wäre es mög­lich, dass Sie mir das Kapi­tel kopie­ren könn­ten, falls Sie das Buch besit­zen? Und gibt es eine Mög­lich­keit, mit dem Autor in Kon­takt zu kom­men? Für mei­ne Recher­che wäre das enorm hilfreich.
    Vie­len Dank und bes­te Grüße!

  • Die gesuch­te Melit­ta Kil­len­berg dürf­te Melit­ta Berg, die mit bür­ger­li­chem Namen Melit­ta Kil­len­ber­ger heißt, sein.

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